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Influenza-Impfstoffe

Auf die richtigen Viren setzen

15.11.2017
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Von Nicole Schuster / Die beste Zeit für eine Grippe-Impfung sind der Oktober und der November. Die Zusammensetzung der Influenza-Vakzine passen Wissenschaftler jährlich an die aktuelle epidemiologische Lage an. Wie gut die tri- und tetravalenten Präparate wirken, zeigt sich aber erst während der Saison.

Erreger der Infektion sind die Influenza-Viren. Dabei handelt es sich um behüllte, kugelige RNA-Viren, deren Genom aus 8 RNA-Strängen besteht. Proteine und Glykoproteine – zu Letzteren zählen die Neuraminidase (N) und das Häm­agglutinin (H), auf die das menschliche Immunsystem anspricht – sind in die Virushülle eingelagert.

Verschiedene Gattungen

 

Experten unterscheiden verschiedene Gattungen. Für Infektionen des Menschen sind die Typen A, B und C verantwortlich. Die zahlreichen Varianten des besonders mutationsfreudigen Influenza-A-Virus lassen sich anhand ihrer Oberflächenantigene N und H kategorisieren. Beispiele sind das Influenza-A-(H1N1)-Virus und das Influenza-A-(H3N2)-Virus. Der Typ A ist für die gefährlichsten Infektionen des Menschen verantwortlich. Influenza-B-­Viren weisen ebenfalls ein Hämagglutinin und eine Neuraminidase auf der Oberfläche auf, haben aber eine niedrigere Mutationsfrequenz als Typ A und führen zu milderen Krankheitsverläufen. Zu unterscheiden sind hier Viren aus der B/Victoria-Linie und aus der B/Yamagata-Linie. Das Influenza-C-Virus verursacht eher selten Infektionen beim Menschen und dann auch nur mit geringen Symptomen. Es verfügt über kein Oberflächenantigen.

 

Die Entwicklung der Vakzine stellt Wissenschaftler vor Herausforderungen. »Das Problem bei der Herstellung von Influenza-Impfstoffen liegt vor ­allem darin, dass es so viele verschiedene Influenza-Viren gibt und diese sich durch Replikationsfehler, die zum Selektionsvorteil werden können, ständig verändern«, sagte Dr. Susanne Stöcker, Pressesprecherin des Paul-Ehrlich-­Instituts (PEI), der Pharmazeutischen Zeitung. Grippeimpfstoffe enthalten daher auch nicht nur die Antigene eines Influenza-Typs, sondern regelhaft drei (trivalent), seit einigen Jahren zum Teil auch vier Influenza-Virusstämme (tetravalent). Diese setzen sich aus zwei Typ-A-Subtypen und zwei B-Typen zusammen.

 

WHO trifft Auswahl

Die zweite Herausforderung besteht darin, den Impfstoff jährlich an die epidemiologische Lage neu anzupassen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) legt die Zusammensetzung rund ein halbes Jahr vor der nächsten Saison fest. »Sie stützt sich dabei auf Daten, die ihr aus dem Netzwerk der Referenzlaboratorien zu den zirkulierenden Stämmen gemeldet werden«, informierte Stöcker. Dabei können sich die Empfehlungen für die südliche und die nördliche Hemisphäre unterscheiden. In Europa überprüft die Europä­ische Arzneimittelagentur (EMA) die WHO-Auswahl und schließt sich ihr in der Regel an. Für die Saison 2017/2018 setzt sich der Impfstoff schließlich aus den Antigenen folgender Virenvarianten zusammen:

 

  • A/Michigan/45/2015 (H1N1) pdm09-ähnlicher Stamm
  • A/Hong Kong/4801/2014 (H3N2)-ähnlicher Stamm
  • B/Brisbane/60/2008-ähnlicher Stamm (Viktoria-Linie)

 

Im tetravalenten Impfstoff ist zusätzlich noch eine Variante vom B/Phuket/3073/2013-ähnlichen Stamm (Yamagata-Linie) enthalten.

 

Sobald die EMA die Zusammensetzung bestätigt hat, fängt bei den Herstellern die Arbeit an. Über die Referenzlaboratorien der WHO erhalten sie das Saatmaterial. »So ist sichergestellt, dass tatsächlich die empfohlene Stammzusammensetzung verwendet wird, da alle mit dem gleichen ­Ausgangsmaterial arbeiten« erklärt Stöcker. »Als zusätzliche Sicherheit werden die Impfstoffe dann national nochmals überprüft (»Genehmigung der Stammanpassung«). In Deutschland werden überprüfte und genehmigte Impfstoffe kenntlich gemacht, indem die Jahreszahl der Saison angefügt wird (Impfstoff XY 2017/2018).

Tabelle: Impfstoffe mit Stammanpassung für Saison 2017/2018

Bezeichnung Art des Impfstoffes Applikation Indikationsgruppe
Afluria 2017/2018 Influenza-Spaltimpfstoff (Virusimpfstoff, inaktiviert) intramuskulär Verwendung ab einem Lebensalter von fünf Jahren
Begripal 2017/2018 Influenza-Untereinheiten-Impfstoff aus Oberflächenantigen (Virusimpfstoff, inaktiviert) intramuskulär Verwendung ab einem Lebensalter von sechs Monaten
Fluad 2017/2018 Influenza-Untereinheiten-Impfstoff aus Oberflächenantigen (Virusimpfstoff, inaktiviert) intramuskulär Verwendung ab einem Lebensalter von 65 Jahren
Fluenz Tetra 2017/2018 Influenza-Impfstoff (lebend-attenuiert) Influenza Virus-A, H1N1 /Influenza Virus-A, H3N2 /Influenza Virus-B (Victoria Linie) / Influenza Virus-B (Yamagata Linie) nasal Verwendung ab einem Lebensalter von zwei Jahren bis einschließlich 17 Jahren
Grippe-Impfstoff STADA N 2017/2018 Influenza-Untereinheiten-Impfstoff aus Oberflächenantigen (Virusimpfstoff, inaktiviert) intramuskulär Verwendung ab einem Lebensalter von sechs Monaten
Influsplit Tetra 2017/2018 Influenza-Spaltimpfstoff (Virusimpfstoff, inaktiviert) intramuskulär Verwendung ab einem Lebensalter von drei Jahren
Influvac 2017/2018 Influenza-Untereinheiten-Impfstoff aus Oberflächenantigen (Virusimpfstoff, inaktiviert) intramuskulär Verwendung ab einem Lebensalter von sechs Monaten
Vaxigrip 2017/2018 Influenza-Spaltimpfstoff (Virusimpfstoff, inaktiviert) intramuskulär, ggf. tief subcutan Verwendung ab einem Lebensalter von sechs Monaten
Vaxigrip Tetra 2017/2018 Influenza-Spaltimpfstoff (Virusimpfstoff, inaktiviert) intramuskulär, subcutan Verwendung ab einem Lebensalter von drei Jahren
Xanaflu 2017/2018 Influenza-Untereinheiten-Impfstoff aus Oberflächenantigen (Virusimpfstoff, inaktiviert) intramuskulär Verwendung ab einem Lebensalter von sechs Monaten

Produktion in Hühnereiern

 

Die Saatviren bringen die Hersteller nach traditionellem Verfahren in Hühnereier ein, in denen sie sich vermehren. Nach einem Bebrüten von mehreren ­Tagen werden die Viren aus den Eiern gewonnen, aufgereinigt und inaktiviert. Dieser Prozess muss für jeden der vier von der WHO empfohlenen Virenstämme getrennt erfolgen. Erst, um die endgültige Impflösung zu erhalten, werden die einzelnen Bestandteile zusammengemischt. Eine mögliche, aktuell aber nicht genutzte Alternative ist die Herstellung des Impfstoffs in Zellkulturen. Chargenweise erfolgt dann die Prüfung und Freigabe der hergestellten Influenza-Impfstoffe, in Deutschland durch das PEI. Freigegebene Chargen gelangen in den Handel und dürfen angewendet werden. Eine Übersicht über die aktuell freigegebenen Chargen und die WHO-Empfehlung findet sich unter www.pei.de/influenza-impfstoffe.

 

Die Impfeffektivität ist nicht jedes Jahr gleich gut. Das liegt daran, dass die Impfstoffzusammensetzung bereits Monate im Voraus festgelegt werden muss und sich die Erreger in der Zwischenzeit noch unerwartet verändern können. Im Moment sieht es allerdings noch gut aus: Der WHO zufolge mit Stand vom 16. Oktober entstammen 73,4 Prozent der zirkulierenden Viren dem Typ A, dabei 15,1 Prozent H1N1 und 84,9 Prozent H3N2. Vom Typ B sind 26,6 Prozent der nachgewiesenen ­Viren. Davon entstammen derzeit 81 Prozent der Yamagata-Linie, die aktuell nur im tetravalenten Impfstoff enthalten ist. »Das kann sich allerdings auch noch ändern, bis die Saison in Deutschland richtig beginnt – das hatten wir umgekehrt vor zwei Jahren schon einmal«, sagt Stöcker.

 

Empfehlungen der STIKO

 

Den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) zufolge sollen sich vor allem Über-60-Jährige, Schwangere, Bewohner von Alten- oder Pflegeheimen, chronisch Kranke und medizinisches Personal impfen lassen. Auch für Menschen, die viel Kontakt mit anderen haben, wie Busfahrer, Erzieher oder Lehrpersonen, ist eine Immunisierung sinnvoll. Eine besondere Empfehlung für den tetravalenten Impfstoff, der gegen beide zirkulierende B-Stämme schützt, gibt es nicht. Das gilt auch für Kinder. Sie sollen nicht mehr wie in der letzten Saison bevorzugt den nasal zu verabreichenden lebend-attenuierten, tetra­valenten Impfstoff bekommen. Eine Überlegenheit der Nasalvakzine ließ sich bislang nicht bestätigen. Für ältere Patienten über 65 Jahre ist ein adjuvantierter Impfstoff zugelassen. Eine besondere Empfehlung, diesen in dieser Personengruppe anzuwenden, hat die STIKO aber auch nicht gegeben. /

Fipronil im Grippeimpfstoff?

Nach Meldungen von mit Fipronil belasteten Hühnereiern sind Patienten womöglich verunsichert, was die Sicherheit von Impfstoffen anbelangt. Apotheker können bei Grippeimpfstoffen Entwarnung geben. Hühnereier für die Anzucht der Viren stammen aus speziellen, besonders kontrollierten Zuchtbetrieben und werden nicht der ­Lebensmittelproduktion entnommen. Die aufwendigen Reinigungsprozesse nach Isolierung der Influenzaviren sorgen zudem dafür, dass der Impfstoff am Ende den Anforderungen im Europä­ischen Arzneibuch entspricht und nur noch maximal 1µg Hühnereiweiß pro Dosis im End­produkt enthalten sind. Er ist somit auch für die meisten Menschen mit einer Allergie gegen Hühnereiweiß geeignet. Alternative, in Zellkulturen hergestellte und somit hühnereiweißfreie Influenza­impfstoffe sind derzeit nicht in Deutschland verfügbar.

 

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