Pharmazeutische Zeitung online
AMK
Gicht

Vorsicht bei Festen und beim Fasten

04.12.2009
Datenschutz bei der PZ

Wie kommt es zu den hohen Harnsäurespiegeln im Blut? Harnsäure ist das Endprodukt im Purinstoffwechsel. Purine sind unter anderem Bausteine der DNA und Bestandteil von Coenzymen. Der Körper kann Purine selbst herstellen, sie werden aber auch mit der Nahrung aufgenommen. Übersteigt die Zufuhr und Produktion die Ausscheidung, steigt der Harnsäurespiegel im Serum.

 

In 90 Prozent der Fälle handelt es sich um eine angeborene Stoffwechselstörung. Bei dieser primären Hyperurikämie liegt bei 99 Prozent der Patienten eine genetische Störung der Harnsäureausscheidung über die Nieren vor, die bei purinreicher Ernährung zur Gicht führt. Nur 1 Prozent der Hyperurikämiker haben eine körpereigene erhöhte Harnstoffproduktion. Die sekundäre Hyperurikämie wird von anderen Krankheiten (hämatologische Erkrankungen, Niereninsuffizienz) oder Medikamenten (Diuretika, Ciclosporin) verursacht.

 

Die Ernährung beeinflusst die Entstehung und Behandlung einer Hyperurikämie maßgeblich. Eine Ernährungsumstellung ist neben Medikamenten die Basis der Therapie. Bei Verzicht auf purinhaltige Lebensmittel können der Serumspiegel und die renale Harnsäureausscheidung innerhalb von zehn Tagen so weit sinken, dass die ausgeschiedene Menge an Harnsäure der vom Körper selbst produzierten entspricht. Den Großteil an Purinen, etwa 60 Prozent, nehmen die Deutschen aus Fleisch auf. Bier, Gemüse und Fisch stellen mit jeweils etwas mehr als 10 Prozent die weiteren wichtigsten Aufnahmequellen dar.

Alkohol in großen Mengen steigert die Bildung von Harnsäure und hemmt ihre Ausscheidung über verschiedene Mechanismen. Eine Aufnahme von mehr als 100 Gramm Alkohol pro Tag (etwa 2,5 Liter Bier oder 5 Gläser Wein) lässt den Serumspiegel deutlich ansteigen. Besonders kritisch ist Bier zu betrachten, denn es enthält selbst Purine, insbesondere Hefeweizen und ähnliche Sorten. Alkoholfreies Bier enthält ebenso viele Purine wie normales; Wein dagegen ist purinfrei. Gichtkranke und Hyperämiker sollten ihren Alkoholkonsum stark einschränken oder besser ganz auf Alkohol verzichten. Der Konsum von Kaffee, Tee und Kakao ist dagegen kein Problem. Zwar enthalten diese Getränke auch Purine, doch werden diese Purinformen nicht zu Harnsäure abgebaut. Generell sollten mindestens zwei Liter Flüssigkeit täglich getrunken werden, um die Harnsäureausscheidung zu erleichtern und Nierensteinen vorzubeugen (siehe dazu Ernährung: Diät gegen Gallen- und Nierensteine, PZ 46/2009). Am besten eignen sich Wasser und ungesüßter Tee.

 

Neben dem Alkoholverzicht ist die Einschränkung des Konsums von Fleisch, Fisch und Meeresfrüchten wichtigste Maßnahme für Hyperurikämiker. Innereien, Hering, Forelle und Sardellen haben einen besonders hohen Puringehalt, der in Lebensmitteltabellen als Harnsäureäquivalent in Milligramm angegeben wird. Dies entspricht der Harnsäuremenge, die im Körper nach Aufnahme der Purine entsteht. Der Umrechnungsfaktor von Purinen in Harnsäure beträgt 3,0 (100 Milligramm Purin entspricht 300 Milligramm gebildeter Harnsäure).

Puringehalt verschiedener Lebensmittel (ausgedrückt in Harnsäureäquivalenten)

Lebensmittel Harnsäure (mg)
in 100 g
Harnsäure (mg)
pro Portion
Portion (g)
Purinfreie beziehungsweise purinarme Lebensmittel
Nudeln (Hartweizengrieß), gegart 26 33 125
Reis, gegart 32 58 180
Mischbrot 49 22 45
Kartoffeln, geschält und gegart 15 30 200
Blumenkohl, gegart 45 68 150
Karotten 15 23 150
Bananen 25 31 125
Trinkmilch/Buttermilch/Joghurt 150
Gouda/Edamer/Camembert 10 3 30
Eier (Vollei) 5 3 60
Lebensmittel mit mittlerem Puringehalt
Champignons, gegart 67 67 100
Spinat, gegart 71 107 150
Linsen, gegart 75 113 150
Schinken, gekocht 131 39 30
Kabeljau/Zander 128 192 150
Lebensmittel mit hohem Puringehalt
Erbsen (grün), gegart 171 257 150
Schweineschnitzel 211 264 125
Brathähnchen, mit Haut 157 236 150
Schweineniere 390 488 125
Forelle 345 518 150

Quelle: Bundeslebensmittelschlüssel (BLS) II.3.1

Während einer purinarmen Diät dürfen maximal 3000 Milligramm Harnsäure-Äquivalent pro Woche aufgenommen werden. Bei dieser Kostform sollte nicht mehr als eine Portion Fleisch, Wurst oder Fisch am Tag (150 Gramm) gegessen werden. Bei der streng purinarmen Diät sind es nur 2000 Milligramm Harnsäure pro Woche beziehungsweise 300 Milligramm pro Tag. Daher sind nur zwei bis drei kleine Fleisch- oder Fischmahlzeiten (à 100 Gramm) pro Woche erlaubt. Diese Diät wird nur stationär angewendet.

 

Proteine an sich fördern die Harnsäureausscheidung. Der Bedarf sollte durch Milchprodukte, die praktisch purinfrei sind, Eier und pflanzliche Lebensmittel gedeckt werden. Tofu hat mit 68 Milligramm gebildeter Harnsäure pro 100 Gramm einen mittleren Puringehalt.

 

Steigt der Anteil pflanzlicher Produkte an der Ernährung, ist auch hier auf den Puringehalt zu achten. So führen Hülsenfrüchte wie Erbsen, Linsen und Bohnen aber auch Spinat zur Bildung von mehr als 70 Milligramm Harnsäure pro 100 Gramm Lebensmittel. Zu bevorzugen sind jedoch Gemüsesorten, die zu weniger als 50 mg Harnsäure pro 100 g Lebensmittel führen. Obst hat generell einen niedrigen Puringehalt. Große Mengen Früchte können jedoch wegen der enthaltenden Fructose ebenso wie die Zuckeraustauschstoffe Sorbit und Xylit den Harnsäurespiegel kurzfristig steigen lassen, da beim Abbau von Fructose der unter anderem aus Purinen aufgebaute Energieträger ATP verbraucht wird. Glucose dagegen beeinflusst die Harnsäurekonzentration im Serum kaum. Getreideprodukte und Backwaren mit einem Harnsäuregehalt von unter 100 mg /100 g sollten bevorzugt werden. Dazu gehören Reis, Nudeln und Vollkornbrot.

 

Fette an sich sind so gut wie purinfrei, doch entstehen bei ihrem Abbau Ketonkörper, die die Harnsäureausscheidung reduzieren. Dabei ist es egal, ob es sich um tierische oder pflanzliche Quellen, gesättigte oder ungesättigte Fettsäuren handelt. Fettreiche Lebensmittel sollten daher vermieden werden. Dies trägt außerdem zu dem meist angestrebten Gewichtsverlust bei. Strenges Fasten sollten Hyperurikämiker allerdings unbedingt vermeiden. Auch hier werden vermehrt Ketonkörper frei, was einen Gichtanfall auslösen kann. Langfristiges Abnehmen ist allerdings übergewichtigen Patienten unbedingt anzuraten.

 

Es nutzt übrigens nichts, unter der Woche Diät zu halten, um am Wochenende oder jetzt an Weihnachten richtig zuzuschlagen. Ein fetter Gänsebraten mit Haut, Bratensauce und Hochprozentiges lassen den Harnsäurespiegel schnell nach oben schießen. Lieber ein bisschen mehr Rotkohl essen und die guten Vorsätze fürs neue Jahr überdenken. Denn die Behandlung der Gicht ist eine Langzeittherapie. /

 

Literatur

DGE Info 09/2009: Beratungspraxis; Ernährung bei Gicht; Stand: Oktober 2009.

Leitzmann, C., et al.: Ernährung in Prävention und Therapie. 3. Auflage. Hippokrates, Stuttgart (2009).

Die große GU-Nährwert-Kalorien-Tabelle 2008/2009, Gräfe und Unzer Verlag (2008).

 

Buch-Empfehlungen

Unsere Autorinnen und Autoren haben eine Literaturliste mit empfehlenswerten Büchern zum Thema Ernährung zusammengestellt:

 

Ernährung allgemein

Hans-Konrad Biesalski u. a., Ernährungsmedizin (2004), Thieme Verlag

Hans-Konrad Biesalski und Peter Grimm, Taschenatlas der Ernährung (2007), Thieme Verlag

 

Kalorien/Vitamine

DGE, Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr (2008), Umschau Verlag

Ibrahim Elmadfa u. a., Die große GU Nährwert-Kalorien-Tabelle 2008/2009, Gräfe und Unzer Verlag (2008)

Nestlé Deutschland, Kalorien mundgerecht (2006), Umschau Verlag

Karl-Heinz Bässler u. a., Vitamin-Lexikon (2007), Komet-Verlag

 

Gewichtsreduktion

Alfred Wirth, Adipositas: Ätiologie, Folgekrankheiten, Diagnostik, Therapie, Springer-Verlag Berlin (2007)

Martin Wabitsch und andere, Adipositas bei Kindern und Jugendlichen: Grundlagen und Klinik (2004), Springer-Verlag

Joachim Westenhöfer, Abnehmen ab 50 (2005), Govi-Verlag

Tanja Schweig, Abnehmen und schlank bleiben (2002), Govi-Verlag

 

Diabetes mellitus

A. Liebl und E. Martin, Diabetes mellitus Typ 2 (2005), Govi-Verlag

J. Petersen-Lehmann, Diabetes heute, mehr Sicherheit und Freiheit (2003), Govi-Verlag

J. Petersen-Lehmann, Diabetes-Wissen von A bis Z (2006), Govi-Verlag

Arthur Teuscher, Gut leben mit Diabetes Typ 2 (2006), Trias Verlag

Eberhard Standl, Hellmut Mehnert, Das große Trias-Handbuch für Diabetiker (2005), Trias Verlag

Annette Bopp, Diabetes, Stiftung Warentest (2001)

 

Allergien/Intoleranzen

Andrea Betz-Hiller, Zöliakie. Mehr wissen, besser verstehen (2006), Trias Verlag

Thilo Schleip, Fructose-Intoleranz (2007), Trias Verlag

Thilo Schleip, Lactose-Intoleranz (2005), Ehrenwirth Verlag

 

Cholesterin

C. Eckert-Lill, Kampf dem Cholesterin (2003), Govi-Verlag

 

Hypertonie

M. Conradt, Blutdruck senken, der richtige Weg (2004), Govi-Verlag

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter www.govi.de.

Mehr von Avoxa