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Zytostatika-Skandal

Lauterbach will Herstellungshoheit für Kliniken

15.11.2017
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Von Ev Tebroke / Diesen Montag hat vor dem Essener Landgericht der Prozess im Zytostatika-Skandal begonnen. Ein Bottroper Apotheker hatte jahrelang im großen Stil onkologische Rezepturen gepanscht, so vermutlich rund 1000 krebskranke Menschen geschädigt und die gesetzlichen Krankenkassen um rund 56 Millionen Euro betrogen.

 

Der Gesundheitsexperte der SPD, Professor Karl Lauterbach, spricht in dem Zusammenhang von einem »Systemversagen« und fordert, die Herstellung von Chemotherapien künftig ausschließlich in spezialisierten Kliniken zuzulassen. Im Infoprogramm des NDR-Hörfunks sagte er am Montag: »Die Art und Weise, wie zurzeit Chemotherapien zubereitet werden, entzieht sich der politischen Kontrolle.«

Er bevorzuge eine Verlagerung der Zubereitungen in Krankenhäuser. Dort herrsche das Mehr-Augen-Prinzip und die Beschäftigten seien keine Selbstständigen, »die Millionen-Gewinne damit machen«, sondern Angestellte. Dadurch sei das gesamte System weniger korruptionsanfällig. Auch Qualitätsargumente sprächen für den Klinikbereich. »Die Medikamente werden heutzutage immer teurer, teilweise kostet eine Therapie zwischen 150 000 und 200 000 Euro. Das ist etwas, dass eigentlich nicht in den niedergelassenen Bereich gehört«, so der SPD-Politiker.

 

Der Bottroper Apotheker soll zwischen 2012 und 2016 in etwa 62 000 Fällen Krebsmedikamente mit zu wenig Wirkstoff versehen haben. Betroffen sind nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa Patienten von 37 Ärzten, Praxen und Kliniken in sechs Bundesländern. Hauptsächlich stammen sie aus Nordrhein-Westfalen (NRW). Jedoch sollen auch Praxen und Kliniken im Saarland, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Sachsen mit gepanschten Krebsmedikamenten beliefert worden sein. Aufgedeckt hatten den Betrug zwei Mitarbeiter des Apothekers.

 

Unmittelbar nach Bekanntwerden des Skandals im August hatte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) eine verschärfte Überwachung der Zytostatika herstellenden Apotheken angeordnet. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz verlangt nun gesetzliche Regelungen für eine stärkere Kontrolle der bundesweit 300 Schwerpunktapotheken. /

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