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Medizintechnik

Schicht für Schicht

05.11.2014  09:48 Uhr

Von Ulrike Abel-Wanek, Mannheim / Diese Ausstellung geht im wahrsten Sinne unter die Haut. Im Technoseum in Mannheim geht es um 400 Jahre Medizingeschichte, schlaue Pflaster und die ­Frage: Bringt die High-Tech-Medizin ausschließlich Segnungen oder sollte man sie auch mit Sorge betrachten?

Die Operation muss innerhalb von 60 Minuten durchgeführt werden. Und so rast ein Mini-U-Boot durch die Blutbahnen eines Patienten auf der Suche nach einem tödlichen Blutgerinnsel. Im US-amerikanischen Science-Fiction-Film »Die Phantastische Reise« aus dem Jahr 1966 wird eine ganze Crew samt Boot mikroskopisch verkleinert und in einen menschlichen Körper injiziert, um einen lebenswichtigen Eingriff am Gehirn vorzunehmen. Mit vielen Spezialeffekten zeigt der bald 50 Jahre alte Streifen, was heute längst Bestandteil des Alltags ist: Medizin und Technik sind eng miteinander verbunden, und der detaillierte Blick ins Körperinnere ist fast schon selbstverständlich.

Bildgebende Verfahren wie die Computertomografie liefern der Diagnostik immer genauere Bilder, und chirurgische Eingriffe hinterlassen dank moderner Endoskope und spezieller Instrumente nur noch kleinste Schnitte. Moderne Medizintechnik rettet und verlängert Leben, sie lindert Schmerzen und steigert die Effizienz ärzt­licher Behandlungen, sie kompensiert Behinderungen und Gebrechen. Die sich rasant entwickelnden technischen Fortschritte geben Anlass zu großen Hoffnungen – nicht zuletzt ist die Medizintechnik neben der Biotechnologie und der Pharmazeutischen Industrie eine der wichtigsten Wachstumsbranchen des Gesundheitsmarkts. Doch kaum ein anderes Thema polarisiert auch so sehr und facht immer wieder Debatten an über den Sinn und Unsinn medizintechnischer Leistungsfähigkeit. Die Segnungen der Technik provozieren gleichzeitig Zustimmung und Unbehagen und berühren die ganz großen Themen wie Leben und Tod, Krankheit, Leiden und Schicksal.

 

In der jetzt eröffneten Landesausstellung im Mannheimer Technoseum »Herzblut – Geschichte und Zukunft der Medizintechnik« geht es auf 900 Quadratmetern durch 400 Jahre Medizingeschichte – angefangen bei einer Aderlass-Schale aus dem 16. Jahrhundert über ein Amputationsbesteck aus den 1840er-Jahren bis hin zu neuartigen Entwicklungen wie dem sogenannten schlauen Pflaster, das demnächst die Nierenfunktion überprüfen soll.

 

Anatomisches Theater

 

Von einer riesigen Videoinstallation im abgedunkelten Eingangsbereich schlagen dem Besucher die dumpfen Töne eines schlagenden Herzens entgegen. Auf das eigentliche Thema der Ausstellung stimmt dann der gegenüber stehende Plexiglastorso ein. Wie ein kleiner Elektromotor summt hier leise ein Kunstherz – eine Maschine, die, wenn es sein muss, den zentralen Motor des Lebens für Jahre ersetzen kann. Sie hilft zum Beispiel Menschen zu überleben, die auf eine Transplantation warten. Was kann hinsichtlich Prothetik und Organersatz nach einer Herztransplantation noch kommen? Wo liegt das Ende der technischen Entwicklung? Am Beginn des Rundgangs steht die große Frage nach dem Ziel der High-Tech-Medizin, aber auch nach ihrem Ursprung.

 

Erste Blicke in menschliche Körper warf bereits der Arzt Andreas Vesalius. In Bologna im Jahre 1540 steht der Mediziner an einem großen Tisch, auf dem ein Toter liegt. Er öffnet den Leichnam und legt einzelne Organe frei. Als Student hatte Vesalius noch die Körper von Hingerichteten stehlen müssen, um sich Aufschluss über die menschliche Anatomie zu verschaffen. Sein »anatomisches Theater« eröffnet den Ausstellungsparcour – stellvertretend für den Aufbruch der Medizin in die Moderne.

Im 16. Jahrhundert begann man das Körperinnere zu erforschen. Organe, Knochengerüst, Nervenbahnen und Blutgefäße wurden kartiert und der Blutkreislauf entdeckt. Diagnostik und Therapie profitierten davon wenig, stattdessen wurde weiter kräftig zur Ader gelassen, wie es die Humoralpathologie verlangte. Erst im 19. Jahrhundert wandelte sich die Medizin grundlegend. Narkosemittel machten operative Eingriffe schmerzfrei, die Erkenntnisse der Bakteriologie und Hygienemaßnahmen hielten Infektionen in Schach und halfen zu überleben. 1861 wird in Preußen eine Reform des Medizinstudiums vorgenommen und das geisteswissenschaftlich orientierte Philosophicum als Grundausbildung der angehenden Ärzte durch das naturwissenschaftlich orientierte Physicum ersetzt. Nach der Reichsgründung 1871 wird die neue Grundhaltung in ganz Deutschland in einer Prüfungsordnung festgeschrieben. Stethoskop, Mikroskop und Röntgenröhre halten Einzug in die Medizin und geben von nun an immer tiefere Einblicke in den menschlichen Körper. Mithilfe des Augenspiegels wurde erstmals in ein lebendes Organ hineingeschaut. Der Mensch wird »gläsern«, scheinbar ohne Geheimnisse, technisch kontrollierbar.

 

Orte der Medizin

 

Für die Ausstellung wurde unter anderem eine Hausarztpraxis aus den 1960er-Jahren aufgebaut, ein Labor und ein Operationssaal auf dem Stand der 1950er-Jahre. Ältere Besucher treffen im historischen Ensemble der Praxis auf alte Bekannte wie das Quecksilberthermometer oder die Höhensonne, aber auch EKG-Geräte und Injektionsspritzen. Die heute üblichen, billigen Einwegspritzen drängten im Laufe der 1950er-Jahre die Mehrwegspritzen aus Glas und Metall, die sterilisiert werden mussten, an den Rand. Durch eine historische Zahnarztpraxis – der weltweit erste Zahnbohrer wurde aus einer Handbohrmaschine und einer Nähmaschine zusammengesetzt und mit Fußpedal betrieben – gelangt man in weitere Themenräume zu technischem Organersatz und Prothesen. Einfache Seh- und Hörhilfen sowie Prothesen als Ersatz für Gliedmaßen gibt es schon lange. Heute jedoch können Handprothesen durch Kontraktion der Armmuskeln gesteuert werden. Hoffnungen beim Organersatz richten sich auf die regenerative Medizin, die aus menschlichen Zellen neue Organe züchten oder die Selbstheilung des Körpers anregen möchte.

 

Trotz oder gerade wegen ihrer Erfolge steht die moderne Medizin vor Herausforderungen. Ist eine Diagnostik sinnvoll, wenn es noch gar keine Therapien gibt? Die besagt, dass eine schwere Krankheit auftreten kann, aber nicht muss? Wie geht man mit der Angst der Patienten um? Wer partizipiert von den technischen Innovationen? Wie kann und soll Medizintechnik mit dem demografischen Wandel umgehen, wie weit soll sie auch nicht-therapeutisch eingesetzt werden, beispielsweise bei sogenannten Schönheitsoperationen? Soll alles erlaubt sein, was möglich ist? Am Ende dieser sehr sehenswerten Ausstellung haben die meisten Besucher hierzu vermutlich eine Meinung. /

Herzblut: Geschichte und Zukunft der Medizintechnik. 5. November 2014 bis 7. Juni 2015. Technoseum, Museumsstraße 1, 68165 Mannheim. www.technoseum.de.

 

Katalog »Herzblut« mit interdisziplinären Essays, Ausstellungsexponaten und spannenden Geschichten zu Technik und Heilkunst. ISBN: 978-3-8062-3051-2. 29,95 Euro.

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