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RKI-Bericht

B.1.1.7 macht 46 Prozent der Infektionen aus

Die britische Variante B.1.1.7 breitet sich in Deutschland weiter aus und ist inzwischen für 46 Prozent der Infektionen verantwortlich. Das zeigt ein aktueller Bericht des Robert-Koch-Instituts. Sie könnte bald der neue Wildtyp sein.
dpa
PZ
04.03.2021  16:30 Uhr

Die Verbreitung der zuerst in Großbritannien nachgewiesenen Corona-Variante B.1.1.7 in Deutschland hat laut Robert-Koch-Institut (RKI) weiter zugenommen. Ihr Anteil an einer Stichprobe von knapp 25.000 positiven Fällen aus der vergangenen Woche betrage rund 46 Prozent, heißt es in einem am Mittwoch veröffentlichten RKI-Bericht. Zu Beginn der Erhebung, vor rund einem Monat, hatte das RKI den Anteil der Mutante noch auf 6 Prozent beziffert, zwei Wochen später waren es 22 Prozent. Schätzungen, wonach nun ungefähr die Hälfte der Fälle auf B.1.1.7 zurückgehen, waren bereits am Dienstag bekannt geworden.

Der Anteil von 46 Prozent bezieht sich auf Nachtestungen mehrerer Laborverbünde auf Schlüsselmutationen der Variante. Er kann laut RKI »nicht sicher auf alle SARS-CoV-2-positiven Proben in Deutschland übertragen werden«. Der Bericht stützt sich noch auf weitere Datenquellen: Blickt man etwa auf komplette Erbgutanalysen, die seltener durchgeführt werden, aber als eindeutiger Nachweis gelten, sind es rund 22 Prozent Mutante. Die rasch wachsende Tendenz des Variantenanteils wird aber unabhängig von der Methodik beobachtet.

Das RKI schreibt, es sei mit einer weiteren Zunahme des Anteils von B.1.1.7 zu rechnen. Es handelt sich um eine ansteckendere Variante, die ersten Studien zufolge auch häufiger schwere Verläufe verursacht. Erwartet wird, dass sich mit der Ausbreitung die Eindämmung der Pandemie erschwert.

Ähnlich hatte sich auch Professor Dr. Thomas Schulz, Leiter des Instituts für Virologie der Medizinischen Hochschule Hannover, vor Kurzem bei der Zentralen Fortbildung der Landesapothekerkammer Niedersachsen geäußert: »Bald wird B.1.1.7 keine Variante mehr sein, sondern der neue Wildtyp.« B.1.1.7 werde sich bald gegen den jetzigen Wildtyp durchsetzen und diesen verdrängen. Die gute Nachricht sei allerdings, dass die zugelassenen Impfstoffe nach bisherigem Kenntnisstand noch gut vor B.1.1.7 schützen.

Weitere Varianten noch selten

Weitere Varianten, die etwa in Südafrika (B.1.351) und Brasilien (P.1) zirkulieren, spielen dem RKI-Bericht zufolge hierzulande bislang eine untergeordnete Rolle. Ihre Anteile betragen 1 Prozent beziehungsweise 0,1 Prozent der Nachweise. Diese beiden Varianten werden von Gesundheitsbehörden ebenfalls als besorgniserregend eingestuft: Anders als bei der britischen Variante gibt es Hinweise, dass SARS-CoV-2-Genesene oder Geimpfte weniger gut vor einer Ansteckung mit dem veränderten Virus geschützt sind.  Eine Übersicht zu den verschiedenen Varianten ist hier zu finden.

Der Virologe Professor Dr. Christian Drosten von der Charité in Berlin erklärte am Dienstag im »Coronavirus-Update« (bei NDR-Info): »Wir haben eigentlich keinen Grund zur Befürchtung, dass die Südafrika-Variante so stark zunimmt wie die England-Variante in einer Bevölkerung, die nicht immun ist.« Sprich: Diese Variante hat vor allem einen Selektionsvorteil in vorimmunisierten Populationen.

Dagegen sei die britische Variante B.1.1.7 in Deutschland »anteilsmäßig nicht aufzuhalten«, sagte Drosten. In England könne das schon beobachtet werden: »Dort ist der Anteil dieser englischen Variante inzwischen praktisch vollständig gesättigt.« Es seien zwar noch Reste von anderen Varianten nachweisbar, aber das Infektionsgeschehen sei vollkommen von B.1.1.7 dominiert.

Laut einer »Science«-Studie vom Mittwoch macht B.1.1.7 in Großbritannien mit Stand Mitte Februar rund 95 Prozent der Neuinfektionen aus. Sie habe sich in über 80 Länder ausgebreitet, schreiben die Autoren um Dr. Nicholas Davies von der London School of Hygiene & Tropical Medicine. Für Großbritannien kommen sie zu der Einschätzung, dass die Zahl der Krankenhausaufenthalte und Todesfälle durch Covid-19 in diesem Jahr die Werte von 2020 noch übersteigen werde, wenn nicht strenge Kontrollmaßnahmen getroffen und das Impfen stark beschleunigt werde. Eine erhöhte Pathogenität konnten sie aus ihren Analysen zwar nicht ableiten, aber die Infektiosität von B.1.1.7 sei deutlich erhöht – der Studie zufolge um zwischen 43 und 90 Prozent.

Auch in Dänemark dominiert die Mutante inzwischen. Sie wurde bislang bei mehr als 5000 Personen nachgewiesen, in der Vorwoche wurde sie in etwa 75 Prozent aller analysierten Corona-Proben entdeckt.

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