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Pharmaindustrie

Marketing in der Kritik

07.12.2010
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Von Theresia Blattmann, Berlin / Sind Arzneimittelhersteller an der Gesundheit der Bevölkerung interessiert oder geht es ihnen vor allem um Profit? Über die Verantwortung von Pharmafirmen im Gesundheitswesen diskutierten Experten auf dem Kongress »Armut und Gesundheit«. Sie verurteilten besonders die Werbestrategien der Branche.

Auch wenn die Teilnehmer erklärten, nicht die komplette Arzneimittelbranche verteufeln zu wollen, beklagten sie doch fehlende Transparenz im Arzneimittelmarkt. Dr. Thomas Schulz, Vorstand des Vereins demokratischer Pharmazeutinnen und Pharmazeuten (VDPP), stellte gleich zu Anfang der Diskussion klar: »In der Pharmaindustrie sind Marketingstrategien, die nur am Umsatz orientiert sind, unethisch.«

 

Fortbildungen ohne Firmeneinfluss

 

Schulz forderte daher vor allem unabhängige ärztliche Weiterbildungen. Die Realität sieht jedoch anders aus: Laut der Freiwilligen Selbstkontrolle der Arzneimittelindustrie finden in Deutschland jedes Jahr rund 150 000 ärztliche Fortbildungsveranstaltungen mit Unterstützung der Pharmaindustrie statt. »Gesponserte Weiterbildungen sind Werbung«, befand Thomas Lindner, Vorstandsvorsitzender des Vereins »Mezis« (Mein Essen zahl ich selbst e. V.), einer Initiative von selbst ernannten »pharmaunabhängigen« Ärzten und Apothekern.

 

Dr. Hans-Joachim Both, Mitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft Gesundheit und Soziales von Bündnis 90/die Grünen, sprach sogar von einer »Einflussnahme seitens der Pharmaindustrie auf allen Ebenen«. Insbesondere kritisierte er, dass Unternehmen versuchen würden, Einfluss auf die Fachpresse zu nehmen. Denn für eine hochwertige Patientenversorgung seien unabhängige Informationen unabdingbar. Gleichzeitig forderte er die Pharmabranche auf, finanzielle Mittel vermehrt in die Forschung und weniger in Marketingaktionen zu investieren. »Nur 10 Prozent der Kosten eines Medikaments werden für die Forschung aufgewendet, hingegen entfallen bis zu 30 Prozent auf Marketingausgaben«, erläuterte Both.

 

Neu oder nur scheinbar neu?

 

Ob es mehr Scheininnovationen als Neuerungen auf dem Arzneimittelmarkt gibt, ist nach Ansicht von Both eine brisante Frage. Diesem Aspekt ging auch Lindner nach. Als Beispiel nannte der Mezis-Vorstandsvorsitzende die Vermarktung von Analog-Insulinen. Laut der Kassenärztlichen Bundesvereinigung sind Analog-Insuline im Schnitt 30 Prozent teurer als Human-Insulin. Ein wissenschaftliches Gutachten für den Gemeinsamen Bundesausschuss sieht jedoch keinen Vorteil gegenüber Human-Insulin und bezeichnet Analog-Insuline explizit als »Schein-Innovation«. Trotzdem übernehmen einige Krankenkassen derzeit die Kosten für Analog-Insuline, und viele Selbsthilfegruppen empfehlen sie. Lindner ging deshalb in seiner Kritik noch weiter: »Die Industrie versucht gezielt Selbsthilfegruppen anzusprechen und diese als Multiplikatoren zu nutzen.«

 

Gesunde als krank definieren

 

Als bedenklich stufte Lindner auch die Entwicklung ein, normale Lebensabläufe zu pathologisieren, um so neue Absatzmärkte zu schaffen. »Aus Gesunden werden Kranke gemacht«, sagte er. Eine Ausdehnung des Krankheitsbegriffes sei vor allem in Bereichen wie »Alter« und »Psyche« zu beobachten. Auf einen solchen Effekt sei auch die schlagartig steigende Zahl der Diagnose Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADHS) zurückführen. Zudem steigere die Behandlung von Krankheitsvorformen wie des »Prädiabetes« oder der »Prähypertonie« die Umsätze der Pharmabranche. Noch bis vor Kurzem seien diese Vorformen nur als Risiko und nicht als behandlungsbedürftige Krankheit eingestuft worden.

 

Als eine weitere »Marketingstrategie von Pharmaunternehmen« nannte Lindner Anwendungsbeobachtungen. Diese medizinischen Studien dienen dazu, Erkenntnisse über bereits zugelassene Arzneimittel zu sammeln. »Wenn neue Medikamente im Rahmen solcher Studien verordnet werden, entlohnt die Industrie teilnehmende Ärzte pro Patient mit einer Pauschale«, erläuterte Grünen-Mitglied Both. Er bezeichnete das Verfahren als eine »Win-Win-Situation für Ärzte und Pharmaunternehmen zulasten der Patienten«.

 

VDPP-Vorstand Schulz sieht die Verantwortung für eine gute Patientenversorgung aber nicht alleine bei der Pharmaindustrie. »Patienten müssen auf das ethisch korrekte Handeln ihrer Ärzte vertrauen können«, sagte er. Lindner schloss sich dieser Aussage an: »Patientenvertrauen darf von Ärzten nicht betriebswirtschaftlich eingesetzt werden«, betonte er. /

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