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Medizinisches Cannabis

Cannabis – Made in Germany

In wenigen Monaten bekommen Patienten in der Apotheke das erste Cannabis aus Deutschland. Doch wo kommt das Cannabis – Made in Germany her, wie wird es angebaut und welche Schritte durchläuft eine junge Cannabis Sativa-Pflanze bis hin zum fertigen Arzneimittel? Ein Rundgang durch eine der ersten Indoor-Anbaustätten hierzulande.
Charlotte Kurz
26.12.2020  09:00 Uhr

Unscheinbar steht die große Halle mitten im Gewerbegebiet in Neumünster, einer kleinen Stadt mit rund 80.000 Einwohnern, gelegen zwischen Kiel und Hamburg. Das hellgraue, zweistöckige Gebäude mit rund 6000 Quadratmetern Grundfläche erstreckt sich neben einem großen Logistikunternehmen und einem Milchtrockenwerk. Vor der Halle mit blauem Firmenlogo duckt sich ein einstöckiger Glaskasten mit orangefarbenen Streben – die Sicherheitsschleuse. Die Eingangstür neben dem Drehkreuz steht noch offen, die Anlage mit den frisch errichteten Zäunen lässt aber erahnen, dass es sich hierbei nicht um ein normales Gewerbe handelt.

»Wir befinden uns hier quasi in Fort Knox«, erklärte Thorsten Kolisch, Geschäftsführer von Aphria in Anspielung auf das streng gesicherte Lager für Goldreserven in den USA. Mit zwei Sicherheitsschleusen, hunderten Überwachungskameras, schusssicherem Glas, Körperschallmessgeräten und 24 Zentimeter dickem Stahlbeton ist die Anlage in Neumünster gesichert. Wenn es nach Kolisch ginge, dann würde sich die Deutschlandtochter Aphria RX der kanadischen Firma Aphria die Kosten und Mühen der Sicherheitsvorkehrungen ersparen, laut Vorschrift der Bundesopiumstelle sind diese aber nötig, denn: In Neumünster wird bald das erste Cannabis – Made in Germany angebaut.

Dass die Vorschriften bezüglich des Cannabis-Anbaus so streng sind, hat einen einfachen Grund: Das Anbauen, der Besitz und Verkauf von Cannabis ist in Deutschland illegal, allerdings ist das Verordnen und Anbauen von medizinischem Cannabis erlaubt. Seit einigen Jahren können cannabishaltige Fertigarzneimittel verordnet werden, seit März 2017 können Ärzte zudem auch Cannabisblüten und -extrakte verschreiben. Wer demnach eine entsprechende Genehmigung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat, darf auch Cannabis anbauen. Die Bundesregierung möchte den Anbau von Cannabis in Deutschland ermöglichen, um die Versorgung von Patienten sicherzustellen. Aphria ist eines von drei Unternehmen in Deutschland (Aphria, Aurora und Demecan), die vergangenes Jahr vom BfArM die entsprechende Erlaubnis erteilt bekommen hatte. Insgesamt 13 Lose zu je 200 Kilogramm Jahresmenge vergab das Institut. Damit sollen über vier Jahre hinweg 10,4 Tonnen Cannabis in Deutschland angebaut werden.

In der grauen, frisch gebauten Halle in Neumünster sollen auf 3000 Quadratmetern Anbaufläche in insgesamt acht Indoor-Vegetationskammern pro Jahr eine Tonne Cannabisblüten der weiblichen Cannabis Sativa-Pflanze geerntet werden. »Wir könnten auch mehr produzieren«, betonte Hendrik Knopp, der gemeinsam mit Kolisch die Firma Aphria leitet. Das Grundstück, das Aphria für den Anbau gekauft hatte, bietet neben der neugebauten Halle Platz für ein weiteres Gebäude. »Der Platz ist vorbereitet für den Ausbau. Die Anbaufläche könnten wir also nochmal verdoppeln«, erklärte Knopp. Mehr anbauen dürfen die beiden jedoch nicht, sie müssen sich an die strengen Regelungen der erteilten Lose halten.

Bedarf an Medizinalcannabis wächst

Allerdings könnte das BfArM bereits vor Ablauf der vier Jahre eine weitere Ausschreibung starten, dafür sieht sich Aphria mit der Erweiterungsoption gut gerüstet. Denn Zahlen des BfArM zeigen, dass die Importe von Medizinalcannabis seit 2017 kontinuierlich angestiegen sind. Während damals noch 1,2 Tonnen Cannabis nach Deutschland importiert wurden, erfolgte 2019 bereits die Einfuhr von rund 6,7 Tonnen. Für die ersten drei Quartale 2020 belief sich diese Zahl bereits auf knapp 6 Tonnen. Die BfArM-Ausschreibung für in Deutschland produziertes Cannabis für die nächsten vier Jahre sieht aber nur eine Menge von 2,6 Tonnen pro Jahr vor. Diese Menge kann zwar durch individuelle Vereinbarungen auf bis zu 2,86 Tonnen pro Jahr erhöht werden, aber auch diese Steigerung wird den Bedarf an medizinischem Cannabis in den nächsten Jahren nicht decken. Damit wird Deutschland weiter auf Importe aus Kanada, den Niederlanden oder jüngst auch aus Dänemark angewiesen sein. Trotz Importen besteht aktuell ein Versorgungsengpass von Medizinalcannabis, viele Apotheken müssen Patienten mit entsprechenden Verordnungen wegschicken und könne sie nicht versorgen.

Doch zurück nach Neumünster, wie genau wird in der grauen Halle denn reines Cannabis produziert? »Die Cannabispflanzen, die hier angebaut werden, kommen aus Kanada«, erklärt Knopp. Drei verschiedene Sorten werden in den kommenden Jahren in Neumünster angebaut. Die stark THC-haltige Sorte »Aphria Strong 9« wird einen THC-Gehalt von 18 bis 22 Prozent und einen CBD Gehalt von weniger als 1 Prozent haben. Die zweite Sorte »Aphria medium 6« soll einen THC-Gehalt von 12 bis 16 Prozent und ebenfalls einen geringen CBD-Gehalt von weniger als 1 Prozent beinhalten. Die dritte Sorte hat einen höheren CBD-Gehalt: »Aphria Balanced 3« weist einen THC- sowie CBD-Gehalt von 5 bis 9 Prozent auf. Große Schwankungen im THC- und CBD-Gehalt sind nicht vorgesehen, der Gehalt dürfe um bis zu 10 Prozent schwanken, so Knopp.

Pflanzen sollen keimfrei heranwachsen

Demnach wurden je Sorte 150 Stecklinge aus Kanada eingeflogen. »Die drei Sorten werden parallel angebaut. Das war die große Herausforderung für uns, dass es hier zu keiner Kreuzkontamination kommt. Nach jeder Ernte wird alles gereinigt und dann kommt die nächste Charge«, erklärte Knopp. Aus den ersten Setzlingen werden die künftigen Cannabis-Pflanzen via Mikrovermehrung geklont. Die gleiche Pflanze wird über die nächsten Jahre somit immer wieder verwendet. Nach einer 10-tägigen Anzuchtphase in den Anzuchtkammern, die quasi als Kinderstuben fungieren, werden die Pflanzen in die größeren Blühvegetationskammern mit je rund 170 Quadratmetern in Mineralwolle-Blöcke gepflanzt. Die Pflanzen dürfen nicht in Erde gedeihen, da aus Sorge vor Krankheiten jegliche organischen Stoffe von ihnen ferngehalten werden müssen.

So dürfen auch nur wenige Menschen in die Kammern mit entsprechender Schutzausrüstung, auch eine 20-sekündige Luftdusche zur Reinigung von Pilzen und Sporen darf vor dem Betreten der Kammern nicht fehlen. Eventuell verbleibende Sporen und Keime in der Kammer werden durch die Zugabe von Ozon abgetötet, erklärte Kolisch. »Ein Befall wie etwa Blattläuse ist damit nahezu ausgeschlossen. Eine befallene Kammer könnte jedoch autark evakuiert werden«, betonte der 51-Jährige. Pro Kammer wachsen in 45 Reihen eng nebeneinander die Pflanzen. Durch Barcodes kann später jede Charge mit der exakten Zuordnung zur Kammer, Reihe und sogar einzelnen Pflanze nachvollzogen werden, woher die Cannabisblüten stammen.

Die Pflanzen verbringen in den Indoor-Kammern ohne Tageslicht rund 70 Tage und wachsen in dieser Zeit zu einer Höhe von etwa 80 Zentimetern heran. »Entscheidend ist aber nicht die Höhe der Pflanze, sondern die Qualität und Anzahl der Blüten«, betonte Knopp. Denn nur die Blüten werden später zu medizinischem Cannabis getrocknet und weiterverarbeitet. Während der Anbauzeit werden die Pflanzen über schwarze Dripper, die in jedem Steinwolle-Quader mit einer Kantenlänge von 15 Zentimetern stecken, mit einer speziellen Nährlösung unter anderem mit Stickstoff versorgt. »Die genaue Zusammensetzung der Nährlösung ist an jede Sorte angepasst und bleibt ein Firmengeheimnis«, erklärte Kolisch. Durch die verbesserten Bedingungen, einer konstanten Raumtemperatur zwischen 20 und 25 Grad und durch ungefähr 12 Stunden helles Pflanzenlicht am Tag kann der normale Zyklus in der Natur erheblich verkürzt werden. »Wir sind drei bis viermal schneller als die Natur. Wir planen vier bis fünf Ernten pro Jahr«, erklärt Knopp. Mit anderen Worten: In der Halle gibt es keinen Herbst und Winter, sondern nur die Jahreszeiten Frühling und Sommer.

Für den Anbau gibt es mehr als 2 Millionen Euro jährlich

»Die Pflanzen gehören bis zum Abschneiden uns«, betonte Knopp. Durch die vertraglichen Regelungen mit der Cannabisagentur, die beim BfArM angesiedelt ist, sind die Besitzverhältnisse klar geregelt. Aphria darf die Pflanzen somit bis zur Ernte für firmeneigene  Forschung verwenden, danach gehen die Pflanzen in den Besitz der Bundesregierung über. Die Hersteller sollen einen festgelegten Herstellerabgabepreis für das angebaute Cannabis erhalten. Laut einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der FDP erhalten die Cannabis-Produzenten durchschnittlich 2,20 Euro pro Gramm Cannabisblüten. Damit würde Aphria jährlich 2,2 Millionen Euro für den Cannabis-Anbau erhalten. Über vier Jahre hinweg sind das 8,8 Millionen Euro.

Der Produzentenpreis steht damit fest. Wie hoch der Ankaufspreis für die Apotheken oder den Großhandel ist, ist allerdings noch unklar. Die aktuelle Preisberechnung von importierten Cannabisblüten liegt nach einer Neutaxierung zum 1. März 2020 bei durchschnittlich 19,30 Euro je Gramm. Der Schwarzmarktpreis für Cannabis liegt in Deutschland deutlich darunter, bei aktuell rund 9 bis 13 Euro pro Gramm.

In Neumünster fehlt noch der letzte Schritt, der das geerntete Cannabis in ein Arzneimittel umwandelt: Nach etwa 70 Tagen Anbau wird das medizinische Cannabis geerntet. Die Pflanzen werden nach dem Abschneiden durch eine Luftschleuse transportiert, die die Pflanzenräume, von Reinräumen, die nach Good Manufacturing Practice (GMP)-Anweisung eingerichtet sind, trennt. Dort werden die Blüten von den Pflanzen getrennt und getrocknet. In rollbaren Wägen, ähnlich wie sie bei Bäckereien verwendet werden, werden die Blüten auf vielen Ebenen übereinander ausgebreitet und bei etwa 24 Grad Lufttemperatur sieben Tage lang getrocknet. Die vorhandene Menge wird durch Wiegen vor und nach dem Trocknungsvorgang überprüft. Nach diesem Schritt ist das Medizinalcannabis fertig und wird nur noch in 50-Gramm-Dosen verpackt.

40 Mitarbeiter an Anbau, Ernte und Produktion beteiligt

Für die einzelnen Schritte, vom Anbau über die Ernte bis hin zur Trocknung und Verpackung der Cannabisblüten sind rund 40 Mitarbeiter in Neumünster beteiligt. Vom Gärtner bis hin zu Pharmazeuten werden für den Cannabis-Anbau diverse Expertisen benötigt. Zwei bis vier Apotheker sind ebenfalls dort angestellt, um insbesondere im GMP-Bereich für die korrekte Verarbeitung der Cannabisblüten zu sorgen.

»Abgeholt wird das Cannabis von einer Firma, die ebenfalls vom BfArM beauftragt wurde, die Cansativa«, erläuterte Knopp. Das Startup aus Mörfelden-Walldorf bezeichnet sich auf der eigenen Webseite als »One-Stop-Shop« und übernimmt damit die Rolle des Großhändlers und Anlaufstelle für Apotheken. Cansativa ist für die gesamte Logistik bis zur Lieferung in die Apotheke zuständig. Eigenen Angaben zufolge beliefert das Unternehmen Apotheken mit medizinischem Cannabis bereits seit zwei Jahren, bisher nur eben Importware aus dem Ausland.

Die abgepackten und getrockneten Cannabisblüten aus Neumünster verlassen fertig die Produktionshalle. »Die erste Ernte wird im ersten Quartal 2021 erfolgen, damit könnte unser Cannabis Anfang des zweiten Quartals 2021 in den Apotheken verfügbar sein«, erklärte Knopp. Ein Zwischenschritt wird jedoch vor allem am Anfang noch nötig sein: »Wenn die mikrobakterielle Belastung hoch ist, müssen die Blüten in riesigen Anlagen noch bestrahlt werden«, erklärte Knopp. Ziel sei es jedoch, das Cannabis in so guter Qualität auszuliefern, dass eine Bestrahlung nicht mehr notwendig sei. Am Anfang werde das Medizinalcannabis aber mit Sicherheit noch mit Gamma-Strahlen bestrahlt, insbesondere um Keime abzutöten und die Sicherheit der Patienten, insbesondere Krebspatienten, nicht zu gefährden, so Knopp.

Cannabis-Ruf verbessert sich zunehmend

Schon in ein paar Monaten wird das angebaute Cannabis aus Neumünster in den Apotheken verkauft werden, wenn alles nach Plan läuft. Und obwohl die Nachfrage nach medizinischem Cannabis in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen ist, plant die Bundesregierung derzeit keine weiteren Ausschreibungen. Sie wolle die Erfahrungen des ersten Anbaus zunächst abwarten, erklärte sie in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion. Dass der Bedarf weiter wachsen wird ist allerdings klar. Einer der Hauptgründe: Der Ruf von Cannabis als gefährliche Rauschdroge hin zu einem wirksamen Medikament verbessert sich stetig. Erst vor kurzem strich die UN-Suchtmittelkommission (Commission on Narcotic Drugs) in Wien Cannabis von der Liste der gefährlichen Drogen. 1961 wurde die UN-Drogenkonvention ins Leben gerufen, um der internationalen Staatengemeinschaft Hilfestellung in der Einschätzung um die Gefährlichkeit von Drogen und Substanzen zu geben. Cannabis ist demzufolge nun nicht mehr in der Kategorie IV der gefährlichen Drogen gelistet und damit nicht mehr mit etwa Heroin gleichgestellt, sondern in der Kategorie I der Übereinkunft von 1961 gelistet. Mit dieser Entscheidung folgte die UN-Suchtstoffkommission der Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Januar 2019.

Die beiden Aphria-Geschäftsführer Knopp und Kolisch sehen der Zukunft entspannt entgegen. Ihre Anlage steht, das erste Cannabis wird bald angebaut und kann in den kommenden Wochen auch geerntet werden. Wenn ihnen keine Wurzelfäule, Blattläuse oder Mehltau in die Quere kommt, dann wird das Neumünster-Cannabis bald in die Apotheken geliefert und kann zu einer sicheren und zuverlässigen Patientenversorgung in naher Zukunft beitragen.

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