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Coronavirus

Bundesregierung rechnet mit Epidemie in Deutschland

Angesichts der Ausbreitung des Coronavirus SARS-CoV-2 im Norden Italiens bereitet sich die Bundesregierung auch auf eine gravierendere Lage in Deutschland vor. Bei der routinemäßigen Überwachung von akuten Atemwegserkrankungen in deutschen Schwertpunktpraxen wird nun auch auf SARS-CoV-2 getestet, gab das RKI bekannt.
dpa
24.02.2020
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»Die Corona-Epidemie ist als Epidemie in Europa angekommen«, sagte Gesundheitsminister Jens Spahn am Montag in Berlin. »Deshalb müssen wir damit rechnen, dass sie sich auch in Deutschland ausbreiten kann.« Die »sehr, sehr dynamische Lage« deute darauf hin, dass sich das Virus in Form einer Pandemie ausbreite. In Italien forderte der Ausbruch bislang mindestens sechs Todesopfer.

Angesichts von 16 bekannten Infektionsfällen in Deutschland sei es noch möglich, Betroffene zu isolieren, zu behandeln und ihre Kontaktpersonen zu ermitteln, so Spahn. Bei einer stärkeren Ausbreitung müsse der Schwerpunkt in einer möglichen »nächsten Phase« auf Behandlung und Verhaltenshinweise an die Bevölkerung gelegt werden.

Auf die Frage, ob ganze Städte abgeriegelt werden könnten, sagte der Politiker, theoretisch sei vieles denkbar. Notwendig sei so ein Schritt nicht. »Von der Absage von Großveranstaltungen (...) bis zum kompletten Abriegeln ganzer Städte gibt es ja auch noch viele Zwischenstufen.« Spahn betonte: »Wir reagieren jederzeit angemessen und verhältnismäßig.«

Der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Professor Dr. Lothar Wieler, meldete Zweifel an, ob in Deutschland ganze Städte unter Quarantäne gestellt werden könnten. In China sei dies nur mit dem Einsatz von Militär gelungen. In Bezug auf die medizinische Forschung sei er optimistisch. »Einen Impfstoff werden wir in einem Jahr etwa haben«, so Wieler. Auch der RKI-Präsident rechnet mit einer weiteren Verbreitung des Erregers: »Wir müssen davon ausgehen, dass er sich in Deutschland weiter ausbreitet.«

Spahn betonte, jeder könne dazu beitragen, dass sich das Virus nicht verbreite: Wichtig sei es, mehrmals am Tag gründlich die Hände zu waschen, beim Husten andere zu schützen und sich nicht selbst ins Gesicht zu fassen. Grenzschließungen plant die Bundesregierung derzeit nicht. Entsprechende Überlegungen gebe es im Bundesinnenministerium nicht, sagte ein Ressortsprecher. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amts verwies auf geänderte Reisehinweise für Italien, nach denen man sich vor einem Reiseantritt gegebenenfalls beim italienischen Gesundheitsministerium über die aktuelle Lage informieren solle.

Vorbereitungen in Bayern

In Bayern rüstet man sich für mögliche Infektionen von Reisenden, die in den Freistaat zurückkehren. »Wer in Italien mit einem Coronavirus-Fall persönlichen Kontakt hatte, sollte sich umgehend an sein Gesundheitsamt wenden«, teilte das Gesundheitsministerium mit. Bis Montagnachmittag habe es keine neuen bestätigten Coronavirus-Fälle in Bayern gegeben.

Der zuständige Arbeitsstab des Ministeriums habe sich am Montag mit der Lage in Italien befasst, wo vor allem im Norden des Landes weit mehr als 150 Infektionen bestätigt sind. Das Gremium bereite das Vorgehen der Gesundheitsbehörden für den Fall möglicher Infektionen von Reisenden vor, die aus Italien zurückkehren. Details sollten kurzfristig und eng abgestimmt mit den Ärzteverbänden festgelegt werden. Das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit stelle zudem Informationen speziell für Italien-Reisende bereit.

Tests auf SARS-CoV-2

Bei der routinemäßigen Überwachung von akuten Atemwegserkrankungen in Deutschland mithilfe von ausgewählten Arztpraxen wird nun auch Augenmerk auf das neuartige Coronavirus gelegt. Wie das RKI bekanntgab, hat die Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) eine Untersuchung auf SARS-CoV-2 »in das Spektrum der zu untersuchenden Erreger integriert«. Nach RKI-Angaben werden Atemwegsproben von Patienten aus 100 bis 150 Arztpraxen nun auch dahingehend analysiert. Dadurch könnte eine bislang unbemerkte Verbreitung des Erregers entdeckt werden.

Bei der ganzjährigen Überwachung durch die AGI geht es unter anderem um den Verlauf und die Stärke der Atemwegserkrankungen sowie um Merkmale der jeweils zirkulierenden Erreger. Vorrangig geht es dabei um die Grippe, an der jedes Jahr Tausende Menschen in Deutschland erkranken. Getestet wird unter anderem auch auf Rhinoviren, die oft hinter Schnupfen und Erkältungen stecken.

WHO sieht keine Pandemie

Trotz der zahlreichen neuen Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 in Italien und anderswo gibt sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) optimistisch. Es sei sehr ermutigend, dass die Fallzahlen in China zurückgingen, sagte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus am Montag in Genf. Die Ausbreitung des Virus könne noch gestoppt werden. Die Zahlen aus Italien, dem Iran und Südkorea seien gleichwohl sehr beunruhigend, sagte er.

Nach WHO-Einschätzung handele es sich bislang nicht um eine Pandemie, sondern um Epidemien in einzelnen Ländern. Es gebe bislang keine unkontrollierte globale Ausweitung des Virus, sagte Tedros. Von einer Pandemie zu sprechen, würde Angst schüren und es sei im Prinzip unerheblich, so Tedros weiter. Die WHO habe bereits mit der Ausrufung einer gesundheitlichen Notlage von internationaler Tragweite ihre höchste Alarmstufe verhängt.

Die WHO-Experten, die zusammen mit chinesischen Kollegen die betroffenen Provinzen in China besucht haben, seien mit wichtigen Erkenntnissen zurückgekehrt, so Tedros. Sie seien zu dem Schluss gekommen, dass der Ausbruch in China Ende Januar seinen Höhepunkt erreicht und überschritten habe. Die DNA des Virus habe sich nicht erheblich verändert. Die Mortalität außerhalb von Wuhan liege bei 0,7 Prozent. Menschen mit milden Symptomen erholten sich in zwei Wochen, solche mit schweren Symptomen brauchten drei bis sieben Wochen. Ausführlicher wollte die WHO am Dienstag über die Ergebnisse berichten.

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