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Infektionen in der Schwangerschaft

Besondere Vorsicht geboten

12.11.2014
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Von Nicole Schuster / Infektionen in der Schwangerschaft können Mutter und Kind gefährden. Doch nur wenige Erreger führen zu schwerwiegenden Komplikationen. In den meisten Fällen lässt sich Infektionen mit einfachen Maßnahmen vorbeugen.

Wenn Schwangere an einer Infektion erkranken, machen sie sich häufig Sorgen um ihr Kind. Denn einige Infektionen in der Schwangerschaft können das Ungeborene schädigen und das Risiko für Früh- und Fehlgeburten erhöhen. Doch die meisten Erreger stellen keine Gefahr dar. So sind zum Beispiel Durchfallerkrankungen oder Erkältungen harmlos. Für das Kind gefährlich können Erreger wie zum Beispiel Listerien, Gonokkoken, das Rötel-Virus oder der Parasit Toxoplasma gondii werden (siehe Kasten). 

Zu einer Übertragung auf den Feten kommt es, wenn Krankheitserreger im Blut die Plazenta passieren oder bei genitalem Eintritt über die Scheide aufsteigen. Bestimmte Keime stellen noch im Mutterleib eine Gefahr für das Kind dar. Sie können die Entwicklung des Kindes stören, zu Fehlbildungen führen, bei ausgeprägten Schäden kann es auch zum Abort kommen.

 

Eine Ansteckung ist aber auch während der Geburt möglich. Bei den sogenannten perinatalen Infektionen gehen Krankheitserreger der Mutter beim Durchtritt durch den Geburtskanal auf das Baby über. Nach der Geburt kann bei stillenden Müttern infizierte Milch ein Risiko für den Säugling darstellen.

 

Unterdrücktes Immunsystem

 

Aber auch Infektionen, die nicht auf den Fetus übergehen, sind nicht zwangsläufig unproblematisch. Das liegt an der besonderen Situation des mütterlichen Immunsystems. Einerseits muss es die Schwangere und den wachsenden Feten schützen, andererseits darf es nicht so reaktiv sein, dass es die mit fremden, da väterlichen Merkmalen ausgestatteten kindlichen Zellen bekämpft. Die dadurch vorliegende gewisse Immunsuppression führt dazu, dass manche Infektionen wie Masern oder Influenza bei Schwangeren mit besonders schweren Symptomen einhergehen können. »Komplikationen wie etwa eine Lungenentzündung der Schwangeren stellen eine Gefährdung auch für das Kind dar und erfordern eine medikamentöse Behandlung, die ebenfalls mit einem Risiko verbunden sein kann«, sagt Professor Dr. Susanne Modrow vom Institut für Mikrobiologie und Hygiene an der Universität Regensburg im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung.

 

Die Prävalenz für durch pränatale oder perinatale Übertragung von Infektionen verursachte Schäden oder Fehlgeburten ist schwer abzuschätzen. »In einigen Fällen lässt sich ein Zusammenhang nur vermuten«, sagt Professor Dr. Claudia Roll, Chefärztin der Abteilung Neonatlogie und Pädiatrische Intensivmedizin an der Vestischen Kinder- und Jugendklinik der Universität Witten/Herdecke in Datteln, gegenüber der PZ.

 

Insgesamt haben die hohe Durchimpfungsrate in Deutschland, die Maßnahmen der Schwangerschaftsvorsorge und der Hygienestandard aber dafür gesorgt, dass die Fallzahlen stark zu-rückgegangen sind.

 

Impfungen bieten Schutz


Gegen einige Virusinfektionen lässt sich mit Impfungen vorbeugen. »Schon vor der Schwangerschaft sollten Frauen prüfen lassen, ob sie vor viralen Krankheiten wie Röteln oder Masern ausreichend geschützt sind oder Auffrischungs-Impfungen benötigen«, sagt Modrow. Impfungen gegen das Röteln-Virus können vor Infektionen schützen, die im ersten Schwangerschaftsdrittel schwere Fehlbildungen, Organschäden und geistige Entwicklungsstörungen beim Kind verursachen können.

 

Cytomegalie-Virus


Unter den Infektionen, gegen die keine Impfung verfügbar ist, bereitet den Medizinern aktuell die Cytomegalie die meisten Sorgen. Die durch das Cytomegalie-Virus (CMV) übertragene Krankheit verläuft in der Regel asymptomatisch. Wer sich einmal infiziert hat, gilt als immun. Kommt es aber in der Schwangerschaft zu einer Erstinfektion, führt das häufig zu schweren Organschäden beim Ungeborenen. Modrow rät Frauen dringend dazu, zu Beginn der Schwangerschaft testen zu lassen, ob sie durch eine frühere Infektion bereits einen Schutz aufgebaut haben. »Bei seronegativen Frauen, wenn also keine Antikörper im Serum vorliegen, muss der Gynäkologe ein Aufklärungsgespräch über Hygiene­regeln zur Vermeidung einer Ansteckung führen«, so Modrow.

 

Besonders gefährdet seien Schwangere, die bereits Nachwuchs unter drei Jahren haben, da Kleinkinder, die in Betreuungseinrichtungen Kontakt zu anderen Kindern haben und sich so infizieren, als wichtigste Überträger des Virus gelten. Die Mütter müssen angeleitet werden, jeden Schleimhautkontakt mit kindlichem Speichel, der beispielsweise beim gemeinsamen Gebrauch von Löffeln stattfindet, zu vermeiden, und sich nach Kontakt mit Speichel oder Urin die Hände mit Wasser und Seife gründlich zu waschen. Diese Schutzmaßnahme ist auch in der AWMF-Leitlinie »Labordiagnostik schwangerschaftsrelevanter Virusinfektionen« beschrieben. Prävention ist so wichtig, da es keine zugelassene Behandlung für Schwangere mit CMV-Primärinfektion gibt, welche die Infektion des Kindes und dessen Erkrankung verhindern kann.

 

Auch beim Erreger der Ringelröteln, dem Parvovirus B19, sind die Behandlungsmöglichkeiten begrenzt. Tritt eine Infektion in der ersten Schwangerschaftshälfte auf, erkrankt etwa jedes zehnte Ungeborene an einer fetalen Anämie. Die Infektion hat eine verminderte Bildung von roten Blutkörperchen zur Folge und kann tödlich sein. Früh genug erkannt, lässt sich die Blut-armut über eine intrauterine Transfusion mit roten Blutkörperchen behandeln. Dabei werden mit einer Punktion der Nabelschnurgefäße durch die Bauchdecke der Mutter Erythrozyten in das Blut des Kindes übertragen. Bei Infektionen mit Viren, die wie Herpes genitales vor allem perinatal auf das Kind übergehen, und schwere bis zu tödliche Folgen haben können, bringen Ärzte das Baby oft vorsichtshalber per Kaiserschnitt zur Welt.

Gefährliche Erreger

Folgende Erreger stellen in der Schwangerschaft eine Gefahr für den Fetus dar:

 

  • Bakterien: Chlamydien, Listerien, B-Streptokokken, Gonokokken, Treponema pallidum (Syphilis)
  • Viren: Cytomegalie-Virus, (CMV), Rötelnvirus, Parvovirus B19, Hepatitis-Viren, Varizella-zoster-Virus, Herpes-simplex-Virus, HIV.
  • Parasiten: Toxoplasma gondii (Toxoplasmose)

Kritischste Phase zu Beginn

 

Eine gefürchtete Infektion in der Schwangerschaft ist auch die Toxoplasmose. Erreger ist hier er protozoische Parasit Toxoplasma gondii, der in rohen tierischen Produkten oder durch Kot verunreinigter Erde vorkommt und durch infizierte Hauskatzen verbreitet wird. Ähnlich wie bei CMV sind auch hier seropositive Frauen, also solche, die Antikörper gegen den Erreger im Blut aufweisen, geschützt. Ein Test auf Antikörper ist daher sinnvoll. Bei einer Infektion im ersten Schwangerschaftsdrittel erleidet bis zu jedes sechste Kind teils schwere Schäden. Im weiteren Verlauf steigt zwar das Übertragungsrisiko, die Schwere der Schäden nimmt allerdings ab. Ab der 16. Schwangerschaftswoche kann der Arzt zudem mit Antibiotika behandeln

 

»Das erste Trimester sowie die erste Hälfte des zweiten Trimesters gelten allgemein als kritischste Phase für Schädigungen«, erklärt Modrow. Das Risiko hierfür hängt auch davon ab, wie gut sich ein Erreger im Fruchtwasser vermehrt. Roll erläutert, warum daher Infektionen mit Pilzen oft weniger bedrohlich sind. »Die Wachstumsgeschwindigkeit von Pilzen ist viel niedriger als die von Bakterien, deren Zahl sich unter geeigneten Bedingungen – und dazu gehört warmes Fruchtwasser – alle 20 Minuten verdoppeln kann.« Ein Beispiel für geradezu auf Fruchtwasser spezialisierte Keime seien die B-Streptokokken. Bei fast jeder fünften Schwangeren können sie in der Scheide nachgewiesen werden. Die Bakterien, die für die Frau selbst keine Bedeutung haben, können insbesondere beim vorzeitigen Blasensprung aufsteigen und ins Fruchtwasser gelangen. Verschluckt das Kind infiziertes Fruchtwasser, kann es schwer erkranken und beispielsweise eine Lungenentzündung, Hirnhautentzündung oder sogar Sepsis entwickeln.

 

Frauen sollten sich daher einen Monat vor dem errechneten Termin speziell auf B-Streptokokken untersuchen lassen. »Bei einem positiven Nachweis kann man der werdenden Mutter während der Geburt, nachdem die Fruchtblase gesprungen ist, intravenös Penicillin verabreichen«, so Roll. Dadurch gelinge es Ärzten heute, die Anzahl der durch B-Streptokokken verursachten Fruchtwasserinfektionen stark zu senken.

 

Ein weiteres Beispiel für in der Schwangerschaft gefährliche Bakterien sind Listerien. Die Erreger der Listeriose befinden sich vor allem in rohen Lebensmitteln. Im Mutterleib infizierte Kinder kommen mit schweren Schäden zur Welt. Zudem steigt das Risiko für vorzeitige Wehen und Fehl-, Früh- oder Totgeburten. Rechtzeitig erkannt lässt sich die Listeriose wie die meisten anderen bakteriellen Infektionen mit Antibiotika behandeln. »Dafür stehen auch genug in der Schwangerschaft anwendbare Arzneien zur Verfügung«, so Roll.

 

Schutz des Ungeborenen

Zum Schutz des Ungeborenen sollte es für Schwangere selbstverständlich sein, regelmäßig an den Vorsorgeuntersuchungen teilzunehmen und dem Arzt von ungewöhnlichen gesundheitlichen Erscheinungen zu berichten. Bei der Ernährung gilt, dass werdende Mütter auf rohe, tierische Nahrungsmittel (Rohmilchprodukte, geräucherter Fisch, rohes Fleisch wie Mett und Rohwurstprodukte wie Salami und Cervelatwurst) verzichten und roh zu verzehrendes Obst und Gemüse gründlich abwaschen sollten. Häufiges Händewaschen vor allem nach Kontakt mit kleinen Kindern und Tieren wie etwa Katzen verringert weiterhin die Infektionsgefahr. Berufsgruppen wie etwa Ärzte, Hebammen und Apotheker, die täglich Kontakt mit Schwangeren haben, sollten zudem den eigenen Impfschutz entsprechend der jeweils gültigen Empfehlungen der Ständigen Impfkommission überprüfen.

 

Doch trotz aller Vorsichtsmaßnahmen kann eine Infektion nie völlig vermieden werden. Betroffene Mütter machen sich oft große Vorwürfe. Zu Unrecht wie Roll beruhigt: »Mütter können überhaupt nichts dafür, wenn Bakterien auf der Suche nach etwas Essbarem ins Fruchtwasser gelangen und dort das Kind attackieren.« Sie rät Schwangeren, sich bei vorzeitigen Wehen, vorzeitigem Blasensprung oder Fieber sofort in ein möglichst erfahrenes Perinatalzentrum zu begeben, wo Geburtsmediziner und Neonatologen, also auf Neugeborene spezialisierte Kinderärzte, rund um die Uhr zusammenarbeiten. Fruchtwasserinfektionen träten zwar nicht selten auf, aber die gute Nachricht ist, dass viele therapierbar seien. »Das ist dann weniger eine Frage der zur Verfügung stehenden Medikamente als eine Frage der richtigen Organisation«, so Roll. /

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