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Chlorodont

Vater der Zahnpasta

17.11.2015
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Von Christoph Friedrich und Benno Hinkel / Vor 150 Jahren wurde Ottomar Heinsius von Mayenburg (1865 bis 1932), der Erfinder der Chlorodont-Zahnpasta und Gründer der Dresdner Leo-Werke, ­geboren. Von Mayenburg beeinflusste die Entwicklung der Mundhygiene in Deutschland und darüber hinaus. Er war ein erfolg­reicher Unternehmer mit sozialem Impetus und kenntnisreicher Botaniker, der sich auch für den Naturschutz engagierte.

Von Mayenburg wurde am 5. Dezember 1865 in Schönheide im Erzgebirge als Sohn des Königlichen Postdirektors Max Heinsius von Mayenburg geboren (1). Die Familie von Mayenburg zählt zu den alten Adelsgeschlechtern, der Name ist identisch mit dem der Ruine Mayenburg in Südtirol. Der zweite Name »Heinsius« leitet sich wohl von »Heinz« ab. Zu den bedeutenden Vorfahren gehört der der Reformation nahestehende Bürgermeister von Nordhausen, Michael Meyenburg (um 1491 bis 1555), ein Freund Melanchthons und Luthers, dessen Ölporträt und Grab sich in der dortigen Basiliuskirche befinden (2).

Von Mayenburg besuchte zunächst die Bürgerschule in Colditz und danach bis 1882 die Realschule Mittweida. Anschließend begann er seine pharmazeutische Ausbildung, die Vorprüfung bestand er in Zwickau (1). Ab 1884 war er in der 1581 gegründeten Hof-Apotheke bei Dr. Caro (gest. 1888) tätig (3). Zu Beginn des Wintersemesters 1889 immatrikulierte er sich an der Universität Leipzig für Pharmazie, wo er Vorlesungen zur organischen und anorganischen Chemie bei Johannes Wislicenus (1835 bis 1902), Physik bei Gustav Heinrich Wiedemann (1826 bis 1899), Pharmakognosie und Mikroskopie bei Rudolf Boehm (1844 bis 1926) und Botanik sowie Pflanzenphysiologie bei Wilhelm Pfeffer (1845 bis 1920) hörte. Zu seinen Lehrern zählte aber auch der physikalische Chemiker Wilhelm Ostwald (1853 bis 1932), dessen gerichtlich-chemisches Praktikum er besuchte sowie der Apotheker Ernst Beckmann (1853 bis 1923) (4). Am 18. Januar 1891 bestand von Mayenburg die pharmazeutische Staatsprüfung und wirkte anschließend als erster Beamter der Dresdner Hof-Apotheke, die nun von Dr. Giesecke geleitet wurde (3). Im Oktober 1899 setzte er seine Studien an der Leipziger Alma mater fort und belegte Bakteriologie bei Alfred Fischer (1858 bis 1913), vergleichende Anatomie und Zoologie bei Carl Chun (1852 bis 1914), anorganische Chemie bei Beckmann und vor allem Botanik und Pflanzenphysiologie bei Wilhelm Pfeffer (4). Unter dessen Leitung wurde er 1901 mit der Dissertation zum Thema »Lösungsconcentration und Turgorregulation bei den Schimmelpilzen« promoviert.

 

Eine Idee als Startkapital

 

Zum 1. Januar 1907 pachtete von Mayenburg die 1560 gegründete und 1906 von der Stadt übernommene Dresdner Löwen-Apotheke an der Ecke Altmarkt/Wilsdruffer Straße (5). Hier begann er im Mai, auf dem Dachboden selbst zubereitete Zahncreme in Metalltuben zu füllen, die er »Chlorodont« nannte (6). Die Produktion erfolgte zunächst in zwei Nebenräumen der Apotheke, den Fabrikationsbetrieb nannte er nach der Löwen-Apotheke »Laboratorium Leo« (7).

Die Schriftstellerin Ruth von Mayenburg (1907 bis 1993), eine Nichte von Ottomar Heinsius, die sich in der kommunistischen Bewegung engagierte, erinnerte sich an ihren Onkel: »In der altehrwürdigen ›Löwen-Apotheke‹ Ecke Altmarkt und Wilsdrufferstraße gab es kein Heizproblem: Dort schlug einem im Winter Wärme und im Sommer Kühle entgegen. Die reichhaltige Ausrüstung an lateinisch beschrifteten Tiegeln und Gläsern, an Medikamentenpackungen, Parfümeriewaren und Hustenbonbons setzte sich von früh bis abends an der großen Kasse um, deren Inhalt dann mehrmals am Tage in einem eisernen Schrank verstaut wurde, zu dem nur mein Onkel Ottomar Mayenburg den Schlüssel besaß. Dieser jüngste Bruder meines Vaters, Apotheker und Dr. phil. [...] hauste am Ende der Verkaufspulte in seinem winzigen Privat­kontor, trug einen weißen Mantel über einem hohen, vornüber­gebeugten mageren Körper und steckte seinen kahlen Geierkopf kaum mehr in die Apotheke hinein, von der es nur hieß, sie sei eine ›Goldgrube‹. Was sie zutage förderte, setzte er ­nämlich in dunklen Hinterräumen weiterhin um, und zwar in Kosmetik­artikel eigener Erfindung [...]. Bevor die riesigen ›Leo-Werke‹ in der Dresdner Neustadt entstanden, wurde hier in der ›Löwen-Apotheke‹ schon der Grundstein zu einem weltweiten Unternehmen und zu einem der größten Vermögen Deutschlands vor dem Zweiten Weltkrieg gelegt.« (2)

 

1909 verlegte von Mayenburg die Herstellung in die Prager Straße 45, in der Chlorodont nun maschinell produziert wurde (7). Auf der Internationalen Hygieneausstellung in Dresden 1911 erhielt die Zahnpasta eine Goldmedaille. Das Laboratorium Leo beschäftigte damals zwei Laboranten und zehn Arbeiterinnen, die neben Chlorodont auch weitere mundhygienische Erzeugnisse sowie Haut- und Körperpflegemittel produzierten. Trotz Versorgungsschwierigkeiten während des Ersten Weltkrieges stieg die Nachfrage, und 1917 mietete von Mayenburg ein dreistöckiges Fabrikgebäude in der Königsbrücker Straße 16, in dem 60 Angestellte und Arbeiter tätig waren, sodass neben dem Militär auch neutrale Nachbarländer beliefert werden konnten (6). Nach dem Krieg erwarb von Mayenburg weitere Grundstücke in der Königsbrücker Straße 12 und 14, auf denen er vor, während und nach der Inflation Fabrikgebäude errichtete, die mit modernen Maschinen ausgestattet wurden. Die neue Tuben-Schließ-und-Füllmaschine galt damals als die größte in Europa (6). Noch während der Inflationszeit betrug die Tagesproduktion 150 000 Tuben Chlorodont (7).

1924 beschäftigte das Dresdner Werk 400 Mitarbeiter, und in der Dresdner Neustadt entstanden große Produktionshallen sowie ein neues Verwaltungsgebäude (6, S. 41). 1925 erfolgte die Umwandlung des Laboratoriums Leo in die »Leo-Werke A.G.«, wobei sämtliche Aktien in Familienbesitz blieben. Um von Rohstofflieferungen unabhängig zu sein, wurde die Pfefferminze auf einer circa 500 Hektar großen Fläche im rumänischen Kronstadt (heute Brasov) angebaut und in einer Großdestillieranlage nach amerikanischem Muster zu Pfefferminzöl verarbeitet. Den Naturkalk, der die Basis für die Chlorodont-Zahnpasta bildete, lieferte ab 1926 die erworbene ehemalige Calcium A.G. Ulm (7). Die Fabrikations­standorte des Aktienbesitzes der Leo-Werke, die Calcium-AG, das chemische Werk Ulm sowie die C. Stephan-AG Dresden konnten 1927 in der Heinsius-von-Mayenburg-Verwaltungsgesellschaft zusammengefasst werden. Drei Jahre später erfolgte die Umwandlung der Leo-Werke AG in eine GmbH mit Zweigniederlassungen in Frankfurt am Main, Hamburg, München und Berlin. Auslandsvertretungen, aber auch Produktions- und Vertriebsstandorte des Unternehmens bestanden im böhmischen Bodenbach, in Wien, Paris, Amsterdam, Barcelona, Chicago, Hongkong, Buenos Aires, Lissabon, Athen, Stockholm und sogar in Moskau (6, S. 72).

 

Kundenwirksame Werbung

 

Große Aufmerksamkeit schenkte von Mayenburg von Anfang an dem Marketing. Die sogenannte »Leo-Kante«, eine umrahmende Linie aus sich abwechselnden grünen und blauen Karos wurde zum Markensymbol der Produkte. Eine eigene Werbeabteilung entwickelte eine aktuelle Bildersprache, deren Umsetzung in Plakaten, Zeitungsanzeigen, aufwendig dekorierten Lieferfahrzeugen und großflächigen Schriftzügen auf Bussen und Straßenbahnen erfolgte (6, S. 18–25). Das bekannteste Werbemotiv war die »Chlorodont-Frau«, eine feine Dame mit langem, in Pelz gehülltem Hals und einer roten Mütze mit dem Schriftzug »Chlorodont«, die von dem französischen Maler Henri Dumont (1859 bis 1921) stammte (8). Bereits 1932 kauften sechs Millionen Menschen in Deutschland von Mayenburgs Zahnpasta, aber auch andere Produkte wie die Leo-Creme, eine Hautcreme mit Sonnenvitaminen, Creme Leodor, eine Tagescreme und Pudergrundlage sowie Leo-Pillen als Abführmittel erwiesen sich als sehr erfolgreich (8, S. 68). Ruth von Mayenburg bemerkt über diese Produkte: »Onkel Ottomar verwirklichte mit seiner Zahnpaste, den billigen Hautcremes und Abführpastillen, deren Namen alle mit ›Leo-‹ begannen, ein unternehmerisches, reklametechnisches und soziales Konzept großen Stils: er brachte die Körperpflege, die Schönheitsmittel ›unters Volk‹. ›Jedes Dienst- und Bauernmädchen hat ein Recht darauf, sich die Zähne zu putzen und die Hände einzuschmieren!‹ Auf diesen Anspruch, bisher nur für die städtischen Bürger gültig, mußte man sie aufmerksam machen« (1).

Unternehmer mit Herz

 

Von Mayenburg, der privat ein zurückgezogenes Leben führte, bewohnte seit 1925 gemeinsam mit seiner Frau Rose, geb. von Loeben, und seinen vier Kindern das Schloss Eckberg am nördlichen Elbhang (6, S. 57 bis 59). Hier widmete er seine freie Zeit der Gestaltung und Bepflanzung der 14 Hektar umfassenden Parkanlage, in der er Rosen und Schmetterlinge züchtete und die er während der Hauptblütezeit für die Dresdner Bevölkerung öffnete (9). An sonnigen Tagen kamen bis zu 10 000 Gäste in den Schlosspark, der als Sehenswürdigkeit der Stadt galt (10).

 

Von Mayenburg erwies sich zudem als sehr sozialer Unternehmer, auf dem Firmengelände gab es Pausen- und Waschräume, eine Schuster- und Nähstube sowie eine Sanitätsstelle. Die Arbeitsräume der Firma wurden zweimal pro Woche mit frischen Blumen geschmückt und die Mitarbeiter erhielten bereits Weihnachtsgeld. Auf dem firmeneigenen Sportplatz trainierte eine Damen-Fußballmannschaft im Chlorodont-Trikot und für die Mitarbeiter richtete er ein betriebseigenes Ferienheim in Waldbärenburg im Erzgebirge ein (6, S. 62, 11).

Von Mayenburg engagierte sich im sächsischen Heimat- und Naturschutz und war ein leidenschaftlicher Botaniker, die Sächsische Gesellschaft für Botanik und Gartenbau Flora ernannte ihn zum Ehrenmitglied (10). 1931 überließ er die Fabrik Pharmazeutischer Präparate C. Stephan in Dresden der »Sächsischen Apotheker-Genossenschaft« zur Pacht, sodass dem Apo­thekerstand die Vorteile der indus­triellen Großherstellung selbst zugute kamen (11).

 

In den letzten Lebensjahren litt von Mayenburg an Angina Pectoris, die ihn zunehmend ans Bett fesselte. 1932 begab er sich in sein Sommerdomizil Gut Roseneck am Wörther See in Kärnten, wo er am 24. Juli verstarb. Die Leo-Werke fanden sich zu dieser Zeit auf dem Höhepunkt ihrer Expansion, mit 1500 Beschäftigten in 27 Niederlassungen waren sie der größte Zahnpflegemittelhersteller in Europa. Die NS-Zeit überstand das Unternehmen ohne größere Anpassungsschwierigkeiten, da man stets das Bild vom ganzheitlich gesunden Menschen propagiert hatte (6, S. 78). Während des Luftangriffs auf Dresden vom 13. bis 15. Februar 1945 wurden die Gebäude stark beschädigt. Nach der Verstaatlichung in der Sowjetischen Besatzungszone siedelte die Firmenzentrale nach Frankfurt am Main um. Die in Dresden verbliebenen Leo-Werke wurden in der DDR als VEB Elbe-Chemie weitergeführt und waren dort der Hauptproduzent für Mund- und Zahnhygienemittel. 1992 erfolgte die Reprivatisierung der Firma, die nun als Dental-Kosmetik GmbH weitergeführt wurde (6, S. 112).


Quellen und Literatur

 

1 Heinsius von Mayenburg, Ottomar: Lösungsconcentration und Turgorregulation bei den Schimmelpilzen. Diss. phil. Leipzig 1901, Vita (o. S.).

 

2 Ruth von Mayenburg: Blaues Blut und rote Fahnen. Ein Leben unter vielen Namen. Wien / München 1977, S. 38f.

 

3 O. A.: Die Hofapotheke in Dresden. In: Pharm. Ztg. 68 (1923), S. 252f.

 

4 Universitätsarchiv Leipzig Teilnachlass O. H. v. Mayenburg, Promotionsakte (1901).

 

5 Hoefer, W.: Ein Gang durch die ältesten Dresdner Apotheken. In: Deutsche Apotheker Ztg. 54 (1939), S. 582f.

 

6 Gubig, T. / Köpcke, S.: Alles begann mit Chlorodont. Eine Firmengeschichte aus Dresden. Dental-Kosmetik GmbH & Co. KG Dresden 2007, S. 8.

 

7 Urdang, G.: Die deutsche Apotheke als Keimzelle der deutschen pharmazeutischen Industrie. In: Pharm. Ztg. 76 (1932), S. 728.

 

8 Müller-Jahncke, W.-D.: Wer nicht wirbt, der stirbt. Eschborn 2015, S. 32.

 

9 Adolph, P.: Erinnerungen an Dr. Ottomar Heinsius von Mayenburg und an sein Eckberg, In: Mitteilungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz e. V.: Naturschutz, Heimatgeschichte, Denkmalpflege und Volkskunde/ Landesverein Sächsischer Heimatschutz.- Dresden. (1932), S. 276–281.

 

10 Uslar, W. von: Sitzungsberichte und Abhandlungen der Flora. Sächs. Gesellschaft für Botanik und Gartenbau. Dresden. 1931/33, S. 13–15.

 

11 Wiskirchen-Tilsit: Tagesgeschichte. Sachsen. In: Pharm. Ztg. 77 (1932), S.781.

Anschrift des Verfassers

Professor Dr. Christoph Friedrich

Institut für Geschichte der Pharmazie

Roter Graben 10

35032 Marburg

E-Mail: ch.friedrich@staff.uni-marburg.de

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