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Liegengebliebene Grippeimpfstoffe

BMG denkt über Entschädigung der Apotheker nach

Die Grippesaison war für viele Apotheker ein Minusgeschäft, das seine Spuren hinterlässt. Mit der Hochdosis-Vakzine Efluelda® drohen ab Herbst zudem neue finanzielle Risiken. Im Bundesgesundheitsministerium denkt man nun über einen Ausgleich der Apotheker für die zuletzt liegengebliebenen Impfdosen nach.
Stephanie Schersch
02.03.2021  12:30 Uhr

Die abgelaufene Grippesaison haben viele Apotheker als eine Art Achterbahnfahrt erlebt. Bereits im frühen Herbst war die Nachfrage nach der Vakzine ausgesprochen groß, das Angebot der Hersteller aber sehr gering. Viele Ärzte mussten verärgerte Patienten wieder nach Hause schicken, weil einfach keine Impfstoffe verfügbar waren. Im November schließlich kam die Nationale Reserve der Bundesregierung in den Markt, eigentlich ein guter Zeitpunkt für die Grippeimpfung. Der große Ansturm allerdings war zu diesem Zeitpunkt schon wieder vorbei und die Nachfrage bis zum Jahreswechsel beinahe völlig verebbt.

Deutschlandweit kursierten Mitte Februar noch etwa 1 Millionen Impfdosen im Markt, für die es kaum noch Interessenten gab. Am Ende waren die Grippeimpfstoffe für viele Apotheker ein reines Minusgeschäft. Offenbar hat auch das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) dieses Problem nun erkannt. Dort denkt man nach Informationen der PZ über eine Art Ausgleich nach, die jede Apotheke für liegengebliebene Impfdosen erhält.  »Dem BMG sind Hinweise bekannt, dass die Nachfrage an Grippeimpfstoffen seit Mitte Dezember 2020 zurückgegangen ist und in Apotheken teilweise noch Impfstoffdosen lagern«, erklärte das Ministerium auf Nachfrage der PZ. Zu dieser Thematik stehe man mit der ABDA im Gespräch.  Dem Vernehmen nach soll eine einmalige Entschädigung für die Impfstoffe aus dieser Saison zur Diskussion stehen. Die schätzt man offensichtlich auch im BMG als eine besonders schwierige ein. Hinzu kommt, dass die Bundesregierung selbst rund 6 Millionen Dosen über die Nationale Reserve in den Markt gebracht hat. Auch aus diesem Pool sollen viele Impfstoffe in den Apotheken zurückgeblieben sein. 

Ein wichtiges Signal

Derzeit laufen die Gespräche über eine mögliche Entschädigung der Apotheker noch. Dabei drängt wie so oft in diesen Tagen die Zeit . Bislang lagern die Grippeimpfstoffe in den Kühlschränken der Offizinen. Schon bald wird dieser Platz allerdings anderweitig gebraucht, wenn die Corona-Impfstoffe in die normale Lieferkette drängen. Das könnte bereits in Kürze der Fall sein. Bis dahin müsste ein Prozedere für die Abwicklung der Grippeimpfstoffe stehen. 

Sollte die Entscheidung für einen finanziellen Ausgleich fallen, wäre das auch ein wichtiges Signal für die neue Saison. Derzeit nämlich hinterlassen die jüngsten Erfahrungen erste Spuren in den Impfstoffbestellungen für den kommenden Herbst. Die Bereitschaft der Apotheken, Impfstoffe auf eigenes Risiko zu bestellen, sei eher gebremst, sagte ein Sprecher der Apothekerverbände Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz auf Nachfrage der PZ. »Aktuell empfehlen wir unseren Mitgliedern, schriftliche und verbindliche Bestellungen von den Vertragsärzten einzuholen.« Auch Thomas Preis, Chef des Apothekerverbands Nordrhein (AVNR), bezeichnete die Apothekerschaft als gebranntes Kind. »Die jüngsten Erfahrungen werden sich im Bestellverhalten niederschlagen.«

Apotheker müssen in Vorleistung gehen

Dabei kommt in der neuen Saison eine weitere Entwicklung erschwerend hinzu. So wird mit Efluelda in diesem Herbst vorrangig ein vergleichsweise teurer Impfstoff zum Einsatz kommen. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) schreibt die tetravalente Hochdosis-Vakzine nach einer Indikationserweiterung für alle Menschen über 60 Jahre vor und damit für einen Großteil der Hochrisiko-Gruppe. Der Impfstoff kostet in etwa drei Mal so viel wie die üblich dosierten Präparate. Damit müssen die Apotheker in der kommenden Saison mit einer deutlich größeren Summe in Vorleistung gehen als sonst. Zudem steigt das finanzielle Risiko, dass bei einer zu geringen Nachfrage und einem Verwurf der Dosen droht. Die Vergütung bleibt zugleich mit 1 Euro pro Impfdosis wie in den Vorjahren aus Sicht der Pharmazeuten viel zu gering. In der Apothekerschaft sei die Verunsicherung mit Blick auf das Handling des neuen Impfstoffs groß, sagte ein Sprecher des Bayerischen Apothekerverbands.

Das kann auch AVNR-Chef Preis bestätigen. »Ich sehe eine problematische Impfsaison auf uns zukommen.« Bereits jetzt sorge der G-BA-Beschluss für eine Menge Arbeit in den Apotheken. So hätten viele Praxen die neue Vorgabe noch nicht verinnerlicht und riefen die Hochdosis-Vakzine zu wenig ab. Damit riskierten sie, sich in der neuen Saison völlig falsch aufzustellen. »Der Beratungsbedarf der Ärzte ist groß«, so Preis.

In den vergangenen Jahren hatten zudem immer wieder Lieferschwierigkeiten für Probleme in der Versorgung mit Grippeimpfvakzinen gesorgt. Diese Gefahr droht nun ganz besonders auch mit Blick auf den hochdosierten Impfstoff. Denn der wird bislang nur von Sanofi und damit lediglich von einem einzigen Hersteller in Deutschland auf den Markt gebracht.

 

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