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Weltgesundheitsbericht

Ohne Versicherung droht Armut

23.11.2010  17:13 Uhr

Von Stephanie Schersch, Berlin / Weltweit rutschen jährlich 100 Millionen Menschen ohne Krankenversicherung in die Armut, weil sie die Kosten für Gesundheitsleistungen nicht bezahlen können. Das geht aus dem aktuellen Weltgesundheitsbericht der WHO hervor. Die Organisation zeigt darin Wege auf, wie die Länder das Ziel einer medizinischen Absicherung aller Menschen besser erreichen können.

Regierungen weltweit haben Probleme bei der Finanzierung ihres Gesundheitswesens, Entwicklungsländer ebenso wie Industrienationen. »Die Gesundheitskosten steigen überall, denn die Menschen werden immer älter, chronische Krankheiten nehmen zu und teure Behandlungen stehen zur Verfügung«, sagte Margaret Chan, Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), in Berlin.

Dort stellte sie den Weltgesundheitsbericht 2010 vor, der sich mit der Finanzierung von Gesundheitssystemen be­fasst. Auf rund 100 Seiten bündelt die WHO Vorschläge, wie die Länder mehr Menschen den Zugang zu einer bedarfsgerechten Gesundheitsversorgung ermöglichen können. »Niemand sollte finanziellen Ruin befürchten müssen, weil er medizinische Behandlung benötigt«, sagte Chan.

 

WHO empfiehlt Vorauszahlungen

 

Jedes Jahr werden dem Bericht zufolge 100 Millionen Menschen in die Armut getrieben, weil sie die Gesund­heits­leistungen direkt beim Erbringer zahlen müssen. Finanzielle Härten sind demnach jedoch nicht auf Länder mit geringem und mittlerem Einkommen beschränkt. Auch in Griechenland, Portugal, Ungarn, Polen oder den USA etwa überschulden sich viele Menschen, um ihre medizinische Behandlung zu bezahlen.

 

Die WHO fordert die Staaten daher auf, die Mittel zur Finanzierung der Gesundheitsausgaben weitgehend über verpflichtende Vorauszahlungen wie entsprechende Ver­sicherungen oder Steuern aufzubringen und von Direkt­zah­lungen abzurücken. Dabei müssten die Lasten gerecht verteilt werden, sodass Reiche für die Armen und Gesunde für die Kranken aufkommen, heißt es in dem Bericht. Insgesamt müssten die staatlichen Ausgaben für eine bessere Gesundheitsversorgung erhöht werden. Zusätzliche Einnahmen könnten etwa über eine Extrasteuer auf Tabak und Alkohol fließen, empfiehlt die WHO.

 

Laut Weltgesundheitsbericht müssen die Länder zudem für mehr Effizienz in den Gesundheitssystemen sorgen. Derzeit würden 20 bis 40 Prozent aller Gesundheitsausgaben durch ineffiziente Strukturen verlorengehen. Der Bericht nennt zehn Bereiche in denen größere Kostenwirksamkeit möglich ist. Dazu gehört auch der Arzneimittelmarkt. Die WHO lobt Frankreichs Strategie der Generikasubstitution, die allein im Jahr 2008 rund 1,3 Milliarden Euro eingespart habe. Für den Krankenhausbereich fordert sie einen effizienteren Einsatz der Gelder. Bei gleichem Aufwand könnten die Krankenhäuser damit im Schnitt 15 Prozent mehr Leistungen bringen.

 

Die Qualität der Gesundheitsversorgung sei jedoch nicht nur eine Frage des Geldes, hob Chan hervor. Vielmehr würden politische Entscheidungen den Weg vorgeben. »Unabhängig vom Umfang der Ausgaben können Länder, die die richtigen politischen Maßnahmen ergreifen, einen deutlich besseren Zugang zur Gesundheitsversorgung erreichen.« Eine Patentlösung gebe es aber nicht.

 

Auch Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) sagte: »Jedes Land muss seinen eigenen Weg gehen.« Das deutsche Gesundheitswesen sieht Rösler gut aufgestellt. Mit dem GKV-Finanzierungsgesetz, dass im Januar in Kraft treten soll, würden die Einnahmen stabilisiert und die Lasten fair verteilt. Chan wollte das System in Deutschland nicht bewerten.

 

Nach Ansicht der WHO brauchen Entwicklungsländer deutlich mehr Unterstützung beim Aufbau einer bedarfsgerechten Gesundheitsversorgung. Hier sei häufig schon der Zugang zu einem geringen Angebot an Gesundheitsleistungen nicht gewährleistet. Die Ergebnisse und Empfehlungen des Weltgesundheitsberichts waren Anfang der Woche auch Thema einer internationalen Ministerkonferenz in Berlin, an der Vertreter aus mehr als 30 Ländern teilgenommen haben. /  

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