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Zu viel Hygiene

Auswirkungen auf das Mikrobiom

Hände waschen, Oberflächen desinfizieren, Abstand halten – diese Maßnahmen sollen die Ausbreitung von SARS-CoV-2 bremsen. Sie beeinflussen aber auch unseren Kontakt mit anderen Mikroorganismen. Nicht alle davon sind gefährlich, einige sogar sehr nützlich für uns.
Nicole Schuster
19.01.2021  07:00 Uhr

Während der Covid-19-Pandemie wurden Gesundheit und Hygiene zu neuen Dauerthemen. Gründliches Händewaschen, ständiges Desinfizieren, unterwegs Mund-Nasen-Schutz und Schutzhandschuhe tragen – viele Menschen versuchen, sich so gut es geht vor Coronaviren zu schützen.

Doch ist gerade bei Bakterien die Gleichung »je weniger, desto besser« nicht zwangsläufig richtig. Es gibt nicht nur »böse« Mikroorganismen, sondern auch viele, die für uns überlebenswichtig sind. Die Mikrobiota – also die Gesamtheit der Kleinstlebewesen, die auf und in uns leben – leistet einen wichtigen Beitrag zu unserer Gesundheit. Veränderungen in der mikrobiellen Zusammensetzung sind mit gesundheitlichen Störungen assoziiert, etwa Allergien und Hauterkrankungen, Infektionen, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen sowie degenerative und Stoffwechselerkrankungen. Ob die beobachteten Effekte ursächlich auf eine veränderte Mikrobiota zurückzuführen sind oder Letztere erst Folge der Erkrankung ist, ist aber oft noch unklar.

Auf Schmutz eingestellt

Sicher ist aber, dass eine sterile Umgebung weder möglich noch gesund ist. »Nur für Menschen mit starker Immunsuppression gilt, dass sie mit so wenig Keimen wie möglich in Berührung kommen dürfen«, sagte Dr. Markus Ege, Professor für klinisch-respiratorische Epidemiologie am Dr. von Haunerschen Kinderspital der Ludwig-Maximilians-Universität in München, der PZ.

Einige Mediziner warnen sogar, dass zu viel Hygiene schädlich sein könne. Sie argumentieren, dass unsere Immunabwehr auf eine schmutzige Umwelt eingestellt sei. Sie brauche die ständige Auseinandersetzung mit Bakterien, Pilzen, Viren und Dreck. Demnach spricht also nichts dagegen, Kinder auch mal im Schmutz spielen zu lassen – solange man es nicht übertreibt. Kontakt mit verschiedenen Arten von Keimen trainiert das kindliche Immunsystem.

Stark durch Vielfalt

Auch Erwachsene sind auf verschiedene und möglichst vielfältige Mikroorganismen angewiesen, damit ihre Körperfunktionen ihre Aufgaben optimal erfüllen und gefährliche Keime abwehren können. Eine ausbalancierte intestinale Mikrobiota beispielsweise ist aus verschiedenen Gründen Voraussetzung für einen gesunden Körper. Sie hilft dabei, Nährstoffe aufzuspalten und Vitamine optimal nutzbar zu machen. Der Darm ist auch eng mit dem Immunsystem verzahnt.

So stimulieren Darmbakterien Immunzellen und bilden Schutzfaktoren gegen Eindringlinge. Sie vermindern die Bildung von Entzündungsbotenstoffen, indem sie schädliche Bakterien verdrängen und verhindern, dass diese sich vermehren. Einige nützliche Arten produzieren kurzkettige Fettsäuren (SCFA), die eine entzündliche Kaskade aufhalten.

Geht die Bakterienvielfalt zurück und fehlen Arten, die SCFA als positive Signale herstellen, treten an verschiedenen Stellen im Körper Probleme auf. Niedrige SCFA-Konzentrationen lassen sich beispielsweise mit einer Störung des Glucosestoffwechsels bei Diabetes in Zusammenhang bringen (»Diabetologie und Stoffwechsel« 2019, DOI: 10.1055/s-0039-1688228).

Erklärung für die Hygiene-Hypothese?

Für Kinder scheint der Kontakt mit bestimmten, in anderen Ökosystemen vorkommenden Bakterienkulturen auch besonders wichtig zu sein, um eine gesunde, möglichst vielfältige Darmflora aufbauen zu können. So mehren sich Hinweise, dass aus diesem Grund Allergien und Autoimmunerkrankungen in ländlichen Regionen wesentlich seltener auftreten als in Städten. Die Erklärung für die schon seit Langem diskutierte sogenannte Hygiene-Hypothese könnte also im Darm liegen.

Erst vor Kurzem bestätigte eine im Fachjournal »Nature Medicine« erschienene Beobachtungstudie einer Arbeitsgruppe des Helmholtz-Zentrums München und des Dr. von Haunerschen Kinderspitals erneut, dass Kinder auf dem Bauernhof seltener Asthma entwickeln (DOI: 10.1038/s41591-020-1095-x). »Als Gründe legen die Beobachtungen nahe, dass sich diese Kinder öfter in Ställen aufhalten und frische Kuhmilch trinken«, sagte Ege, einer der Autoren der Studie.

Die Reifung des Immunsystems sehen die Wissenschaftler dabei untrennbar mit der Reifung der kolonisierenden Bakterien, also der intestinalen Mikrobiota, verbunden. Je vielfältiger das Umweltmikrobiom, desto vielfältiger die Darmflora und desto höher die Schutzwirkung vor der chronisch-entzündlichen Erkrankung der Atemwege. Entscheidend scheint dabei die Reifung der intestinalen Mikrobiota im ersten Lebensjahr zu sein, was die Forscher anhand von Stuhlproben ermittelten.

Spielt dabei auch eine Rolle, dass Kinder auf dem Bauernhof mit mehr Dreck und Keimen in Kontakt kommen und deshalb eine vielfältigere Darmflora und so auch einen besseren Immunschutz aufbauen können? Diesen Schluss findet Ege auf Basis der von ihm durchgeführten Untersuchungen übereilt. »Wir haben lediglich Ergebnisse aus Beobachtungsstudien vorliegen. Für eine Empfehlung bräuchten wir Interventionen, die nach den gleichen Regeln wie bei der Zulassung von Arzneimitteln ablaufen.«

Um die Darmgesundheit und das Immunsystem zu pflegen, scheint es in jedem Fall sinnvoll zu sein, die intestinalen Mikroorganismen zu unterstützen. Die Vielfalt an Darmbakterien fördert eine abwechslungsreiche Ernährung mit vielen Ballaststoffen und Pflanzenfasern sowie fermentierten Lebensmitteln wie Joghurt, Kefir, Sauerkraut, Käse und sauren Gurken. Während einer Antibiotika-Therapie kann die zusätzliche Einnahme von Probiotika empfohlen werden.

Bakterieller Schutzschild

Auch für die Haut ist ein Gleichgewicht aus verschiedenen Bakterien und Pilzen wichtig. Desinfektionsmittel, die eine große Bandbreite an Keimen abtöten, bringen dieses Gleichgewicht ebenso durcheinander wie zu häufiges Händewaschen. Mikroorganismen sind ein wichtiger Teil der Hautbarriere. Indem sie bestimmte Proteine bilden, halten sie schädliche Keime davon ab einzudringen. Weitere wichtige Aufgaben der Hautflora sind es, Stoffe für den Säureschutzmantel herzustellen und Abfallprodukte wie Talg abzubauen. Bei ständigen Hygienemaßnahmen hat die Hautflora nicht genug Zeit, sich zu regenerieren, und gerät aus der Balance. Infektionen können die Folge sein. Gravierend sind die Folgen bei sogenannten Waschzwängen.

Vor allem bei Frauen ist auch die Bakterienbesiedelung in der Intimzone wichtig für die Gesundheit. In der natürlichen Scheidenflora vorhandene Milchsäurebakterien schützen vor krankheitserregenden Keimen. Zu viel Hygiene kann die Scheidenflora stören. Spezielle Präparate mit Laktobazillen in Form von Salben oder Zäpfchen aus der Apotheke können dann helfen.

Generell gilt: Hygiene ist unverzichtbar, um zu vermeiden, dass sich Krankheitserreger verbreiten, und trägt zum Gesundheitsschutz bei. Undifferenziert möglichst viele Bakterien in und am menschlichen Körper und in seiner Umgebung abtöten zu wollen, ist für Gesunde allerdings nicht erforderlich und im Gegenteil vermutlich sogar schädlich.

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