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Auch in Zeiten von Corona

Bei Zeichen eines Schlaganfalls sofort ins Krankenhaus

Derzeit, so berichtet unter anderem die Berliner Charité, sinkt die Zahl der Patienten in Kliniken mit Zeichen eines Schlaganfalls. Betroffene sollten trotz Coronavirus-Pandemie nicht zögern, sofort ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Christiane Berg
01.04.2020
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»Die Vermutung liegt nahe, dass viele Menschen trotz entsprechender Symptome aus Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus nicht ins Krankenhaus gehen«, so Professor Dr. Wolf-Rüdiger Schäbitz, Chefarzt an der Klinik für Neurologie in Bielefeld und gleichzeitig Mitglied im Vorstand der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG).

Das sei fatal, denn auch während der derzeitigen Covid-19-Krise habe die Devise »Time is Brain« bei einem Schlaganfall nicht an Bedeutung verloren. »Jede Minute des Zögerns erhöht das Risiko, dass der Patient stirbt oder aber unter dauerhaften schweren Behinderungen leidet«, warnt der Neurologe heute in einer Pressemitteilung der DSG. Die Angst, sich in der Klinik möglicherweise mit SARS-CoV-2 anzustecken, sei unbegründet: Krankenhäuser achteten darauf, dass die »normale« Notfallversorgung von der Aufnahme und Versorgung der Corona-Patienten getrennt ist, konstatierte er.

Diese Symptome sprechen für einen Schlaganfall

Bei Gefühls-, Seh-, Sprach- und Gleichgewichtsstörungen sowie plötzlich auftretenden einseitigen Lähmungen oder pelzigen und kribbeligen Taubheitsgefühlen im Arm, im Bein und/oder im Gesichtsbereich mit einseitig herabhängendem Mundwinkel sollte umgehend der Rettungsdienst zur Einleitung notfallmedizinischer Maßnahmen zu rufen. Es gilt: Jede Minute zählt.

Sollten Angehörige bei Verdacht auf einen Schlaganfall unsicher sein, da sie die Symptome nicht einordnen können, hilft der sogenannte FAST-Test, den Ernst der Lage zu erkennen. FAST steht für Face (Gesicht), Arms (Arme), Speech (Sprache) und schließlich Time (Zeit). Der Test wird wie folgt durchgeführt:

  1. Face: Der Betroffene wird um ein Lächeln gebeten. Wenn sich das Gesicht einseitig verzieht und ein Mundwinkel herabhängt, deutet das auf eine Gesichtslähmung hin. 
  2. Arm: Die Person wird gebeten, die Arme nach vorne zu strecken und dabei die Handflächen nach oben zu drehen. Bei einer – meist einseitigen – Lähmung kann ein Arm die Hebung und/oder Drehung nicht mitvollziehen. 
  3. Speech: Geprüft wird, ob der Betroffene einen einfachen Satz nachsprechen kann. Gelingt das nicht, sei das ebenfalls als Warnsignal zu bewerten. 
  4. Time: »Wenn nur eine der drei Reaktionen auffällig ist, muss sofort die 112 gewählt werden«, hob Schäbitz hervor. 

Symptome wieder weg? Trotzdem zum Arzt!

Zu einem ischämischen Schlaganfall kommt es aufgrund einer Störung der Gehirnfunktion infolge der Minderversorgung eines Hirnbereichs mit Blut. Ursachen von Durchblutungsstörungen sind entweder Embolien oder lokale Thrombosen der Hirngefäße. Jedoch auch intrazerebrale Blutungen können Auslöser sein. Als medizinischer Notfall gilt ebenso die sogenannte transitorische ischämische Attacke (TIA) mit vorübergehenden Lähmungen beziehungsweise Sprach- oder Sehstörungen aufgrund einer flüchtigen Minderdurchblutung im Gehirn. Auch die TIA ist an den genannten Leitsymptomen zu erkennen. Doch verschwinden diese nach kurzer Zeit wieder.

»Die TIA gilt als Frühwarnzeichen. Sie ist bei zehn Prozent der Betroffenen Vorbote eines großen Schlaganfalls«, unterstrich Professor Dr. Helmuth Steinmetz, Direktor der Klinik für Neurologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Vorsitzender der DSG. »Rasch betreut, klar diagnostiziert und auf einer Stroke Unit, also zertifizierten Spezialstationen zur Diagnostik und Therapie akuter Schlaganfälle, behandelt, kann ein Folge-Schlaganfall in vier von fünf Fällen abgewendet werden«, hob er hervor.

Auch Kinder können betroffen sein

»Time is Brain« gilt auch für Kinder: Schlaganfälle im Kindes- und Jugendalter werden oft nicht erkannt oder unterschätzt. Davor hat die DSG bereits im Oktober des vergangenen Jahres gewarnt. Zwei bis acht von 100.000 seien jährlich betroffen, wobei die Dunkelziffer hoch liegen soll. Während die Behandlung erwachsener Schlaganfall-Patienten in Deutschland einem ausgefeilten Protokoll folgt und auf eine schnellstmögliche Versorgung abzielt, dauere es bei Kindern noch immer durchschnittlich 23 Stunden, bis überhaupt die Diagnose gestellt wird. Auch hier sollte bei Verdacht der Test auf FAST-Symptome durchgeführt werden.

Einen Schlaganfall erleiden in Deutschland pro Jahr insgesamt rund 260.000 Menschen. Obwohl Schlaganfälle in jedem Alter auftreten können, ist der typische Schlaganfallpatient eher älter: Bei unter-55-jährigen liegt das jährliche Erkrankungsrisiko unter einem Prozent. Danach steigt es deutlich bis auf rund sechs Prozent bei den Über-75-Jährigen an. Bis zu 40 Prozent der Überlebenden tragen bleibende Beeinträchtigungen davon.

Zu den typischen Risikofaktoren zählen Bluthochdruck, Vorhofflimmern, Hyperlipidämie, Diabetes mellitus, Übergewicht, Bewegungsmangel und Nikotin-Abusus. Sehr selten werden als Ursachen auch Vaskulitiden, also Gefäßentzündungen, Dissektionen (Gefäßwandverletzungen) zum Beispiel durch Traumen, Stoffwechselerkrankungen oder Migräne beschrieben.

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