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Lieferengpässe

Broich: Kosten für europäische Produktion gerecht verteilen

Arzneimittelproduktion soll künftig wieder verstärkt in Europa stattfinden. Das hat sich zumindest die deutsche EU-Ratspräsidentschaft zum Ziel gesetzt. Die damit verbundenen Kosten sollten sich Hersteller, Krankenkassen und die Gesellschaft teilen, fordert Professor Karl Broich, Chef des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM).
Stephanie Schersch
03.09.2020  09:57 Uhr

Es ist ein altbekanntes Problem, das im Zuge der Coronavirus-Pandemie noch einmal deutlich an Brisanz gewonnen hat: Wirkstoffproduktion findet heute überwiegend in Ländern wie Indien und China statt. Nicht selten gibt es auch dort bei einigen Wirkstoffen nur ein einziges Unternehmen, das die gesamte Herstellung auf sich vereint. Kommt es dort zu Problemen, bricht die komplette Produktion zusammen und Lieferengpässe drohen. Zuletzt wurden im Zuge der Krise auch die komplexen Transportwege zu einem wachsenden Problem.

Der deutsche Vorstoß, Arzneimittelproduktion wieder zurück nach Europa zu holen, trifft daher fast überall auf breite Zustimmung. Eine schnelle Lösung der Probleme verspricht dieser Ansatz jedoch nicht. »Wir sprechen hier in jedem Fall von einem mehrjährigen Prozess«, sagte Broich am Mittwoch im Rahmen einer Online-Veranstaltung des House of Pharma & Healthcare. Dennoch sei es ein absolut notwendiger Schritt. So müsse man »das Know-How der Arzneimittelproduktion auf verschiedene Regionen in der Welt verteilen«. Die Coronavirus-Krise habe das zuletzt mehr denn je deutlich gemacht.

400 Lieferausfälle pro Jahr

Tatsächlich haben die Apotheker seit Beginn der Pandemie verstärkt mit Lieferschwierigkeiten zu tun. Professor Martin Hug, Leiter der Apotheke am Uniklinikum Freiburg, rechnet für dieses Jahr mit etwa 400 konkreten Lieferproblemen. »Betroffen sind damit etwa 10 Prozent unseres Sortiments«, so Hug. In den meisten Fällen hätten die Lieferschwierigkeiten aber gar nichts mit der Krise zu tun. »Ich weiß nicht, wo das noch hinführen soll.«

Auch beim deutschen Arzneimittelhersteller Stada kommt es bei etwa 5 bis 10 Prozent der Produkte zu Engpässen, wie Stada-Deutschlandchef Eelco Ockers berichtete. Auch er begrüßt die Pläne für mehr europäische Produktion, mahnte aber zugleich weitere Schritte an. »Es gibt viele Schrauben, an denen man drehen muss«, so Ockers. Dabei nahm er vor allem die Rabattverträge in den Blick. So müssten bei Ausschreibungen grundsätzlich drei Unternehmen pro Los den Zuschlag bekommen. »Nur so können wir Risiken spreizen.« Darüber hinaus forderte Ockers, nicht allein den Preis, sondern etwa auch die Produktion in Europa zur Voraussetzung für einen Vertragsabschluss zu erklären.

Eine neue Perspektive

Apotheker Hug warb vor diesem Hintergrund einen grundsätzlichen Wechsel der Perspektive. So dürften im Gesundheitswesen nicht immer nur die Kosten und in den Unternehmen nicht allein die Gewinne im Vordergrund stehen. »Wir müssen die Versorgungssicherheit stärker in den Fokus stellen«, mahnte er.

Welche Mehrkosten mit einer Produktionsverlagerung nach Europa auf das Gesundheitswesen zukommen würden, ist unklar. Für Broich muss es vor allem darum gehen, die Ausgaben gerecht auf mehrere Schultern zu verteilen. So müssten sich Hersteller und Krankenkassen an den Kosten beteiligen, sagte er. Der Gesellschaft müsse es aber auch etwas wert sein, Arzneimittel sicher in Europa herzustellen, so Broich.

 

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