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Schwangerschaftsdiabetes

5-Prozent-Hürde locker genommen

15.11.2017
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Von Sven Siebenand, Mannheim / Gestationsdiabetes wird immer häufiger: 2016 waren 5,4 Prozent der Geburten betroffen. Über die Ursachen, die Folgen sowie Behandlung und Prävention informierte Dr. Helmut Kleinwechter vom Diabetologikum Kiel bei der Herbsttagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft in Mannheim.

Die Häufigkeit von Schwangerschaftsdiabetes hat in den vergangenen Jahren in Deutschland um den Faktor 4,5 zugenommen. Damit ist es mittlerweile eine der häufigsten Komplikationen in der Schwangerschaft. Kleinwechter nannte wichtige Gründe für diesen Anstieg: höheres Lebensalter der werdenden Mütter, Bewegungsmangel, Ernährungsschwierigkeiten, Zunahme von Adipositas schon vor der Schwangerschaft sowie exzessive Gewichts­zunahme währenddessen. »Um einen Gestationsdiabetes zu verhindern, sollten Frauen vor der Schwangerschaft ein normales Körpergewicht anstreben«, so Kleinwechter. 

Zweitens seien gesellschaftspolitische Entscheidungen wichtig, die es Frauen ermöglichen, in jüngeren Lebensjahren Kinder zu bekommen, ohne bei der Ausbildung oder der Verwirklichung beruflicher Ziele benachteiligt zu sein.

 

Alle Schwangeren werden gescreent

 

Der Diabetologe informierte, dass die Untersuchung auf einen Gestations­diabetes seit 2012 als Kassenleistung in die Mutterschutzrichtlinien und damit die Schwangerschaftsvorsorge aufgenommen wurde. »Ganz glücklich sind die Diabetologen mit dem 50-g-Glucose-Screeningtest nicht«, so Kleinwechter. 20 bis 30 Prozent der Fälle würden dadurch übersehen, weshalb die Durchführung des 75-g-Glucose-Screeningstests bei jeder Schwangeren ratsam sei (siehe Kasten). Trinken die Schwangeren den Inhalt einer ganzen 300-ml-Flasche Accu-Chek® Dextrose O.G-T. Saft, entspricht dies einer Aufnahme von 75 g. Ergo kommen 200 ml der Lösung 50 g Glucose gleich.

 

Bei 80 Prozent der Frauen mit Gestationsdiabetes reichen Basismaßnahmen wie vermehrte Bewegung, Ernährungsumstellung und regelmäßige Blut­zucker-Selbstkontrolle aus, um das Problem in den Griff zu bekommen. 20 Prozent der Fälle erfordern jedoch eine zusätzliche Insulintherapie. Kleinwechter: »Anders als in anderen Ländern kommen andere Antidiabetika wie Metformin dafür in Deutschland nicht zum Einsatz.«

 

Der Mediziner betonte die Bedeutung der Nachsorge. »Jede zweite Frau mit Gestationsdiabetes entwickelt innerhalb von zehn Jahren nach der Schwangerschaft einen mani­festen Diabetes.« Je nach Risiko sollte daher alle ein bis drei Jahre nach der Schwangerschaft wieder ein oraler Glucosetoleranztest erfolgen. Nur eine Nüchtern-Blutzuckermessung oder ein HbA1c-Test reichen nicht aus. Wird bei der Nachsorge wieder eine gestörte Glucosetoleranz diagnostiziert, so kann man laut Kleinwechter den Ausbruch von Typ-2-Diabetes in 20 bis 30 Prozent der Fälle noch durch Lebensstilinterventionen wie Ernährungsumstellung und Bewegung verhindern. /

50 oder 75 g Glucose

Der 50-g-Glucose-Screeningtest (GCT) wird unabhängig von der Nahrungsaufnahme und der Tageszeit mit dem Trinken von 50 g wasserfreier Glu­cose in 200 ml Wasser durchgeführt. Die Messung der Blutglucose erfolgt aus venösem Plasma. Ein Blutzuckerwert von ≥ 135mg/dl (7,5 mmol/l) eine Stunde nach Ende des Trinkens der Testlösung gilt als positives ­Screening und erfordert einen anschließenden 75-g-Glucostest. Die Untersuchungsbedingungen und Reproduzierbarkeit des GCT sind umstritten. Ein Problem ist, dass der Test unabhängig von der Tageszeit und dem Zeitpunkt der letzten Nahrungsaufnahme durchgeführt wird.

 

Beim GCT positiv gescreente Schwangere sollten zeitnah einen 75-g-Glucosetest zur Diagnostik erhalten. Dabei wird unmittelbar vor Testbeginn nüchtern der Zucker gemessen. Als nüchtern ist der Zeitpunkt vor der ersten Kalorienaufnahme am Morgen nach einer Nahrungs- und Flüssigkeitskarenz ohne Kalorienzufuhr von mindestens acht Stunden definiert. Nach der Zuckermessung trinkt die Schwangere 75 g wasserfreie Glucose gelöst in 300 ml Wasser oder ein vergleichbares Oligosaccharid-Gemisch schluckweise innerhalb von drei bis fünf Minuten. »Auf ex« sollte sie das Glas nicht leeren. Weitere Zucker­messungen erfolgen eine und zwei Stunden nach dem Trinken der Zuckerlösung. Als Gestationsdiabetes wird das Erreichen oder Überschreiten von mindestens einem der drei Grenzwerte im venösen Plasma gewertet: nüchtern 92 mg/dl (5,1 mmol/l), nach einer Stunde 180 mg/dl (10 mmol/l), nach zwei Stunden 153 mg/dl (8,5 mmol/l).

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