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Depressionen

Betreuung am Telefon

08.12.2008  14:08 Uhr

Depressionen

Betreuung am Telefon

Von Gudrun Heyn, Berlin

 

Menschen mit Depressionen fallen häufig nach der intensiven Betreuung im Krankenhaus bei der Entlassung in ein therapeutisches Loch. Sie müssen bis zu drei Monate auf einen Platz in einer psychiatrischen Praxis warten. Mit einer maßgeschneiderten telefonischen Betreuung soll die Versorgungslücke geschlossen werden.

 

Im Verlauf eines Jahres erkrankt jeder zehnte Erwachsene in Deutschland an einer Depression. Etwa die Hälfte der Betroffenen gilt als behandlungsbedürftig. Doch nur etwa 70 Prozent dieser vier Millionen befinden sich in hausärztlicher Betreuung und nur etwa 9 Prozent erhalten eine adäquate, leitliniengestützte Therapie. Noch weit geringer ist die Zahl der Patienten, die nach einer dreimonatigen Behandlung ihre Medikamente auch einnehmen. Lediglich 2,5 bis 4 Prozent der Menschen in Therapie gelten dann noch als compliant. In der Folge steigt die Zahl der Arbeitsfehltage und der Frühverrentungen sowie die Kosten der Krankenkassen, denn jede nicht behandelte Depression kann zu einer Chronifizierung führen. Aber auch die Patienten schaden sich durch die fehlende Therapietreue mehr als noch bis vor Kurzem angenommen. Eine im November 2008 veröffentlichte internationale Studie mit mehr als 1000 Teilnehmern zeigt, dass Patienten, die zu Beginn der Untersuchung depressiv waren, noch nach fünf Jahren ein um 50 Prozent erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse hatten und eine höhere Sterblichkeit aufwiesen.

 

Die Erkrankung Depression unterscheidet sich durch eine Reihe von Merkmalen von einer normalen Traurigkeit oder Niedergeschlagenheit. Als Kernsymptome gelten Freudlosigkeit, depressive Stimmung und eine deutliche Antriebsminderung. Begleitend können andere Beschwerden hinzukommen wie Schlafstörungen, Appetitveränderungen, Konzentrations- und Gedächtnisschwierigkeiten oder ein niedriges Selbstwertgefühl. Erst wenn mindestens vier dieser Symptome für mindestens zwei Wochen bestehen, leiden Menschen unter einer behandlungsbedürftigen Depression. Zumeist verläuft die Erkrankung in Phasen. Bei rund 20 Prozent der Betroffenen entwickelt sich daraus ein chronisches Leiden, bei dem die depressiven mehrmonatigen Episoden immer wieder zurückkehren

 

Besonders gefährdet sind Menschen, die durch genetische Faktoren oder psychosoziale Umstände außerordentlich verletzlich sind. Bei erhöhtem Stress oder Belastungen kann die Krankheit dann ausbrechen, wie etwa bei einer chronischen Überforderung oder einer körperlichen Erkrankung.

 

»Mit unserem telefonischen Betreuungsprogramm ProPerspektive wollen wir Menschen mit Depressionen oder Burn-out-Syndrom ein Jahr lang begleiten«, sagte Dr. Thorsten Pilgrim von der AnyCare GmbH Stuttgart in Berlin. Ziel ist es, die Betroffenen besser über ihre Erkrankung zu informieren, sie bei der Suche nach Betreuungsmöglichkeiten an ihrem Wohnort zu unterstützen, ihre Motivationslage zu verbessern und ihre Fähigkeiten zum Selbstmanagement zu fördern. So könne etwa die typische Antriebslosigkeit bei Depressionen überwunden und die Compliance verbessert werden. »Viele Betroffene wissen beispielsweise nicht, dass ihre Medikamente erst nach einigen Tagen den erhofften stimmungsaufhellenden Effekt zeigen, die Nebenwirkungen jedoch schon am ersten Tag der Behandlung auftreten«, sagte Pilgrim. Hier gilt es aufzuklären.

 

Alle Beteiligten sollen von dem Programm profitieren. So auch die behandelnden Ärzte, die in ihrem Praxisalltag entlastet werden, Kliniken, die ihre Patienten bei der Entlassung nun nicht mehr in ein Betreuungsloch schicken müssen, und die Krankenkassen, die bei einem besseren Gesundheitszustand ihrer Mitglieder Geld sparen können.

 

Seit September 2007 bietet die private Krankenversicherung Debeka ihren Versicherten die kostenlose Teilnahme an dem bundesweiten telefonischen Betreuungsprogramm an. »In den letzten fünf Jahren beobachten wir eine dramatische Zunahme an Patienten, die wegen einer Depression stationär aufgenommen werden müssen«, sagte Katrin Berger von der Debeka. Um circa 65 Prozent ist die Zahl der Behandelten gestiegen. Sogar um mehr als 70 Prozent nahm zugleich die Zahl der Menschen mit rezidivierenden depressiven Störungen zu. Obwohl Privatpatienten zumeist sehr gut versorgt werden, fallen selbst sie in manchen Regionen Deutschlands in ein Betreuungsloch. Bis zu drei Monate kann es dauern, bis sie nach einem Krankenhausaufenthalt einen Termin in einer psychiatrischen Praxis erhalten.

 

Jeder Debeka-Versicherte, der aufgrund einer Depression länger als 20 Tage stationär behandelt wird, kann daher das freiwillige Zusatzangebot nutzen. Dazu wird jeder Patient, der dem Teilnahmeprofil entspricht, von der Krankenkasse angeschrieben. Von der Teilnahme ausgeschlossen sind etwa demente Patienten, da es sehr schwierig ist, mit ihnen ein sinnvolles Telefongespräch zu führen.

 

Nach der Einwilligung zur Datenweitergabe gibt es ein ausführliches Erstgespräch mit einem Betreuer von ProPerspektive. Gemeinsam werden individuelle Bedürfnisse geklärt und für die weitere Betreuungszeit erreichbare Ziele gesetzt. Zwölf oder bei Bedarf sogar 18 Monate begleiten die psychologischen Fachkräfte von ProPerspektive nun ihren persönlich zugeordneten Patienten und helfen ihm, seine Aktivitäten zu koordinieren. In der Regel rufen die Betreuer wöchentlich oder alle zwei Wochen ihren Patienten an. Aber auch die Teilnehmer können während der normalen Arbeitszeit an Wochentagen ihren Betreuer telefonisch erreichen, wenn sie zusätzlichen Rat oder Hilfe benötigen. Durchschnittliche 20 Minuten dauert ein Gespräch. Dabei werden auch Probleme angesprochen, die in dem engen Betreuungszeitrahmen einer Arztpraxis oft zu kurz kommen. Ein großer Vorteil ist zunächst die Anonymität, die im Lauf der Zeit durch immer mehr Vertrauen ersetzt wird. So erfahren die Betreuer oft viel mehr über den Zustand und die Situation des Patienten als der behandelnde Arzt. Manche Menschen sind darunter, die aus Angst vor einer Stigmatisierung keinen Fachspezialisten aufsuchen wollen oder wo ein entsprechendes Angebot in Wohnortnähe fehlt. Doch die telefonische Betreuung ersetzt keine ärztliche Behandlung, sondern ist nur als Zusatzangebot zu verstehen.

 

ProPerspektive ist weltweit nicht das erste Betreuungsprogramm für an Depression erkrankte Menschen. Mehr als 30 Studien zeigen, dass eine durch Managed Care unterstützte Routineversorgung bis zu fünf Jahre danach einer Routineversorgung alleine überlegen ist. Die meisten dieser Studien wurden in westlichen Industrienationen durchgeführt, wie den USA, Großbritannien oder den Niederlanden. Dabei wurden die Daten von etwa 10.000 Patienten erfasst.

 

In Deutschland haben inzwischen rund 100 Patienten das Programm ProPerspektive durchlaufen. 70 Prozent der Teilnehmer geben an, dass sich ihr Gesundheitszustand gebessert habe. Dass es sich hierbei nicht nur um eine gefühlte Verbesserung der Situation handelt, zeigen erste Zahlen der Debeka. Nur zwei Patienten mussten bisher wieder aufgrund ihrer Depression in eine Klinik eingewiesen werden. »Im Vergleich zu den nicht zusätzlich betreuten Patienten ist dies sehr wenig«, sagte Berger. Noch sei es zu früh, um eine endgültige Bilanz zu ziehen. Doch sollte sich dieser Trend bestätigen, lässt sich der sogenannte Drehtüreffekt einer Depression durch das Betreuungsprogramm von ProPerspektive minimieren. Denn dann kommt es nicht mehr automatisch zu einem Rückfall in das seelische Tief, sobald die Zeit der intensiven Betreuung in einem Krankenhaus vorüber ist. Auch Versicherte gesetzlicher Krankenkassen, wie der BKK Ford & Rheinland und der BKK Essanelle, können inzwischen die Leistungen von ProPerspektive kostenlos nutzen.

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