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Maßvolle Preise, bezahlbare Arzneien

08.12.2008  14:08 Uhr

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Maßvolle Preise, bezahlbare Arzneien

Von Martina Janning, Berlin

 

Deutschland ist ein guter Pharmastandort, findet die Bundesgesundheitsministerin. Damit das auch so bleibt, sollte die Branche den Bogen bei der Gestaltung von Arzneimittelpreisen nicht überspannen, sagte Ulla Schmidt vor forschenden Arzneimittelherstellern in Berlin.

 

Auf der Mitgliederversammlung des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) in Berlin bekannte sich Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt zum Innovationsstandort Deutschland: Sie habe ein großes Interesse daran, dass hierzulande entwickelt und geforscht wird. Daher habe sie kein Problem damit, dafür Geld auszugeben. Ziel von Gesundheitspolitik müsse aber sein, dass alle Bürger am medizinischen Fortschritt teilhaben können.

 

Die Gesundheitsministerin bezeichnete es als Standortvorteile für die Pharmaindustrie, dass Deutschland eine freie Preisbindung und einen direkten Marktzugang für Arzneimittel habe. Das wolle sie erhalten. Es sei jedoch wichtig, einen Weg zu finden, die Preise so zu gestalten, dass die Industrie ihre Investitionen für Forschung und Entwicklung zurückbekomme und Patienten bezahlbare Medikamente erhalten.

 

Als ein Beispiel, wo dies misslungen sei, führte Schmidt die Impfung gegen humane Papillomaviren (HPV) zum Schutz gegen Gebärmutterhalskrebs an. Der zuständige Gemeinsame Bundesausschuss hatte entschieden, dass die Gesetzliche Krankenversicherung die Kosten trägt. Das Ergebnis: Die HPV-Impfung sei in Deutschland doppelt so teuer wie in Ländern ohne Erstattung, kritisierte Schmidt.

 

Selbst die Schweiz erreiche durch staatliche Festlegungen inzwischen ein niedrigeres Preisniveau als Deutschland, betonte die Ministerin. Sie wolle an dem unmittelbaren Marktzugang jedoch festhalten und keine weitere Hürde für die Erstattung von Arzneimittel einführen, wie dies andere Ländern getan hätten.

 

Schmidt plädierte aber dafür, Europa als Gesamtmarkt zu sehen, in dem die großen Länder einheitliche Kriterien für Kosten-Nutzen-Bewertungen und die Preisbildung festlegen. Das käme auch der Pharmaindustrie zugute, sagte sie. Europa werde zusammenwachsen und die Menschen in den neuen Mitgliedsstaaten wollten ebenfalls am medizinischen Fortschritt teilhaben. Das Beispiel der HIV-Versorgung in Bulgarien zeige, dass es möglich sei, Preise an der Leistungskraft einer Gesellschaft zu orientieren, erklärte Schmidt. In dem Fall hatten sich führende Pharmaunternehmen bereit erklärt, staatlichen Stellen Rabatte auf Aids-Medikamente zu gewähren und sich an den Kosten von Aids-Tests zu beteiligen.

 

Mit Nachdruck forderte die Ministerin Fortschritte bei der Entwicklung einer Methode zur Kosten-Nutzen-Bewertung für Arzneimittel ein. »Ich werde nicht zulassen, dass die Preise ins Unermessliche steigen. Das kann sich kein Gesundheitssystem der Welt erlauben«, sagte sie.

 

»Wo heute Wissenschaft ist, wird morgen Wirtschaft sein«, sagte Professor Dr. Karl Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Berliner Charité. Wer Arbeitsplätze schaffen wolle, müsse Forschung fördern. Während es um das Gesundheitssystem und die Grundlagenforschung in Deutschland gut bestellt sei, gehöre die klinische Forschung nicht zu den besten, befand der Neurologe. Die Universitäten seien seit Jahrzehnten unterfinanziert, obwohl dort alle Forschungen zusammenlaufen und der Nachwuchs ausgebildet wird.

 

Der Charité-Chef bezeichnete den »rasanten Fortschritt« als Problem in der Medizin. Er beklagte, dass die Gesellschaft mit großer Geschwindigkeit in die Fortschrittsfalle laufe. Drei bis vier Prozent Verbesserung brächten 300 bis 400 Prozent Entwicklungskosten. »Wir müssen zugeben, dass das System bald nicht mehr finanzierbar ist«, sagte Einhäupl. Er forderte die Politiker zur Diskussion darüber auf, wie mit Rationierung in der Gesundheitsversorgung umgegangen werden soll. »Schon heute entscheiden wir am Krankenbett, wem wir das geben, was teuer ist.« Dies werde weiter zunehmen. Eine politische Entscheidung sei daher nötig.

 

Cornelia Yzer, Hauptgeschäftsführerin des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller (VFA), nannte die Pharmaindustrie einen »stabilen Anker der Volkswirtschaft«. Ihr zufolge arbeiten in Deutschland mehr als 90.000 Menschen in Pharmaunternehmen, und dem wirtschaftlichen Abschwung zum Trotz rechnet die Branche 2009 mit weiterem Wachstum. Fast drei Viertel der 46 VFA-Firmen erwarten im kommenden Jahr ein Umsatzplus.

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