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Morbus Crohn

Bessere Heilung mit TNF-α-Blocker

08.12.2008  14:08 Uhr

Morbus Crohn

Bessere Heilung mit TNF-α-Blocker

Von Brigitte M. Gensthaler, München

 

Viele Patienten mit chronisch-aktivem Morbus Crohn nehmen das Immunsuppressivum Azathioprin ein. Eine neue Studie zeigt, dass die Remissionsraten höher liegen, wenn sie den TNF-α-Blocker Infliximab bekommen. Zudem heilt die geschädigte Darmschleimhaut besser ab, was die Prognose verbessert.

 

Der monoklonale Antikörper Infliximab richtet sich gegen lösliche und membranständige Formen des menschlichen Tumornekrosefaktors TNF-α und kann dadurch Entzündungsprozesse unterbrechen. Zugelassen ist der Wirkstoff bei schweren Formen der rheumatoiden Arthritis, bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, Psoriasis und Psoriasis-Arthritis, wenn die Patienten auf die herkömmliche Therapie nicht (mehr) ansprechen.

 

Den Nutzen von Infliximab im Vergleich zu Azathioprin bei Morbus Crohn untersuchte die SONIC-Studie (Study of Biologic and Immunomodulator Naive Patients in Crohn´s Disease), die kürzlich bei der 16. United European Gastroenterology Week vorgestellt wurde. Professor Dr. Stefan Schreiber vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Kiel, stellte die Studiendaten bei einer Pressekonferenz der Essex Pharma vor. Einbezogen waren mehr als 500 Patienten mit moderatem bis schwerem Morbus Crohn, die vorher nicht auf eine Therapie mit 5-Aminosalicylsäure und/oder Corticosteroiden angesprochen hatten oder steroidabhängig waren. Voraussetzung für die Studienteilnahme war, dass die Probanden nie zuvor Immunmodulatoren oder Biologicals erhalten hatten. Die mittlere Dauer der Erkrankung lag bei 2,3 Jahren. Die Patienten bekamen entweder Infliximab (5 mg/kg intravenös, in Woche 0, 2 und 6, dann alle acht Wochen) oder Azathioprin (2,5 mg/kg Körpergewicht peroral, einmal täglich) oder eine Kombination der beiden Medikamente. Patienten in den Monotherapie-Armen erhielten zusätzlich zum Verum Placebo-Injektionen beziehungsweise -Tabletten.

 

Mehr Remissionen

 

Primäres Therapieziel war die steroidfreie Remission nach 26 Wochen, wobei kurzzeitig geringe Budesonid-Dosen erlaubt waren. Sekundäre Ziele waren Mucosaheilung, Remissions- und Responseraten sowie die Lebensqualität.

 

Nach 26 Wochen hatten 57 Prozent der Patienten in der Kombigruppe das primäre Ziel erreicht (unter Azathioprin-Monotherapie 30 Prozent); der Unterschied war statistisch signifikant. Mit der Infliximab-Monotherapie kamen 44 Prozent in Remission. Auch die Darmschleimhaut war in der Kombitherapie-Gruppe deutlich häufiger abgeheilt (44 Prozent) im Vergleich zu Azathioprin- oder Infliximab-mono (17 und 30 Prozent). In allen Gruppen klagten sehr viele Patienten über Nebenwirkungen. Die Rate schwerer Ereignisse war in der Infliximab-Gruppe jedoch geringer als unter Azathioprin (16 versus 24 Prozent).

 

TNF-α-Blocker seien nicht für alle Crohn-Patienten indiziert, mahnte der Gastroenterologe. Bei Patienten mit komplizierten Verläufen, ausgeprägter Entzündung oder Fisteln solle man sie jedoch frühzeitig und auch als First-line-Therapie einsetzen. Bei Nicht-Ansprechen lohne sich eine Dosiserhöhung oder Verkürzung des Applikationsintervalls, zum Beispiel auf sechs Wochen. Nach klinischer Erfahrung brauchen 10 bis 20 Prozent der Patienten eine höhere Infliximab-Dosis für ein Ansprechen, sagte Schreiber. Unklar sei aber, für wie lange. Ebenfalls offen sei, wann die immunsuppressive Therapie beendet werden kann, nachdem die Krankheit gestoppt wurde.

 

Mucosaheilung zeigt Prognose an

 

Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) erleiden häufig Rückfälle. »Früher wurde bei Crohn-Patienten wenig auf die Heilung der Darmschleimhaut geachtet, aber alle neueren Studien zeigen, dass sich dann Verlauf und Prognose verbessern«, berichtete Privatdozent Dr. Andreas Sturm von der Berliner Charité. Bei Colitis-Patienten sei die Schleimhautheilung dagegen seit Langem ein etabliertes Therapieziel. Wie hilfreich dies ist, ergab eine Studie mit rund 750 Patienten, die zehn Jahre nachbeobachtet wurden: CED-Patienten, bei denen die Mukosa nach einjähriger Therapie endokopisch nachweisbar abgeheilt war, mussten in der folgenden Dekade deutlich seltener operiert werden.

 

Dass Glucocorticoide der Mucosaheilung eher im Weg stehen, zeigte eine Studie mit 214 neu erkrankten Crohn-Patienten, die Infliximab bekamen. Von den Respondern erreichten 45 Prozent eine vollständige und 22 Prozent eine partielle, endoskopisch nachweisbare Abheilung. Erhielten die Patienten zusätzlich Corticosteroide, war die Heilungsrate deutlich schlechter. Die Zugabe von Immunmodulatoren hatte keinen Einfluss.

 

Ob TNF-α-Blocker wie Infliximab das Risiko für maligne Erkrankungen erhöhen, wird kontrovers diskutiert. Eine Untersuchung an mehr als 800 Patienten, von denen die Hälfte den Antikörper bekommen hatte, zeigte innerhalb der achtjährigen Nachbeobachtung kein erhöhtes Karzinomrisiko. Die Rate an neu diagnostizierten Neoplasien lag in beiden Gruppen bei etwa 3 Prozent, sagte Sturm. Frühere Studien hatten jedoch gezeigt, dass das Lymphom-Risiko bei CED-Patienten unter TNF-α-Blockade erhöht sein kann. Laut Fachinformation (Stand Juli 2008) kann ein Risiko für die Entwicklung von Lymphomen oder Malignomen derzeit nicht ausgeschlossen werden. Daher sollten Ärzte Nutzen und Risiko einer TNF-α-blockierenden Therapie für den einzelnen Patienten sorgfältig abwägen.

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