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Schmerz und Fieber

Kleine Patienten, großes Leiden

03.11.2008  11:08 Uhr

Schmerz und Fieber

Kleine Patienten, großes Leiden

Von Elke Wolf

 

Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Von wegen. Säuglinge und Kleinkinder haben sogar eine niedrigere Schmerzschwelle als Erwachsene.

 

Bauchschmerzen zählen zu den häufigsten Beschwerden, die der Kinderarzt zu hören bekommt. Bis zu 2,7 Millionen schulpflichtige Kinder in Deutschland haben immer wieder einmal Magengrummeln, 90 Prozent dieser Kinder fehlen regelmäßig in der Schule, fast 30 Prozent verpassen mehr als 10 Prozent ihrer Schultage. Doch wenn Kinder über Bauchschmerzen klagen, heißt das nicht zwingend, dass sie tatsächlich Magenprobleme haben. Viele neigen dazu, die Wahrnehmung von Schmerzen jeglicher Art auf den Bauch zu projizieren ­ auch wenn die Ursache Mumps oder Migräne ist. Vor allem den Kleineren fällt es schwer, den Schmerz zu lokalisieren.

 

Noch vor rund drei Jahrzehnten verzichteten viele Ärzte bei kleinen Kindern auf eine ausreichende Schmerzbehandlung. Sie glaubten, dass sie aufgrund eines noch nicht vollständig ausgereiften Nervensystems keine oder nur wenig Schmerzen empfinden können. Heute weiß man es besser: Kinder jeden Alters empfinden Schmerzen. Kleine Patienten haben gar eine niedrigere Schmerzschwelle als Erwachsene, weil neuronale Hemmbahnen und körpereigene Schmerzmodulatoren wie Endorphine noch nicht ausreichend funktionieren.

 

Hirn unter Hochspannung

 

Eltern sind oft ratlos, wenn ihr Kind über Kopfschmerzen klagt. Viele halten die Pein im Kopf eher für ein Leiden der Erwachsenen. Doch weit gefehlt! Eine Befragung von fast 7000 Schülern, die auf dem letzten Deutschen Schmerztag in Frankfurt am Main vorgestellt wurde, ergab, dass neun von zehn Kindern bis zum 12. Lebensjahr schon einmal Kopfschmerzen hatten. Als häufigsten Auslöser sehen Pädiater neben einer Erkältung vor allem den Faktor Stress. Weitere Ursachen sollen zu viel Fernsehen, zu langes Sitzen vor dem Computer, zu wenig Schlaf und Spannungen innerhalb der Familie sein.

 

Kinder und Jugendliche haben oft Schwierigkeiten, ihre Kopfschmerzen in Worte zu fassen. Das erschwert die Diagnose: Handelt es sich um Migräne oder Spannungskopfschmerzen? In jedem Fall gehen Ärzte mit klassischen Schmerzmitteln eher vorsichtig um. Erste Maßnahmen sind Bewegung und frische Luft, viel Ruhe und Schlaf. Kinder sprechen darauf in der Regel gut an. Auch eine Pfefferminzöl-Lösung kann Erleichterung bringen, wie eine vierwöchige Studie mit 62 Kindern im Alter zwischen vier und 14 Jahren zeigte (zum Beispiel Euminz®, zugelassen ab sechs Jahren). Studien mit Erwachsenen bescheinigen der Pfefferminzöl-Lösung eine ebenso gute Wirkung wie 1 g Paracetamol oder 1 g Acetylsalicylsäure.

 

Immer mehr Kinder leiden an Migräne. Rund fünf Prozent der 7-Jährigen und bis zu 10 Prozent der 15-Jährigen sind betroffen. Bei ihnen wechselt der Kopfschmerz häufig die Seite oder konzentriert sich eher auf die Stirnmitte. Es gibt Hinweise, dass Kinder häufiger als Erwachsene abwechselnd an Migräne und Spannungskopfschmerzen leiden. Oft stehen Begleitsymptome wie Übelkeit oder Schwindel im Vordergrund.

 

Typisch und wichtig für die Diagnose: Vielen Migränekindern verschafft Schlaf schnell Erleichterung. Sie schlafen mitunter während einer Attacke ein und wenn sie wieder aufwachen, sind die Beschwerden überstanden.

 

Die Behandlung der kindlichen Migräne ist schwierig. Etwa 200.000 Kinder in Deutschland leiden an therapieresistenten Anfällen. Eine Dauermedikation oder eine zu häufige Anwendung der Analgetika kann auch bei Kindern zu medikamenteninduziertem Kopfschmerz führen. Daher gilt: nicht häufiger als zehn Tage im Monat und nicht länger als drei Tage in Folge anwenden. Ansonsten drohen Kopfschmerzen, die allein durch die Medikamente ausgelöst werden und die eigentliche Migräne überlagern.

 

In der Regel ist Ibuprofen (Einzeldosis von 7 bis 10 mg/kg KG; maximal 30 mg/kg KG als Tagesgesamtdosis), rechtzeitig gegeben und adäquat dosiert, das Medikament der Wahl zur Kupierung der Attacke. Acetylsalicylsäure ist für Kinder unter 14 Jahren nicht geeignet, da sie in Verdacht steht, ein Reye-Syndrom hervorzurufen. Diese akute Enzephalopathie mit fettiger Degeneration der Leber endet in 50 Prozent der Fälle tödlich. Bei Paracetamol ist zu bedenken, dass es zwar ausgezeichnet fiebersenkend wirkt, aber etwas schwächer schmerzlindernd.

 

Bei schweren Migräne-Attacken empfehlen Experten Triptane, auch wenn sie in Deutschland für Kinder nicht zugelassen sind - bis auf eine Ausnahme: Sumatriptan Nasenspray (10 mg, Imigran®) ab dem 13. Lebensjahr. Gegen Übelkeit und Erbrechen sollte nur Domperidon Verwendung finden, weil es unter Metoclopramid bei Kindern zu extrapyramidalen Nebenwirkungen, eventuell mit Krämpfen in der oberen Körperhälfte (auch Blickkrämpfe) kommen kann. Zur Prophylaxe können Kinder und Jugendliche Propranolol (täglich 1 bis 2 mg/kg KG) oder Flunarizin (5 mg/Tag) einnehmen. Eine wirksame pflanzliche Alternative ist der Extrakt aus Pestwurz (Beispiel Petadolex®).

 

Erstes Anzeichen Fieber

 

Fieber ist bei Kindern nichts Ungewöhnliches, denn der Organismus muss sich mit vielen unbekannten Erregern auseinandersetzen. Die Ursache ist meist unklar und reicht von harmlosen Infekten bis hin zu ernsten Erkrankungen wie einer Meningitis. Deshalb ist bei Werten über 40 °C generell der Pädiater aufzusuchen. Bei Messungen über 38 °C spricht man von Fieber. Temperaturen zwischen 37 und 38 °C gelten als erhöhte Temperatur.

 

Das Kind sollte dem Arzt auch dann vorgestellt werden, wenn es jünger als drei Monate alt ist oder das Trinken verweigert, wenn das Fieber ohne erkennbare Ursache länger als drei Tage oder trotz Therapie andauert, wenn Fieberkrämpfe auftreten oder weitere Symptome wie Nackensteife (Hinweis auf Hirnhautentzündung), Erregbarkeit, Verwirrtheit oder Atemnot hinzukommen. Auch begleitende starke Hals- (eventuell Streptokokken-Angina) oder Ohrenschmerzen (Mittelohrentzündung) sollten zum Arztbesuch veranlassen.

Fieber richtig messen

Die zuverlässigsten Aussagen über die Körpertemperatur liefert die Messung im After. Dazu wird das Thermometer mit Wasser angefeuchtet oder mit etwas Vaseline bestrichen und etwa 1,5 cm weit in den Enddarm eingeführt. Säuglinge werden zum Messen am besten bäuchlings auf den Schoß genommen.

 

Die Ergebnisse bei einer Messung im Ohr, genauer am Trommelfell, liegen rund 0,5 °C unter den Werten im After. Bereits nach einer Sekunde zeigt das Ohrthermometer den Wert an. Allerdings sträuben sich manche Kinder, denn man muss das Ohr etwas nach oben ziehen. So kommt man mit dem Thermometer besser in den Gehörgang.

 

Angenehmer für die Kinder sind Stirn- oder Schläfenthermometer, die auf die Stirn oder Schläfe aufgelegt werden. Ein Infrarotsensor misst in wenigen Sekunden die Körpertemperatur. Beide Typen sind relativ neu, sodass wenig Erfahrung über ihre Zuverlässigkeit vorliegt. Die Temperaturmessung in der Achselhöhle oder im Mund ist für Kinder nicht zu empfehlen.

Kleine Kinder stecken Fieber deutlich besser weg als Erwachsene; eine medikamentöse Fiebersenkung ist deshalb häufig nicht sinnvoll und nicht nötig. Allerdings reagieren Kinder höchst unterschiedlich: Während manche selbst mit 40 °C noch herumkrabbeln, liegen andere mit 37,5 °C völlig erschöpft im Bett. In jedem Fall sollten die Kinder viel trinken. Beginnen sie zu frieren, ist Wärme sowie Holunder- oder Lindenblütentee angezeigt. Zu bedenken ist: Fieber scheint die Abwehrreaktionen des Körpers zu verbessern und schlechte Lebensbedingungen für Pathogene zu schaffen.

 

Leichtes Fieber, also unter 38,5 °C, können die Eltern am besten mit Wadenwickeln angehen. Erst wenn das Fieber höher steigt, das Kind stark beeinträchtigt ist oder nicht ausreichend trinkt, sind Ibuprofen oder Paracetamol die richtige Wahl. Die Antipyretika verabreicht man den Kindern am besten als Saft oder Zäpfchen. Manche mögen Ibuprofen auch als Brausegranulat.

 

Paracetamol ist für die Selbstmedikation bei Fieber und Schmerzen ohne Altersbeschränkung zugelassen. Es sollte nicht länger als drei Tage in Folge gegeben werden. Die Dosierung hängt von Alter und Körpergewicht ab; die angegebene Maximaldosis pro Tag ist wegen der Gefahr der Hepatotoxizität nicht zu überschreiten (Einzeldosis von maximal 10 bis 15 mg pro kg KG, Tageshöchstdosis 50 mg/kg).

 

Ibuprofen ist für Kinder ab drei Monaten zugelassen und abhängig von Alter und Körpergewicht zu dosieren. Deshalb schlägt man im Zweifelsfall die genauen Altersgrenzen in der jeweiligen Fachinformation nach.

 

Ibuprofen wirkt schneller

 

Was ist von der kombinierten oder abwechselnden Gabe der beiden Wirkstoffe zu halten? Schließlich haben beide unterschiedliche Wirkungsmechanismen. Bisher wurde aus Angst vor Überdosierungen von der Kombination abgeraten. Das könnte sich infolge einer kürzlich veröffentlichten, breit diskutierten Studie der Universität Bristol ändern (Hay et al.). Bei 156 Kindern im Alter zwischen sechs Monaten und sechs Jahren, die Fieber zwischen 37,8 und 41 °C hatten, senkte Ibuprofen die Temperatur schneller als Paracetamol (Fieberfreiheit nach 42,2 versus 71 Minuten). Die Wirkung ließ aber rascher nach, weshalb die kombinierte oder alternierende Gabe der Medikamente Kinder in den ersten 24 Stunden am längsten fieberfrei hielt.

 

Aus pragmatischen Gründen raten die Autoren zum alternierenden Einsatz von Ibuprofen und Paracetamol, was jedoch im Gegensatz zu den Empfehlungen etwa des National Institute for Health and Clinical Excellence steht. Danach sollen sich Ärzte zwischen den beiden Wirkstoffen entscheiden, aber nicht kombinieren.

 

Im Fieberwahn

 

Manche Kinder neigen zu Fieberkrämpfen, also zu gelegentlichen epileptischen Anfällen. Das Kind verliert das Bewusstsein, verdreht die Augen, wird schlaff oder steif und die Muskulatur zuckt heftig. Neben der Vererbung scheint die Entwicklung des Gehirns eine Rolle zu spielen. So treten Fieberkrämpfe nur in bestimmten Entwicklungsphasen auf, hauptsächlich zwischen dem 14. und 18. Lebensmonat. Aber auch Kinder zwischen dem 6. Monat und dem 6. Lebensjahr können krampfen.

 

Man kennt einfache und kompliziertere Verläufe. Die einfachere Variante dauert nur wenige Minuten und hört von selbst wieder auf. Etwa 80 bis 90 Prozent der Krämpfe laufen so ab. Komplizierter wird es bei Attacken, die länger als eine halbe Stunde dauern können. Danach kann es zu neurologischen Ausfällen kommen.

 

Das Risiko, an einem Fieberkrampf zu sterben oder mentale Schäden davonzutragen, ist gering. Doch komplexe Fieberkrämpfe können ein erstes Anzeichen für eine Epilepsie sein. Zwei bis vier von 100 Kindern entwickeln später ein Anfallsleiden. Auch bei leichteren Fällen sollten die Eltern einen Arzt aufsuchen, um andere Ursachen wie etwa eine Hirnhautentzündung auszuschließen.

 

Bei einem Fieberkrampf gilt es, Ruhe zu bewahren. Die Eltern legen das Kind am besten so hin, dass es sich nicht verletzen kann, etwa in die stabile Seitenlage. Nicht festhalten. Bei einfachen Attacken genügt es, Fieber über 38,5 °C mit Paracetamol oder Ibuprofen zu senken, da manche Krämpfe nur unterhalb dieser Körpertemperatur gelöst werden können. Dauert der Anfall länger als 15 Minuten oder setzt die Atmung aus, ist Diazepam rektal zu verabreichen. Bei Säuglingen bis zum Alter von sechs Monaten ist es jedoch kontraindiziert. Bei hohem Wiederholungsrisiko kann der Wirkstoff auch prophylaktisch eingesetzt werden. Dann gibt man Diazepam, wenn das Kind zu fiebern beginnt, und führt die Therapie maximal zwei Tage fort.

 

Kinder verbreiten Influenza

 

Hohes Fieber bis 41 °C ist neben Atemwegsbeschwerden und einem schweren Krankheitsgefühl auch ein Leitsymptom der Influenza. Doch Achtung: Bei Säuglingen und Kleinkindern präsentiert sich eine Influenza oft atypisch. Mitunter stehen Durchfall und Erbrechen neben Husten und Atemnot im Mittelpunkt. »Kinder reagieren auf Infektionskrankheiten oft anders als Erwachsene. Häufig haben sie Allgemeinsymptome wie Bauchbeschwerden. Bei ihnen reagiert das ganze Immunsystem, das zu 90 Prozent im Bauchraum liegt«, sagte Professor Dr. Peter Wutzler, Jena, im Gespräch mit der PZ.

 

Die unspezifischen Symptome machen die Diagnose bei kleinen Kindern in den ersten Tagen schwierig. Was ist von Influenza-Schnelltests beim Kinderarzt zu halten? »Wenn die Erkrankungsfälle während der Grippesaison gemeldet werden, reicht im Normalfall die klinische Diagnose aus. Dann kann der Arzt mit hoher Sicherheit in vier von fünf Fällen eine Influenza diagnostizieren. Ist die Symptomatik in den ersten Tagen aber etwas verschleiert, kann der Schnelltest hilfreich sein. Das Problem: Die Krankenkassen erstatten dies nicht«, informiert der Direktor des Instituts für Virologie und antivirale Therapie.

 

»Gerade Säuglinge und Kleinkinder sind bei einer Grippewelle besonders gefährdet«, warnt der Experte. In der Tat: Laut Robert-Koch-Institut tragen Kinder, besonders wenn sie in Kinderkrippen, Kindergärten und Schulen gehen, zu Beginn einer Influenzasaison zur schnellen Verbreitung der Viren bei. Analysen verschiedener Grippeepidemien zeigen, dass zuerst die Erkrankungszahlen bei Kindern steigen. Einige Wochen später schnellen dann die Infektionsraten bei den Erwachsenen in die Höhe.

 

Kinder erkranken mitunter ungleich heftiger an Influenza. Der geringe Durchmesser der Atemwege führt dazu, dass die Infektion den Luftaustausch stärker behindert als bei Erwachsenen. Wutzler: »Das höchste Risiko für Influenza-assoziierte Komplikationen haben Kinder unter fünf Jahren. Bei Säuglingen liegt das Risiko für einen Krankenhausaufenthalt mit 2 bis 5 pro 1000 ebenso hoch wie bei Personen über 65 Jahren.« Kinder sterben selten an einer Influenza: Man schätzt zwei bis drei Tote pro 100.000 im Vergleich zu 30 bis 150 Todesfällen pro 100.000 älteren Personen. Die Morbidität ist aber mindestens ebenso hoch.

 

Je nach Ausmaß der Epidemie kommen 6 bis 29 Prozent aller Kinder während einer Influenzasaison zum Arzt. »Otitis media und die Beteiligung der Lunge gehören bei der Hälfte zur Diagnose. Bei älteren Leuten steht eher eine Entzündung der Atemwege im Vordergrund.«

 

Der rettende Piks

 

Derzeit empfiehlt die Ständige Impfkommission, Kinder und Jugendliche mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung infolge eines Grundleidens wie chronische Bronchitis, Diabetes oder Immundefizienz ab dem 6. Lebensmonat gegen Influenza impfen zu lassen (Beispiel Begrivac®).

 

Doch der Virologe Wutzler spricht sich dafür aus, generell auch gesunde Kinder zu impfen. »Es gibt einen recht eindeutigen Beleg. So gab es in den 1970er-Jahren in Japan die Empfehlung, alle Kinder zu impfen. Daraufhin sind erheblich weniger Kinder erkrankt und in der Folge auch viel weniger Erwachsene. Als man die allgemeine Impfung wieder aussetzte, beobachtete man den gegenteiligen Effekt. Nun wird die allgemeine Impfung wieder eingeführt.«

 

Auch Erfahrungen aus den USA, wo Kinder zwischen sechs und 24 Monaten eine Influenza-Impfung bekommen, seien positiv. Die Kinder vertragen die Spritze problemlos, auch in Kombination mit anderen Impfungen. Übrigens: Einige Krankenkassen einiger Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen zahlen die Impfung für alle Kinder.

 

Die Impfung bewahrt kleine Kinder und Senioren weniger effektiv vor einer Influenza als gesunde Erwachsene bis rund 65 Jahre. Beide Personengruppen bilden nach der Impfung deutlich weniger schützende Antikörper aus. Durch die Vakzine erhalten Säuglinge eine Immunität von rund 66 Prozent, ältere Kinder bis zu 76 Prozent. Bei gesunden Erwachsenen bis 65 Jahren sind 70 bis 90 Prozent geschützt. Danach nimmt die Impfeffektivität rapide ab. Bei den über 65- bis 80-Jährigen besteht nur noch ein 50- bis 60-prozentiger Schutz.

 

Dies versuchen Technologen zu beheben. Wutzler: »Man will die Antigenität durch Zusatz von Adjuvantien erhöhen.« So wirkt beispielsweise das Adjuvans MF59 als lokaler Immunmodulator und steigert die Immunantwort (in Fluad®, zugelassen ab 65 Jahren). Nun sollen solche Impfstoffe die klinische Bewährungsprobe auch für Kinder bestehen.

 

Das Vorhaben, mit nasalen kälteadaptierten Lebendimpfstoffen zu immunisieren, liegt in Deutschland derzeit auf Eis. In den USA ist dieser Impfstoff bereits für nicht immungeschwächte Personen zwischen fünf und 50 Jahren zugelassen. Die Vakzine, die in Europa eingeführt werden sollte, hat die klinische Prüfung wegen zu starker Nebenwirkungen nicht überstanden.

 

Aufschrei in der Nacht

 

Eine Grippeimpfung schützt nicht nur vor Influenza. »Geimpfte Kinder bis zu drei Jahren erkranken bis zu 40 Prozent weniger an einer Mittelohrentzündung«, gibt Wutzler zu bedenken. Auch Kinder, die gegen Pneumokokken geimpft sind, erkranken deutlich seltener an einer Otitis media.

 

Bis zum Ende des ersten Lebensjahres haben mehr als 60 Prozent aller Kinder wenigstens einmal eine akute Otitis media durchgemacht. Viele erleiden unbändige Schmerzen. In der akuten Krankheitsphase haben 40 Prozent der Kinder starke und weitere 40 Prozent mittelstarke Schmerzen. Die Stelle hinter der Ohrmuschel ist extrem druckempfindlich. Stechende pulsierende Ohrenschmerzen reißen das Kind nachts plötzlich aus dem Schlaf. Die Bettwärme treibt das Entzündungsgeschehen erst recht an. Flüssigkeit, die sich anstaut und auf das Trommelfell drückt, kann das Hören beeinträchtigen. Manche Kinder bekommen hohes Fieber (besonders unter vier Jahre), sind reizbar und weinerlich.

 

Doch es gibt auch Krankheitsverläufe ohne diese Symptome. Bei Säuglingen und Kleinkindern fallen oft nur extrem unruhiger Schlaf und Weinerlichkeit auf.

 

Das Krankheitsgeschehen beginnt meist als virale Rhinitis, Nasopharyngitis oder Sinusitis, die dann auf die Schleimhaut im Mittelohr übergreifen. Die Viren begünstigen eine bakterielle Folge-Infektion. Denn sie schädigen die Schleimhautbarriere und erleichtern den Bakterien die Adhäsion. Ohrpathogene Bakterien wie Streptococcus pneumoniae oder pyogenes, Hämophilus influenzae oder Staphylococcus aureus finden sich zuhauf im Nasen-Rachen-Raum.

 

Bei Otitis immer zum Arzt

 

Auch wenn viele Mittelohrentzündungen selbstlimitierend verlaufen: Experten raten Eltern dringend, bei Verdacht auf eine Otitis mit dem Kind umgehend zum Kinderarzt zu gehen und nicht in Eigenregie zu handeln.

 

Die Behandlung mit Antibiotika ist eine Gratwanderung. So haben längst nicht alle Kinder eine bakterielle Infektion. Zudem heilt jede zweite Hämophilus-Otitis und jede fünfte Pneumokokken-Otitis von allein ab. Insgesamt geht man, besonders bei Kindern über zwei Jahren, von einer Selbstheilungsquote von 80 Prozent innerhalb von zwei bis 14 Tagen aus. Studien konnten den Nutzen von Antibiotika nicht eindeutig belegen. Jedoch kann eine gezielte Antibiotikatherapie Komplikationen wie Mittelohrerguss, Mastoiditis (Entzündung der Warzenfortsatzzellen) oder Hirnabszess verhindern.

 

Nach den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin sowie den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie ist eine Antibiose gerechtfertigt bei Kindern unter zwei Jahren, bei Begleit- und Grunderkrankungen sowie einer hoch akuten Erkrankung. Eine solche liegt vor bei starken Schmerzen, Fieber, eventuell Schwindel und Brechreiz sowie drohender Spontanperforation des Trommelfells.

Bollwerk Biofilm

Warum Antibiotika bei bakteriell bedingten Otitiden nicht in jedem Fall greifen, haben Forscher aus Pittsburgh herausgefunden. Ihre Entdeckung könnte auch erklären, warum manche Kinder chronische Mittelohrentzündungen haben.

 

Die Bakterien überziehen als Biofilme die Schleimhäute im Mittelohr und sind als Teil eines kompakten Bakterienrasens gut gegen Antibiotika gewappnet. Der Wirkstoff erreicht die tieferen Schichten in der Bakterienkolonie nicht. Das Forscherteam untersuchte 50 Kinder von 6 Monaten bis zu 14 Jahren, denen seit Längerem immer wieder eine Otitis media zu schaffen machte. Die Wissenschaftler entnahmen Gewebeproben aus dem Mittelohr oder vom Trommelfell. In 46 von 50 Fällen fanden sie Biofilme mit Haemophilus- und Streptokokkus-Bakterien. Gesunde Kinder zeigten hingegen keine Hinweise auf Biofilme. Jetzt überlegen die Forscher, spezielle gutartige Bakterienstämme zu kultivieren, die die Krankheitserreger im Mittelohr verdrängen könnten.

Bei allen anderen kleinen Patienten geht man den Weg des »vorsichtigen Abwartens« (watchful waiting). Kinder mit unkomplizierter Otitis, deren Allgemeinbefinden nur wenig beeinträchtigt ist, bekommen in den ersten 24 bis 48 Stunden eine symptomatische Therapie aus Analgetika (Ibuprofen, Paracetamol) und Nasentropfen.

 

Nasentropfen, die α-Sympathomimetika mit langer Wirkdauer enthalten, müssen seltener appliziert werden. Tramazolin, Oxymetazolin und Xylometazolin wirken am längsten, das heißt sechs bis sieben Stunden. Die Tropfen lassen die Schleimhaut in der Nase und der Eustachischen Röhre abschwellen und verbessern die Belüftung im Mittelohr. Zwar haben große Übersichtsarbeiten keinen Einfluss der Präparate auf den Verlauf der Erkrankung nachweisen können, doch Eltern von Kindern mit häufigen Mittelohrentzündungen schätzen die positiven Effekte der adrenergen Substanzen. Ohrentropfen sind bei Otitis media nicht angezeigt.

 

Erst wenn keine Besserung eintritt oder sich das Befinden verschlechtert, kommen Antibiotika zum Einsatz. Dabei ist Amoxicillin die Substanz der ersten Wahl, zum Teil in Kombination mit Clavulansäure. Makrolide wie Erythromycin und Azithromycin kommen bei Penicillinallergie in Betracht, Oralcephalosporine wie Cefuroxim sollten Reservemittel sein. Die Medikation sollte je nach Erreger fünf bis maximal sieben Tage dauern.

 

Parallel zum Antibiotikum sollten die Eltern immer Analgetika geben. Die begleitende Therapie ist deshalb angezeigt, da sich die Schmerzdauer durch Antibiotika nicht wesentlich verkürzen lässt, lediglich von 3,3 auf 2,8 Tage. Auf keinen Fall beeinflussen die Antibiotika die Schmerzstärke in den ersten 24 Stunden.

 

Drei bis vier Wochen nach Abklingen der Infektion sollten die Eltern mit ihrem Kind zur Nachsorge gehen und einen Hörtest machen lassen. Zu häufige Mittelohrentzündungen können die Hörfähigkeit des Kleinkinds beeinträchtigen.

 

Man spricht von chronischer Otitis media, wenn das Kind mindestens dreimal innerhalb von sechs Monaten erkrankt. Die chronische Form ist meist eine Folge andauernder Ventilationsstörungen in der Tube. Die Entfernung von Nasenpolypen oder Rachenmandeln sowie Trommelfellschnitte können das Ohrproblem deutlich entschärfen.

 

Homöopathie hilft heilen

 

Nicht in der Leitlinie erwähnt, aber in der Praxis bei Ohrenschmerzen auch von vielen Pädiatern eingesetzt werden homöopathische Einzel- und Komplexmittel. Besonders auf die fixe Kombination der Urtinkturen aus Echinacea, Sambucus nigra, Sanguinaria canadensis und Chamomilla schwören so manche Eltern (Beispiel Otovowen®). Die Kombination soll das Immunsystem stimulieren und analgetisch, entzündungshemmend und schleimlösend wirken.

 

Auch der Versuch, die Schmerzen mit einem warmen Zwiebelsäckchen auf dem Ohr zu vertreiben, lohnt sich. Vermutlich tut in erster Linie die Applikation von feuchter Wärme gut; dem enthaltenen Allicin sagt man eine antibakterielle Wirkung nach. Von Rotlicht und Wärmflasche auf dem Ohr ist abzuraten, da die Wärme das Krankheitsgeschehen zusätzlich anfacht.

 

Schmerzen bei jedem Bissen

 

»Das war die subjektiv schmerzhafteste Erkrankung, die mein Kind je hatte«, sagen viele Eltern im Rückblick auf Veränderungen der Mundschleimhaut. Die Läsionen in Mund und Rachen bei der viral bedingten Mund-Hand-Fuß-Krankheit, bei Stomatitis aphthosa (Mundfäule) oder einer Herpangina (Angina herpetica) sind mitunter so schmerzhaft, dass die Kinder das Essen verweigern. Sie sollten dann nur zimmerwarme, breiige, ungesalzene Nahrung ohne Fruchtsäure oder sauren Geschmack essen. Zu kalte, warme oder saure Speisen brennen wie Feuer im Mund. Bewährt haben sich Milchreis, Kartoffelbrei, ungesalzene Fleischbrühe und Wackelpudding mit Vanillesoße. Trinken nicht vergessen.

 

Zusätzlich können die Eltern versuchen, den Schmerz mit Lokalanästhetika und Adstringenzien zu betäuben. Infrage kommen beispielsweise Gele mit Lidocain oder Tinkturen mit Extrakten von Rhabarberwurzel, Myrrhe, Ratanhia oder Tormentillwurzelstock (Beispiele: Dynexan® Gel, Pyralvex®, Inspirol® forte, Salvibest®, Repha-Os®). Ältere Kinder können mit verdünntem Kamillenextrakt oder Salbeitee mehrmals täglich und nach den Mahlzeiten spülen. Allerdings liegen für sämtliche Mundspülungen, Gels und Sprays keine kontrollierten Studien vor, die die Effektivität bei Kindern nachweisen würden.

 

Auch ein Versuch mit homöopathischen Arzneimitteln lohnt sich. So kann man mit Traumeel®-Ampullen, eingetropft in Wasser, die Mundschleimhaut spülen und deren Regeneration forcieren. Borax D6 (zweimal täglich 1 Tablette) und bei starken Schmerzen zusätzlich Acidum nitricum D4 (alle zwei Stunden 5 Globuli) fördern die Selbstheilungskräfte.

 

Auch die systemische Gabe von Analgetika ist möglich. Allerdings ist Ibuprofen oft nicht ausreichend analgetisch wirksam. Mittel der Wahl ist hier Metamizol. Es ist bereits ab einem Körpergewicht von 5 kg beziehungsweise ab dem dritten Lebensmonat zugelassen und kann auch rektal verabreicht werden. Allerdings gilt auch hier: Zur Anwendung bei Kindern liegen keine validen Studien vor. Wahrscheinlich erhöht Metamizol das Risiko für eine Agranulozytose nur bei hoch dosierter und längerfristiger Gabe. Wenn Kinder wegen kompletter Flüssigkeits- und Nahrungsverweigerung im Krankenhaus behandelt werden müssen, kombiniert man Metamizol mit Tramadol.

Literatur

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Die Autorin

Elke Wolf studierte Pharmazie in Frankfurt am Main. Die Approbation als Apothekerin erfolgte 1995 im Anschluss an das praktische Jahr in einer öffentlichen Apotheke und in der pharmazeutischen Industrie bei der damaligen Sandoz AG in Nürnberg. Nach einem Praktikum und einem Volontariat bei der Pharmazeutischen Zeitung schreibt sie seit mehr als zehn Jahren als freie Journalistin für Fach- und Publikumsmedien sowie für die Industrie. Die PZ-Leser kennen sie seither als Autorin zahlreicher spannender Titelbeiträge.

 

Anschrift der Verfasserin:

Elke Wolf

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