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Neuer Therapieansatz

Biontech entwickelt individualisierte Krebsmittel

Das Mainzer Unternehmen Biontech entwickelt individualisierte Krebsmedikamente. Investoren erwarten eine goldene Zukunft. An die deutsche Biotech-Branche als Ganzes glauben Fachleute aber eher weniger.
dpa
PZ
13.12.2019
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»An der Goldgrube 12« lautet die Adresse von Biontech in Mainz. Was vor Jahren im Kleinen entstanden ist, gilt inzwischen als Leuchtturm der deutschen Biotech-Branche. Die von dem Onkologen Ugur Sahin mitgegründete Firma entwickelt individualisierte Krebsmedikamente. Investoren glauben an eine goldene Zukunft. Über Finanzierungsrunden, Kooperationen mit Pharmaunternehmen und den Gang an die US-Technologiebörse Nasdaq im Oktober sammelte Biontech mehr als 1,4 Milliarden US-Dollar ein.

»Wir wollen nicht nur einzelne Medikamente entwickeln, sondern wir haben einen komplett neuen Ansatz«, sagt Sahin, der 2019 mit dem Deutschen Krebspreis ausgezeichnet wurde. »Unser Ziel ist es, individualisierte, auf den Krebs jedes einzelnen Patienten maßgeschneiderte Therapien zu entwickeln.« Bisher sei es gängig, die Tumordiagnostik eines Patienten auf einzelne Merkmale zu beschränken und daraus Therapieentscheidungen abzuleiten. Individuelle Besonderheiten der Erkrankung würden nur grob erfasst.

Biontech setzt auf das sogenannte Next-Generation-Sequencing, eine Technologie, die die Analytik von Milliarden genetischer Merkmale in der menschlichen Erbsubstanz sowie Veränderungen im Krebs erfassen kann - etwas komplett Neues. »Sie können das mit Tesla vergleichen«, sagt Sahin. Die ganze Innovationskette samt der Produktion großer Stückzahlen müsse auf die Beine gestellt werden. Nur dass bei Biontech der Grad der Individualisierung viel höher sei. Wenn das funktioniere, bringe es einen enormen Vorsprung gegenüber Wettbewerbern.

Momentan behandele Biontech Patienten mit Krebs im Spätstadium, in dem die Krankheit selten heilbar sei. Der Trend gehe aber dahin, dass auch kleinste Metastasen mit Blutuntersuchungen früher diagnostiziert werden (Liquid Biopsy). Siegfried Bialojan, Biotech-Experte der Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY), betrachtet Biontech neben Qiagen, Evotec oder Morphosys als »Leuchtturm« der deutschen Biotech-Branche. Doch diese Leuchttürme seien nicht sehr repräsentativ für das Segment insgesamt.

In der Breite falle die Branche weit dahinter zurück, obwohl das Potenzial hierzulande angesichts der starken Forschungslandschaft riesig sei. »Vor dem Hintergrund passiert da wenig«, kritisiert Bialojan. Trotz Forschungsförder-Milliarden komme wenig Wertschöpfung heraus. Dass Biontech den Weg an die Nasdaq wählte, ist für Bialojan kein Zufall. »In den USA gibt es ein Rennen von Investoren, die sagen: Wir wetten auf die Zukunft.«

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