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Neurodegeneration

Alzheimer-Pathologie vermutlich übertragbar

Neue Daten unterstützen die These, dass die für die Alzheimer-Erkrankung typische Amyloid-Pathologie in gewissem Maße übertragbar ist. Die Injektion von fehlgefaltetem β-Amyloid (Aβ) verstärkt bei Modellmäusen die Alzheimer-Pathologie erheblich, zeigt eine aktuelle »Nature«-Publikation. Dabei wirkt Aβ als Ausgangspunkt für eine schädliche Kettenreaktion – ähnlich wie Prionen.
Christina Hohmann-Jeddi
13.12.2018
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Dass die Amyloid-Pathologie möglicherweise wie Prionen-Erkrankungen übertragbar ist, wird schon seit Längerem vermutet. 2015 erschien ebenfalls im Journal »Nature« ein Bericht, dass in den Gehirnen von kleinwüchsigen Patienten Amyloid-Plaques gefunden worden waren. Die Betreffenden waren, wie es zwischen 1958 und 1985 üblich war, mit dem aus Toten gewonnenen menschlichen Wachstumshormon (cadaveric human growth hormone, c-hGH) behandelt worden. Die Patienten hatten Prionen-verseuchte Präparate erhalten und daraufhin eine Creutzfeld-Jakob-Erkrankung entwickelt, an der sie gestorben waren. Bei der Untersuchung der Gehirne der Verstorbenen fiel auf, dass sie neben der Prionen-Pathologie auch Aβ-Plaques aufwiesen. Das Team um Professor Dr. John Collinge vom Institut für Prionen-Erkrankungen am University College London vermutete daher, dass sich in den Präparaten eventuell auch Keime für die Amyloid-Pathologie befunden hatten.

Daher machte sich die Arbeitsgruppe an die Untersuchung von alten Proben der bis 1985 verwendeten Hormonpräparate. Einige von diesen enthielten tatsächlich »Aβ-Keime«, wie Dr. Silvia A. Purro und ihre Kollegen jetzt berichten. Ob diese auch eine Plaquebildung auslösen können, untersuchte das Team an Modellmäusen, die gentechnisch so verändert sind, dass sie eine besondere Veranlagung für eine Alzheimer-Erkrankung haben und erste Aβ-Ablagerungen im Alter von sechs Monaten entwickeln.

Diesen Tieren injizierten die Forscher alte Proben der Aβ-verseuchten Präparate im Alter von sechs bis acht Wochen direkt ins Gehirn. Nach 240 Tagen wiesen die meisten der so behandelten Mäuse Amyloid-Ablagerungen auf, während dies bei keinem der Kontrolltiere der Fall war. Letztere waren entweder mit einer Phosphat-gepufferten Salzlösung oder einem rekombinanten Wachstumshormon-Präparat behandelt worden.

Die Ergebnisse zeigen, dass die damals verwendeten Hormonpräparate das Potenzial hatten, eine Plaquebildung auszulösen, so die Forscher. Allerdings schränkt die Verwendung der besonders stark zur Plaquebildung neigenden Mäuse für die Tests die Generalisierbarkeit ein. Bei Wildtyp-Mäusen ohne diese Veranlagung konnte durch Injektion der verseuchten c-hGH-Präparate keine Plaquebildung hervorgerufen werden. Die Chance der Übertragung einer Alzheimer-Pathologie auf Patienten durch diese Hormonpräparate war vermutlich gering – zumal sie nicht ins Gehirn injiziert, sondern intravenös oder intramuskulär verabreicht wurden. Darauf weisen Dr. Tien-Phat Huynh und Professor Dr. David Holtzman von der Washington University in einem begleitenden Kommentar hin. Dies zeige sich auch daran, dass es keine epidemiologischen Daten zu einem erhöhten Alzheimer-Risiko bei Patienten gibt, die in der Vergangenheit mit c-hGH behandelt wurden.

Vorsicht ist sinnvoll

Dennoch sei Vorsicht sinnvoll. Denn obwohl c-hGH-Präparate nicht mehr verwendet werden, könnten Aβ-Keime über andere Routen übertragen werden, etwa bei neurochirurgischen Eingriffen. Auf die Sterilisation der verwendeten Instrumente müsse daher große Sorgfalt verwendet werden. Entsprechende Hygiene-Leitlinien wurden schon nach der Entdeckung des Prionen-Übertragungswegs veröffentlicht.

Das Forscherteam um Purro betont, dass es keine Hinweise darauf gibt, dass Alzheimer – außerhalb der Neurochirurgie – ansteckend sei oder sich durch Bluttransfusionen übertragen lasse. Letzteres hatten Experten befürchtet, nachdem ähnlich angelegte Transmissionsuntersuchungen mit Modellmäusen gezeigt hatten, dass dies theoretisch möglich ist. Eine große retrospektive Beobachtungsstudie mit 1,5 Millionen Patienten, die Bluttransfusionen erhalten hatten, zeigte aber kein erhöhtes Risiko für eine Alzheimer- oder Prionen-Erkrankung durch Transfusionen.

DOI: 10.1038/s41586-018-0790-y 10.1038/d41586-018-07604-6

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