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Retaxationen

Geld-Beschaffungs-Masche stoppen

15.11.2011
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Von Sven Siebenand, Stuttgart / Der Landesapothekerverband (LAV) Baden-Württemberg sagt Kassen und ihrem Dienstleister Protaxplus in Sachen unberechtigter Retaxationen den Kampf an. Notfalls will der LAV vor Gericht ziehen.

Auch die Politik hat Wind davon bekommen, was bestimmte Kassen mit den Apothekern abziehen und sieht Klärungsbedarf. Aus Baden-Württemberg sind dem Verband etwa 300 Fälle bekannt, in denen bestimmte Betriebskrankenkassen Rezepte rigoros auf Null retaxieren. Dabei geht es insgesamt um 126 000 Euro. Das Problem besteht aber bundesweit. Kassen wie die Novitas BKK, die BKK Hoesch, die BKK vor Ort, die BIG direkt gesund, die BKK Gesundheit West und die BKK Gildemeister begründen die Retaxationen mit formalen Fehlern auf dem Rezept – und schieben die Arzneimittelsicherheit vor. Etwas bizarr: Häufig werden Rezepte vergangener Monate beanstandet, deren Medikamente längst aufgebraucht sind. Niemand kam zu Schaden.

Bei den Betäubungsmittelrezepten sorgten mehrfach handschriftlich ergänzte Telefonnummern für Retaxationen. Beliebt ist auch das Aut-idem-Feld. In vielen Fällen monieren die Kassen, dass dort das Kreuz auf einem bedruckten Rezept handschriftlich ausgefüllt wurde und nicht vom Arzt gegengezeichnet wurde. Muss es auch nicht, sagt Ina Hofferberth, Geschäftsführerin des LAV Baden-Württemberg. Beim Pressegespräch in Stuttgart erläuterte sie, dass die Kassen ihren Anspruch aus Arzneimittelrichtlinien ableiten. Apotheker seien aber gar nicht Adressat dieser Richtlinien. Sie könnten in der Offizin nicht prüfen, ob es sich um eine nachträgliche Änderung oder Ergänzung des Rezepts handele. »Die Vorwürfe sind juristisch nicht haltbar und Null-Retaxationen hier grundsätzlich nicht gerechtfertigt«, so Hofferberth.

 

»Das Maß ist voll«, sagte die Rechtsanwältin weiter. Diese Geld-Beschaffungs-Masche müsse ein Ende haben. Der Verband werde bei allen Retaxationen Einspruch erheben und vor Gericht ziehen. Zukünftig fordert der Verband von den Kassen für unberechtigte Retaxationen eine Bearbeitungsgebühr. Zudem will er den BKK-Landesverband einbeziehen. Ziel soll eine Änderung der Arzneimittellieferverträge sein, um solche Aktionen auszuschließen.

 

Gemäß den Lieferverträgen sind die Kassen verpflichtet, Rezepte auch zugunsten der Apotheke zu prüfen. In der Praxis geschieht dies niemals. Im Gegenteil: Aktuell verweigert eine Kasse die Bezahlung der Kosten von rund 35 000 Euro für ein beliefertes T-Rezept. Der Vorwurf: Der Arzt habe auf einem elektronisch bedruckten Rezept die anderen notwendigerweise auszufüllenden Felder handschriftlich angekreuzt und nicht gegengezeichnet. Allerdings ist die Ärzte-Software oft nicht in der Lage, diese Felder automatisch auszufüllen. Die Folge: Der betroffene Apotheker bleibt auf den kompletten Kosten sitzen. Womöglich kann er seinen Angestellten in diesem Jahr deshalb kein Weihnachtsgeld zahlen.

 

Eben dieser Apotheker lässt sich das nicht gefallen. In einer Petition wandte er sich an Michael Hennrich, CDU-Politiker im Wahlkreis Nürtingen und Mitglied des Deutschen Bundestages. Mit Erfolg: Hennrich hat nur wenige Tage später ein Schreiben an die Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbands, Dr. Doris Pfeiffer, aufgesetzt. Darin formuliert er folgende Warnung: »Bei dem Petenten hat sich der Eindruck verfestigt, dass die Belieferung hochpreisiger Arzneimittel (vorwiegend Medikamente von chronisch Kranken sowie Krebspatienten) durch manche Kasse derart erschwert werden soll, dass eine zeitnahe Belieferung des Patienten aufgrund hoher Anforderungen, etwa der Abprüfung eines Rezepts beim behandelnden Arzt, nicht mehr möglich ist.« Hennrichs Forderung: »Über eine Stellungnahme zu dieser Problematik und mit der Bitte um Abhilfe und interne Geltendmachung Ihres Einflusses in dieser Sache bin ich Ihnen sehr verbunden.« /

Schusterwerkstatt

Bei dem Geschäftsführer von Protaxplus ist der Name offensichtlich Programm. Normann Schuster setzt mit seiner Mannschaft alles daran, den Kassen Geld zuzuschustern, das Apothekern gehört. Darunter leiden nicht nur die Inhaber, sondern auch die Angestellten betroffener Apotheken. In einem aktuellen Fall fehlen plötzlich 35 000 Euro in der Kasse. Das Weihnachtsgeld ist nun in Gefahr. Überläufer Schuster – vor Kurzem war der Jurist noch beim Apothekerverband Nordrhein dafür zuständig, Retaxationen abzuwenden – und in Folge bestimmte Betriebskrankenkassen sind sich nicht zu schade, einen Argumentationskatalog zusammenzuschustern, der kaum nachvollziehbar ist. Was haben Formalitäten wie eine handschriftlich aufgebrachte Telefonnummer und ein handschriftlich angekreuztes Aut-idem-Feld mit Arzneimittelsicherheit zu tun – vor allem dann, wenn die Rezepte uralt sind? Auch gehen T-Rezept-Durchschriften sowieso an das BfArM. Wäre das Bundesinstitut nicht die richtige Stelle, um Fragen der Arzneimittelsicherheit nachzugehen? Mir fällt da nur noch ein: Schuster, bleib bei deinem Leisten.

 

Sven Siebenand,

stellvertretender Chefredakteur

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