Pharmazeutische Zeitung online
EU-Richtlinien

Seltsame Blüten

30.11.2010
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Von Maria Pues / Eine EU-Richtlinie sieht vor, das Inverkehrbringen traditionell angewendeter pflanzlicher Arzneimittel durch eine Registrierung zu vereinheitlichen und zu vereinfachen.

In einer Petition an den Deutschen Bundestag wird dadurch ein »Verbot von Heilpflanzen« befürchtet und dieser aufgefordert, die Umsetzung der Richtlinie zu verhindern. Die Internetgemeinde, oder zumindest ein bestimmter Teil davon, ist aufgeschreckt. »Darf ich in meinem Garten dann keinen Salbei mehr pflanzen?«, fragt eine Bloggerin. Andere mutmaßen, es gehe beim »Heilpflanzenverbot« um die Pestizidbelastung bei Gewürzen und Heilkräutern. Wieder andere sehen abwechselnd Kräuterweiblein oder den Mittelstand in Gefahr, die im Gegensatz zu Pharmariesen nicht die Mittel hätten, ihre Tees oder andere Produkte nach den neuen Richtlinien in den Handel zu bringen. Immerhin scheint einigermaßen Einigkeit darüber zu bestehen, wo der »Feind« sitzt: in Brüssel. »EU-Mafia« hilft »Pharma-Mafia« – unter dieser Überschrift ließen sich viele Forenbeiträge zusammenfassen.

Ob es sich bei der ganzen Angelegenheit nicht vielleicht um einen Scherz handelt? Schließlich endete die Mög­lich­keit, sich der Petition anzuschließen ausgerechnet am 11.11.2010. Und das Datum, an dem die »Heilpflanzen illegal werden«, ist laut Petition denkwürdigerweise der 1. April 2011. Beim Lesen der Beiträge in etlichen Foren fragt man sich zudem, wo denn wohl die Wirklichkeit auf­hört und die Parodie anfängt.

 

Sogar als sich herumspricht, dass die Petition erstens an die falsche Adresse gerichtet (EU-Richtlinien müssen umgesetzt werden) und zweitens auch noch inhaltlich falsch ist (siehe unten), bestehen viele Forenteilnehmer darauf, dass es richtig war, sie zu unterschreiben. Denn das grundsätzliche Problem bestehe ja trotzdem: »EU-Diktatur« und »Pharma-Mafia«.

 

Ein paar Fakten: Die EU-Richtlinie ist sechs Jahre alt. Sie sieht ein europaweit vereinheitlichtes Verfahren zur Registrierung traditionell verwendeter pflanzlicher Fertigarzneimittel vor. Die entsprechenden Hersteller konnten inzwischen diese Registrierung beantragen, die Frist dazu ist abgelaufen. Fertigarzneimittel, für die keine Registrierung beantragt wurde oder die die geforderten Kriterien nicht erfüllen, sind ab dem 30. April 2011 nicht mehr verkehrsfähig. Rezepturarzneimittel sind davon nicht betroffen. Küchengewürze auch nicht. Und nein: Heilpflanzen werden nicht illegal. Laut Bundestags-Website hat die Petition im Internet 121 819 Unterstützer gefunden. In der Signatur eines Unterzeichners fand sich folgendes Zitat: »Man soll Denken lehren, nicht Gedachtes. (Cornelius Gustav Gurlitt 1850-1938).« Wohl wahr. / 

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