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Pharmazeutische Technologie

Pille mit hohem IQ

09.12.2008  14:23 Uhr

Pharmazeutische Technologie

Pille mit hohem IQ

Von Sven Siebenand

 

Nicht iPod, sondern iPill heißt eine Neuentwicklung aus dem Hause Philips. Was die intelligente Kapsel von einer normalen Kapsel unterscheidet: Sie weiß, wo sie sich im Körper befindet und setzt an richtiger Stelle die richtige Menge Arzneistoff frei. Bis zur Marktreife wird es aber wahrscheinlich noch einige Jahre dauern.

 

Mit einer Größe von 26 mal 11 Millimetern ist die iPill nicht groß, aber groß genug, um darin einen Arzneistoffbehälter, einen Mikroprozessor, eine Pumpe, Säure- und Temperatursensoren, einen Chip, ein Funkmodul und eine Batterie unterzubringen. All das benötigt die intelligente Pille nämlich, um so funktionieren zu können, wie es sich Wissenschaftler im Team von Dr. Henk van Houten bei Philips Research in Eindhoven ausgemalt haben: Nachdem der Patient die Pille geschluckt hat, geht sie auf die gewöhnliche Reise durch den Körper. Dabei messen Säuresensoren kontinuierlich den pH-Wert in der Umgebung. Während die Säure im Magen noch für einen niedrigen pH-Wert sorgt, steigt dieser Richtung Darm und während der Darmpasssage nach und nach an. Ausgestattet mit der Kenntnis über den aktuellen pH-Wert und Basiswissen über die grundsätzliche Bewegungsgeschwindigkeit in diesem Teil des Körpers, kann die iPill ihren aktuellen Aufenthaltsort im Darm mit einer hohen Genauigkeit bestimmen. Erreicht sie den vorher festgelegten Einsatzort, setzt eine per Mikroprozessor gesteuerte Pumpe den Arzneistoff in der gewünschten Dosis frei. Das könnte zum Beispiel eine einmalige Freisetzung einer großen Arzneistoffmenge sein oder eine mehrfache Abgabe kleiner Wirkstoffmengen an unterschiedlichen Orten. Profitieren sollen von dieser Technologie laut Hersteller zum Beispiel Patienten mit Colitis ulcerosa und Morbus Crohn sowie Darmkrebspatienten. Nach Wirkstoffabgabe und Darmpassage wird die Pille über die natürlichen Verdauungsvorgänge wieder ausgeschieden.

 

Durch drahtlose Kommunikation steht die iPill zu jedem Zeitpunkt mit einer Kontrolleinheit außerhalb des Körpers in Kontakt. Alle gemessenen Daten, unter anderem auch jene der Temperaturfühler, werden hierhin übermittelt. Im Ernstfall ist auch die Kommunikation in die andere Richtung möglich. Treten bei einem Patienten zum Beispiel unerwünschte Arzneimittelwirkungen auf, stoppt ein Signal an die Pille unverzüglich die Wirkstoffabgabe. Denkbar ist auch eine Art Feintunig, indem vor der eigentlichen Behandlung eine Passage ohne Wirkstoff erfolgt, um das Aziditätsprofil des Patienten genau zu bestimmen. Zudem ist eine Kombination mit bildgebenden Verfahren denkbar. So kann der Arzt zum Beispiel mithilfe von CT- oder MRT-Aufnahmen klären, an welchen Stellen die Arzneistoffgabe erfolgen muss.

 

Bisher konnten In-vitro-Untersuchungen nachweisen, dass Programmierung, Messung und Datenübermittlung funktionieren. Nun muss die iPill dies auch in Tierversuchen und später in klinischen Studien unter Beweis stellen. Bis es so weit ist, werden wohl noch einige Jahre vergehen. Dann muss sich auch zeigen, ob die Neuentwicklung zu einem vertretbaren Preis herstellbar ist. Wissenschaftler van Houten ist optimistisch. »Wir sehen hervorragende Möglichkeiten, unser Technologie-Know-How in das Gebiet der Pharmatherapie einzubringen.«

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