Pharmazeutische Zeitung online
Was bisher zu kurz kam

Mütter machen klug, Schokolade schlank

18.12.2012
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Von Daniel Rücker / 25 Cent mehr Honorar, Datenklau im BMG, immer mehr Bürokratie und Verwaltungsvorschriften in den Apotheken. Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, auf das Jahr 2012 mit Gram zurückzublicken. Doch wer dies tut, macht es sich zu leicht und versaut sich obendrein noch Weihnachten. Auf den folgenden Seiten versuchen wir die Wende hin zum Guten. 2012 ist auf der Zielgeraden und nicht alles daran war schlecht.

Weihnachten gut, alles gut? Vielleicht ist ja was dran. Wer auf Nummer sicher gehen will, der sollte ein paar Tipps beachten, die im vorweihnachtlichen Nachrichtenstrudel Jahr für Jahr nach oben gespült werden. Manche Apothekerinnen und Apotheker mögen sie für belanglos halten. Doch gäbe es sie, wenn sie keinerlei Nutzen hätten? Vielleicht schon, doch wir wollen positiv denken.

Und weil 2012 so manches Ärgernis bereitete, und da ist das verlorene Halbfinalspiel gegen Italien noch nicht einmal das größte, beginnen wir direkt mit einer Meldung, die belegt, dass Wissenschaft den Weg in die Mitte der Gesellschaft gefunden hat und sich dort nun nutzenstiftend einbringt. Schokolade, so eine Erkenntnis kalifornischer Wissenschaftler, macht nämlich nicht dick, sondern dünn. Wer regelmäßig Schokolade isst, hat in der Regel einen niedrigeren Body-Mass- Index als sporadische Konsumenten, heißt es in den »Archives of Internal Medicine« aus dem März dieses Jahres.

 

Da sich das Blatt bislang nicht verdächtig gemacht hat, weniger auf Erkenntnis denn auf die Wünsche der Leserschaft einzugehen, nehmen wir diese Botschaft mit großer Freude zur Kenntnis. Es ist selbstverständlich, dass eine Redaktion, die bis obenhin mit Natur­wissenschaftlern vollgestopft ist, immer danach strebt, ihren Lebensstil mit dem aktuellen Stand der Forschung in Einklang zu bringen. Unsere Volontärin hat seitdem einen festen Wochenplan, der täglich mit einer Einkaufstour zum nahegelegenen Real-Markt startet. Natürlich kostet uns das Geld und Disziplin. Wir nehmen die Herausforderung dennoch an. Wir achten auf unser Gewicht, selbst wenn man dafür Schokolade essen muss.

 

Auch ein anderes Genussmittel konnte in diesem Jahr punkten. Dem zu Recht nicht unumstrittenen Alkohol sagt man ja nach, er könne dabei helfen, die subjektive Attraktivität des Gegenübers an einem feuchtfröhlichen Abend zu erhöhen. So weit, so bekannt. C2H5OH kann aber noch deutlich mehr. Alkohol macht nicht nur die Zufallsbekanntschaft attraktiver. Er vernebelt dem Konsumenten derartig die Sinne, dass der sich selbst viel schöner findet als dies vom Blick in den Spiegel gedeckt wäre. Französische Wissenschaftler hatten in einer Bar in Grenoble Besucher gebeten, ihre eigene Attraktivität auf einer Skala von eins bis sieben einzuschätzen. Das Ergebnis war eindeutig: Je angetrunkener der Proband, desto krasser die positive Fehleinschätzung.

 

An dieser Stelle mag der eine oder andere Neunmalkluge behaupten, das habe er bereits schon mal gehört und es wundere ihn kaum. Doch es kommt noch dicker. Offenbar – und jetzt halten Sie sich fest – resultiert der alkoholgetriggerte Selbstbeschiss nicht aus dem Konsum des Zellgiftes. Der Glaube daran ist entscheidend. In einem zweiten Versuch boten die französischen Wissenschaftler einer Gruppe von Probanden ein alkoholfreies Getränk an, das sie als neu und alkoholhaltig beschrieben, die Probanden einer zweiten Gruppe erhielten ein alkoholhaltiges Getränk, das ihnen als alkoholfrei angeboten wurde. Das überraschende Ergebnis: Diejenigen, die fälschlicherweise glaubten, Alkohol getrunken zu haben, fanden sich deutlich schöner als die Probanden, die zwar Alkohol getrunken hatten, dies aber nicht wussten.

 

Was sagt uns dies? Nun, so recht wissen wir das auch nicht. Es bleibt vieles offen: Ist Alkohol in Wirklichkeit ein Placebo? Das erscheint uns unwahrscheinlich. Warum ist der Glaube an die seligmachende Kraft des Alkohols so groß? Fragen über Fragen, die uns ratlos zurücklassen. In jedem Fall haben wir aber schon einmal die Etiketten auf den Coca-Cola-Flaschen im Apothekerhaus überklebt. Da steht nun Cuba Libre drauf. Ist eigentlich kindisch, aber wenn’s doch schön macht.

Schönheit ist relativ, Gott sei Dank. Ekel auch. Sie merken schon, jetzt wird es ein wenig unappetitlich. Wir kommen aber nun auf eine weibliche Eigenschaft zu sprechen, deren Bedeutung für die Reproduktion und Arterhaltung kaum überschätzt werden kann. Bahnt sich das Äußerste an, sind Frauen in der Lage, Ekel zu überwinden. Bei sexuell erregten Frauen sinkt die Ekelschwelle. Niederländische Wissenschaftlerinnen hatten Frauen einen »frauenfreundlichen Softporno« gezeigt, was immer der Niederländer darunter versteht. Danach waren sie deutlich eher dazu bereit, abstoßende Aufgaben auszuführen als vorher. Für Männer ist diese Untersuchung fraglos eine gute Botschaft. Nicht nur, dass Frauen Mechanismen haben, vor und während des Liebesspiels die Realität zumindest teilweise auszublenden. Dies lässt sich auch auf andere Tätigkeiten übertragen. Die Softpornoseherinnen ekelten sich generell weniger, also auch wenn es darum ging, mehrere Tage alte Essensreste zu beseitigen oder benutzte Latrinen wieder in den Ausgangszustand zu versetzen. Ein Besuch in der Videothek (falls das heute noch so heißt) kann womöglich vielerlei positive Effekte haben. Die ohnehin wenigen Männer in der PZ-Redaktion möchten nicht versäumen, zu betonen, dass die Auswahl der Themen in diesem Jahresrückblick ausschließlich nach wissenschaftlichen Kriterien erfolgt und deshalb weder ironische noch frauenfeindliche Kommentare hier Platz finden können.

 

Es ist an der Zeit, wieder einen Gang zurückzuschalten. Bei manchen wird die Verbindung von Ekel zu Chef eine direkte sein. Das mag im Einzelfall auch zutreffen, generalisieren kann man dies natürlich nicht. Schon gar nicht in der PZ-Redaktion. Den Sachverhalt, den es zu berichten gilt, werden wohl 90 Prozent aller Angestellten in etwa so kommentieren: »Das sag ich doch schon immer.« US-amerikanische Wissenschaftler haben den Cortisolspiegel von Führungskräften und Angestellten in verschiedenen Unternehmen und Behörden gemessen und dabei festgestellt, dass Chefs in der Regel weniger Stresshormon im Blut haben als ihre Mitarbeiter. Kurz: Sie fühlen sich weniger gestresst.

 

Daraus aber nun zu schließen, Chefs arbeiteten weniger oder machten nur die angenehmen Dinge, ist allerdings grundfalsch, auch wenn zumindest Letzteres die Wissenschaftler in ihrer Erklärung andeuten. Vorgesetzter und Vorbild fängt mit derselben Silbe an und das kann kein Zufall sein. Tatsächlich dokumentiert der niedrige Cortisolspiegel nicht weniger Arbeit, sondern einen souveräneren Umgang des Chefs mit seinen Aufgaben. Zu diesem Schluss kommen die Wissenschaftler zwar nicht, doch kann es gar nicht anders sein. Wer auch nur einen Funken Lebenserfahrung hat, weiß das.

 

Sehr weit hergeholt ist die Assoziationskette Chef – Schimpanse – Midlifekrise. Die Dramaturgie dieses Textes schlägt eben manchmal Kapriolen. Doch schnell zum Inhalt. In der Novemberausgabe der »Proceedings of the national academy of scienes« berichten Wissenschaftler über die Midlifekrise männlicher Schimpansen und Orang-Utans. Diese zeigten zwischen dem 28. und dem 35. Lebensjahr ähnliche Reaktionen wie adulte Männchen von Homo sapiens im Alter von 45 bis 50 Jahren. Festgemacht wird die Diagnose Midlifekrise übrigens unverschämterweise an dem Symptom Übellaunigkeit.

Die Erkenntnis, dass auch hier Männer dem Schimpansen ähnlicher sind als sie es wahrhaben wollen, lässt die Wissenschaftler vermuten, dass die Krise zur Lebensmitte nicht wie bislang vermutet auf sozialen oder ökonomischen Problemen beruht, sondern ein archaisches physiologisches Phänomen ist. Wir können ein gewisses Interesse an dieser Erkenntnis nicht leugnen, bedauern aber, dass die »Proceedings« sich darüber ausschweigen, ob Schimpansen in diesem Alter beginnen, sich für sie eigentlich viel zu schnelle Motorräder und deutlich zu junge Frauen zu interessieren, ob sie sich mit ihren Leidensgenossen regelmäßig in Kneipen treffen, um dort in larmoyanter Stimmung die Lippen mit Gerstensaft zu benetzen und ob sie versuchen, Jugendlichkeit zu simulieren, indem sie ihr Äußeres bis hart an die Grenze der Selbstverleugnung umgestalten.

 

In jedem Mann steckt ein Kind, sagt man. Aber nicht in jedem Kind steckt ein Mann, zumindest kein Ehrenmann. Was sich auf den ersten Blick weitgehend sinnfrei liest, wird sich gleich zum Interessanten wenden. Kinder sind nämlich nicht nur klein, süß und niedlich. Nein, sie können auch rechte Ratten sein. Für Fünfjährige haben diesen von manchen Eltern schon länger gehegten Verdacht jetzt Wissenschaftler aus San Francisco bestätigt. Wenn nämlich der präadoleszente Nachwuchs beim Spiel mit Seinesgleichen vor den Augen seiner Eltern bereitwillig die Schokolade oder die Playmobil-Figuren teilt, dann ist das nicht Großzügigkeit, sondern Kalkül. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Kinder in diesem Alter nur dann großzügig sind, wenn sie dabei beobachtet werden. Spielsachen und Leckereien verteilten sie an andere Kinder nur unter Aufsicht. Die Wissenschaftler fanden das Verhalten in Ordnung. Die Untersuchung zeige, dass Kinder schon in jungen Jahren eine Strategie in ihrem Sozialverhalten entwickeln, obwohl sie noch gar nicht beurteilen können, wie dies die Wertschätzung in einer Gruppe beeinflusst. Warum dies so ist, können die Wissenschaftler nicht erklären. Wir denken, da gibt es gar nichts zu erklären. Da hat ein schlechtes Vorbild ganze Arbeit getan. Ein schlechtes Vorbild kann ausreichen, eine ganze Familie zu versauen. Die Welt ist eben nicht nur gut, auch nicht kurz vor Weihnachten.

 

Natürlich gibt es auch Menschen und Institutionen, die das ganze Jahr über für das Schöne und Gute in der Welt kämpfen, zum Beispiel der bayerische Landtag. Der kämpft derzeit für ein Kulturgut, das in der Voralpenrepublik offenbar als ein nationales Heiligtum gilt, in weiten Teilen der Republik sich jedoch einer sehr überschaubaren Beliebtheit erfreut: den Schnupftabak. Dieselben Abgeordneten, die des Priems brennbaren Bruder erst kürzlich aus dem öffentlichen Raum vertrieben haben, legen sich nun mit der auch bei Apothekern misstrauisch beäugten EU-Kommission an. Die hat sich dem Konsum von Schnupftabak zugewendet. Derartige Angriffe auf weiß-blaue Kulturgüter führen in Bayern zu einem Bollwerk der Einigkeit. Wenn Grüne, CSU, SPD, FDP und frei Wähler an einem Strang ziehen, dann muss die Identität eines stolzen Volkes in Gefahr sein.

 

Bemerkenswert ist dabei allerdings, dass die mit aller Macht bekämpfte Krise noch gar keine ist. Es ist noch völlig offen, ob die EU den Freistaat ins Visier nimmt. Der Aufstand im bayerischen Landtag kommt zu früh. In Bayern will man sich aber offensichtlich nicht vorschreiben lassen, wann man Stärke zeigt. Uns wird es ganz warm ums Herz bei so viel Einsatz, so viel Konsequenz und so viel Mut, mit dem David Bayern gegen Goliath Europa antritt. Wir sind stolz auf euch.

Warm ums Herz ist auch das Motto der folgenden Zeilen, in denen es um Mütter, Teenager und Väter geht. Doch der Reihe nach. Mütter – viel belächelt, aber dennoch unübertroffen – können noch mehr als man ihnen ohnehin schon zutraut. Die mütterliche Hilfe und Zuwendung ist nämlich der Humus, der des Nachwuchses Grütze mehrt. Im Hippocampus, dort wo Emotionen und Gedächtnis sitzen, mehren sich die Zellen, wenn sich die Mutter intensiv um ihr Kleinkind kümmert. Den Effekt konnten Wissenschaftler sogar messen. Das Hirnareal war bei den Schulkindern besonders groß, deren Mütter sie in den Jahren zuvor besonders stark unterstützt hatten.

 

Ähnlich segensreich agieren Eltern offenbar, wenn sie mit ihrer pubertierenden Brut möglichst viel Zeit verbringen. Und das selbstlose Opfer ist sogar eine Investition in die Zukunft. Jugendliche, die viel Zeit mit ihren Eltern verbringen, sind sozialer als andere Jugendliche. Besonders gut sozialisiert werden die Jugendlichen offenbar, wenn sie viel Zeit mit ihrem Vater verbringen. Woran das liegt, erklären die Wissenschaftler allerdings nicht. Wir glauben, dass es die vielen schlechten Witze und unerwünschten Kommentare des Erzeugers sind, die die Jugend­lichen weiterbringen. Durch dieses Stahlgewitter gegangen, kann sie im Erwachsenenalter auch der größte Vollpfosten nicht mehr aus der Bahn werfen. Sie haben den Abgrund gesehen, sie können ihn benennen. Schlimmer kann es nicht mehr kommen. Das macht sie stark.

 

So endet dieser Text und hoffentlich auch dieses Jahr mit einer frohen Botschaft. Wenn es mal so richtig schlimm war, kann es nur noch besser werden. /

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