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Ovarialkarzinom

Therapiepaket für bessere Prognose

28.10.2015
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Von Olaf Ortmann und Susanne Schüler-Toprak / Bösartige Tumoren an den Eierstöcken sind die fünfthäufigste Krebserkrankung bei Frauen in Industrieländern. Rezidive treten häufig auf. Eine optimale Kombination aus Operation und Chemotherapie kann das Überleben der Patientinnen verlängern. Auch zielgerichtete Therapien haben sich hier bewährt.

Das Ovarialkarzinom ist ein von den ­Eierstöcken ausgehender bösartiger ­Tumor. Es ist das gynäkologische Malignom mit der höchsten Letalitätsrate und zugleich die fünfthäufigste Krebserkrankung der Frau in den Industrieländern (1). Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 69 Jahren. Die Erkrankungsraten steigen bis zum 75. Lebensjahr an und bleiben dann konstant.

Das Lebenszeitrisiko, jemals einen bösartigen Tumor an den Eierstöcken zu entwickeln, liegt bei 1,5 Prozent (entspricht einer von 68 Frauen). Circa 75 Prozent der Tumoren werden seit Jahrzehnten in einem fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert, weil es keine geeigneten Früherkennungsmethoden gibt. Zudem sind die Symptome recht unspezifisch. Dennoch sollte bei persistierendem Völlegefühl, Blähungen, unklaren abdominalen Schmerzen und Zunahme der Miktionsfrequenz insbesondere bei Frauen über 50 Jahren eine weitergehende Diagnostik ­eingeleitet werden (2, 3).

 

Trotz eines umfangreichen operativen Therapiekonzeptes und moderner medikamentöser Behandlung ist die Prognose der Patientinnen im Verhältnis zu anderen Krebserkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane eher schlecht. Das relative Fünf-Jahres-Überleben liegt derzeit bei circa 40 Prozent über alle Stadien (3). Dieser Artikel soll vor allem die therapeutischen ­Optionen gemäß der aktuellen S3-Leitlinie »Diagnostik, Therapie und Nachsorge maligner Ovarialtumoren« (3) aufzeigen und Neuzulassungen vorstellen.

 

Hypothesen zur Genese

 

Für die Entstehungsmechanismen des Eierstockkrebses gibt es zahlreiche Hypothesen. Eine Theorie, die bereits 1971 von Fathallah und Mitarbeitern aufgestellt wurde, gibt häufige und konstante Eisprünge (Ovulationen) als ursächlich an (Ovulationshypothese). Bei jeder Ovulation kommt es gemäß dieser ­Theorie zu einem Trauma an der Oberfläche der Eierstöcke. Um dies zu reparieren, wird die Proliferation der Zellen gesteigert, was einer erhöhten DNA-Syntheserate bedarf. Diese wiederum erhöht das Risiko für Mutationen, was Entstehung oder Fortschreiten von ­Tumoren begünstigt (4, 5).

Dagegen sieht die Tuba-uterina-­Hypothese den Entstehungsort von Ovarialkarzinomen nicht primär in den Eierstöcken, sondern vielmehr im Ei­leiter (Tuba uterina). Vorläuferläsionen werden bei 50 bis 60 Prozent der Ovarialkarzinome in den Eileitern gefunden. Auffällig ist hier, dass Vorläuferzellen und Karzinomzellen die gleichen p53-Mutationen aufweisen, weshalb man eine klonale Beziehung diskutiert (8). Beim Eisprung reißt das Epithel des ­Eierstocks ein und es wird Flüssigkeit aus dem Eibläschen freigesetzt. Die enthaltenen freien Radikale ändern das Mikromilieu und schädigen das Epithel des Eileiters, was wiederum zu einer wiederholten Zerstörung der DNA führt und eine Entstehung bösartiger Tumoren begünstigt (6, 10). Warum diese bösartigen Zellen die Eierstöcke für ihre weitere Ausbreitung bevor­zugen, könnte durch das besondere ­Milieu erklärt werden; daran wird intensiv geforscht (6).

 

Eine weitere Hypothese, die Gonadotropin-Hypothese, sieht die gleichnamigen Hormone, die in den Zellen des Hypophysenvorderlappens gebildet werden und die Keimdrüsenfunk­tion anregen, als Verursacher des Ovarialkarzinoms. Laut der Theorie von Cramer und Welch erhöht eine exzessive Stimulation des Eierstockgewebes durch Gonadotropine das Risiko für ein Ovarialkarzinom (11). Zhang und Mitarbeiter zeigten, dass das follikelstimulierende Hormon (FSH) den vaskulären endothelialen Wachstumsfaktor (VEGF), aber auch Sauerstoffradikale an­- regen kann, die wiederum eine relevante Rolle bei der Gefäßneubildung bei Ovarialkarzinomen spielen (12). ­Gonadotropine können Wachstum, Zelltod, Adhäsion, Eindringen und ­Gefäßneubildung von Zellen der Eierstockoberfläche und von Ovarialkarzinomen beeinflussen.

 

Auch männlichen Sexualhormonen wird eine Rolle bei der Entstehung von Eierstockkrebs zugeschrieben (Androgen-Hypothese). Risch postulierte 1998, dass der Androgen-Einfluss das Risiko für Ovarialkarzinome erhöhen kann (13). Die Oberfläche, aber auch das Bindegewebe der Eierstöcke sind mit Rezeptoren für diese Hormone besetzt. Im Tiermodell wurde ein Testosteron-abhängiges Wachstum von Ovarial­tumoren gezeigt (14, 15). Frauen mit ­Symptomen, die mit erhöhten Androgen-Serumspiegeln assoziiert sind, zum Beispiel Akne, vermehrte Behaarung oder erhöhte Taille-Hüft-Ratio, haben ein erhöhtes Risiko für ein Ova­rialkarzinom (16–18).

 

Ovulationen und Hormone als Risikofaktoren

 

Der Zusammenhang zwischen reproduktiven Risikofaktoren und dem Ovarialkarzinom ist mit der Anzahl der Ovulationen in der reproduktiven Phase zu erklären. Kinderlosigkeit, aber auch Unfruchtbarkeit erhöhen das Risiko für einen Eierstockkrebs (RR 2 bis 5). Die Anzahl der Schwangerschaften korreliert invers mit dem Ovarialkarzinom-Risiko. Dieses sinkt mit jeder Schwangerschaft (dies gilt auch für vorzeitig beendete) um 10 bis 15 Prozent. Weiterhin haben Frauen, die in ihrem Leben gestillt haben, ein geringes Risiko. Dagegen sind ein hohes Menopausenalter und eine hohe Zahl menstruierender Zyklen signifikant mit einem erhöhten Ovarialkarzinom-Risiko assoziiert (19).

Die meisten Beobachtungsstudien zeigen ein erhöhtes Risiko nach Anwendung einer menopausalen Hormon­therapie (HT), insbesondere nach lang dauernder Therapie. Auch eine große aktuelle Metaanalyse von 52 epidemiologischen Studien ergab ein deutlich erhöhtes Risiko. Dieses sinkt, je länger die letzte Einnahme zurückliegt. Dennoch wurde noch zehn Jahre nach Beendigung einer lang andauernden menopausalen HT weiterhin eine höhere Zahl an Ovarialkarzinomen gefunden (20). Eine fünfjährige menopausale HT bei Frauen im Alter von etwa 50 Jahren löst etwa ein zusätzliches Ovarialkarzinom unter 1000 Anwenderinnen und etwa einen dadurch bedingten zusätzlichen Todesfall unter 1700 Anwenderinnen aus (20).

 

Dagegen reduzieren orale Kontrazeptiva das Risiko, an einem Eierstockkrebs zu erkranken (21–32). Übergewicht erhöht das Risiko (33) und gilt als negativer prognostischer Faktor für das Ova­rialkarzinom-spezifische Überleben (34). Frauen, bei denen die Eileiter durchtrennt oder gar entfernt wurden, erkranken seltener an einem Ovarialkarzinom. Daher sollte Frauen, bei denen eine Gebärmutterentfernung geplant ist, auch die Entfernung der Eileiter angeboten werden (35–37).

 

Patientinnen, die an einem Ovarialkarzinom erkrankt sind, scheinen länger zu leben, wenn sie mit einem nichtselektiven Betablocker behandelt werden. Dies ergab eine aktuelle retrospektive Studie an 1425 Patientinnen (38). In präklinischen Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass Ovarialkarzinomzellen adrenerge Rezeptoren exprimieren. Deren Aktivierung führt zu Wachstum und Progress der Tumorzellen (39–42). Außerdem scheint dadurch die Angiogenese aktiviert zu werden, was wiederum durch den nichtselektiven Betablocker Propanolol aufgehoben werden kann (38, 39). Jedoch sollten prospektive Studien abgewartet werden, bevor nichtselektive Betablocker ohne Indikation bei Patientinnen mit Ovarialkarzinomen eingesetzt werden.

Therapie startet mit Operation

 

Die Kombination aus stadiengerechter Operation und systemischer Therapie nach State-of-the-art kann das Überleben der Patientin mit einem Ovarialkarzinom entscheidend verbessern. Wird eine der beiden Maßnahmen nicht optimal ausgeführt, verschlechtert sich der Prognose der Frau (43).

 

Eine Analyse der Organkommission Ovar der Arbeitsgemeinschaft für Gynäkologische Onkologie (AGO) hat 2005 den Einfluss von Klinikmerkmalen auf die Prognose beim Ovarialkarzinom untersucht. Danach erhielten Patientinnen, die in Studienkliniken behandelt wurden, häufiger eine Standardtherapie und hatten eine höhere Überlebenschance. Nach zwei Jahren lebten noch 72 Prozent der Patientinnen, die in Studienkliniken behandelt wurden, gegenüber 64 Prozent der Frauen, die nicht in Studienkliniken betreut wurden.

 

Bei einer adäquaten operativen Therapie des frühen Ovarialkarzinoms sollten über einen Längsschnitt Gebärmutter, Eierstöcke, das große Netz und die Lymphknoten im Becken und an der Bauchschlagader entfernt werden. Ist das Karzinom bereits fortgeschritten, sollten alle sichtbaren Tumoren reseziert werden, was auch zur Entfernung von Anteilen des Darms oder der Milz führen kann (3). Wenn dies gelingt, kann ein deutlicher Überlebensvorteil erreicht werden (45).

 

Zytostatische Primärtherapie

 

Den meisten Frauen wird nach der operativen Therapie eine Chemotherapie empfohlen. Nur wenn das Ovarialkarzinom in einem sehr frühen Stadium erkannt wird (FIGO IA, G1), kann darauf verzichtet werden. Ansonsten ist Carboplatin das Medikament der Wahl. Hierdurch kann sowohl die Zeitspanne bis zum Wiederauftreten des Karzinoms als auch das Gesamtüberleben der Patientin verbessert werden, ohne dass dieser Vorteil durch die Nebenwirkungen der Therapie infrage gestellt wird (46, 47). Ist das Bauchfell im kleinen Becken vom Tumor befallen, wird eine Kombination aus Carboplatin AUC 5 und Paclitaxel 175 mg/m2 intravenös für insgesamt sechs Zyklen alle drei Wochen empfohlen.

Tabelle: Mögliche Therapieregime beim platinresistenten und platinsensitiven Ova­rialkarzinom

Karzinomtyp Empfohlene Arzneistoffe
Platinresistent pegyliertes liposomales Doxorubicin, eventuell plus Bevacizumab Topotecan, eventuell plus Bevacizumab
Gemcitabin Paclitaxel wöchentlich, eventuell plus Bevacizumab
Platinsensitiv Kombination von Carboplatin plus Gemcitabin/Bevacizumab (bei erstem Rezidiv und ohne vorherige VEGF-gerichtete Therapie)
pegyliertes liposomales Doxorubicin
Paclitaxel
Gemcitabin

Intraperitoneale oder hypertherme intraperitoneale Chemotherapien (HIPEC) sollten ausschließlich in Studien erfolgen (3). Bei einer intraperitonealen Chemotherapie wird diese nach der operativen Tumorentfernung direkt in die Bauchhöhle appliziert. Die HIPEC versucht die Wirksamkeit der zytostatischen Therapie durch eine gleichzeitige Temperaturerhöhung der in der Bauchhöhle befindlichen Flüssigkeit auf 41 bis 43 °C zu verbessern.

 

Vier der sieben bisherigen Studien zur intraperitonealen Chemotherapie zeigten keinen signifikanten Vorteil. Zudem darf die ausgeprägte Toxizität dieser Therapieform nicht unterschätzt werden. Zur HIPEC gibt es einige Daten aus Phase-II-Studien, in denen heterogene Therapieregime in kleinen Patientenkollektiven untersucht wurden. Daher müssen die Ergebnisse der sieben weltweit laufenden Phase-III-Studien zur HIPEC beim Ovarialkarzinom abgewartet werden.

 

Therapie des Rezidivs

 

Bei etwa 70 bis 85 Prozent der Patientinnen mit einer Komplettremission nach der Ersttherapie tritt ein Rezidiv auf (50, 51). Die Rezidivhäufigkeit hängt von der Biologie des Tumors und vom verbliebenen Tumor nach der Primär­operation ab. In einer Studie lag das rezidivfreie Intervall bei 18,2 Monaten, wenn alle Stadien eingeschlossen wurden (45).

 

Bei der Therapie des Rezidivs steht die Reduktion tumorbedingter Beschwerden im Vordergrund. So kann Aszites zum Beispiel abdominales Druckgefühl hervorrufen, die Nahrungsaufnahme erschweren und die Magen-Darm-Passage beeinträchtigen. Ebenso wie diese Beschwerden sollen und können auch Schmerzen, Dyspnoe oder sonstige Symptome durch eine erneute Therapie gelindert werden. Bei der Wahl der Medikamente unterscheidet man das platinresistente vom -sensitiven Karzinom.

Spricht eine Patientin auf die platinhaltige Ersttherapie nicht an oder tritt die Erkrankung innerhalb von sechs Monaten erneut auf, spricht man vom platinresistenten Rezidiv. Dann hat eine erneute Therapie mit einem platinhaltigen Medikament wahrscheinlich keine Wirkung. Studien haben gezeigt, dass eine Kombination aus mehreren Chemotherapeutika oder eine endokrine Therapie nicht besser ist als die Therapie mit einem Chemotherapeutikum alleine (52–55). Es stehen mehrere Medikamente zur Verfügung (Tabelle). Je nachdem, welche Vortherapie die Patientin erhalten hat, wie sie diese vertragen hat (Neutropenie, periphere Neuropathie) und welche Vorerkrankungen (zum Beispiel kardiologisch) die Frau hat, wird abhängig vom Allgemeinzustand eine entsprechende Therapie ausgewählt (3, 56–61).

 

Von einem platinsensitiven Ovarialkarzinom spricht man, wenn der Krebs gut auf die platinhaltige Ersttherapie angesprochen hat und mehr als sechs Monate seit Abschluss der Chemotherapie vergangen sind. Den Frauen wird eine erneute Therapie mit Carboplatin empfohlen. Dieses sollte entweder erneut mit Paclitaxel (62) oder aber mit Gemcitabin (63) kombiniert werden (Tabelle).

 

Zielgerichtete Therapie mit Angiogenesehemmern

 

Bevacizumab ist ein rekombinanter ­humanisierter monoklonaler IgG1-Antikörper, dessen Zielstruktur der vasku­läre endotheliale Wachstumsfaktor (VEGF)-A ist. Er wird für die Therapie verschiedener Tumorentitäten eingesetzt, etwa beim metastasierten kolorektalen Karzinom, beim nicht-kleinzelligen Lungenkrebs, Nierenzellkarzinom und multiformen Glioblastom (54, 64–68). Dieser Antikörper bindet und neu­tralisiert alle biologisch aktiven Formen des VEGF-A, supprimiert die Gefäßneubildung (Angiogenese) und damit das Tumorwachstum. In der Folge inhibiert er den Progress der Erkrankung (69).

 

Der Einsatz von VEGF-Antikörpern beim Ovarialkarzinom wurde initial am Tiermodell untersucht. Hier wurde gezeigt, dass eine VEGF-Blockade die ­Bildung von Aszites inhibiert und das Tumorwachstum verlangsamt (70). ­Außerdem verstärken VEGF-Antikörper die Effekte einer Chemotherapie, indem sie die Tumordurchblutung normalisieren, was zu erniedrigtem interstitiellem Druck, erhöhter Oxygenierung im Tumor und verbessertem Transport von zytotoxischen Medikamenten führt (68, 71).

 

In der Klinik wird Bevacizumab sowohl zur systemischen Primärtherapie als auch in der Behandlung von Rezidiven eingesetzt.

 

Frauen mit einem fortgeschrittenen Ovarialkarzinom wird zusätzlich zur Primärtherapie mit Carboplatin und Paclitaxel die Behandlung mit Bevacizumab empfohlen (3). Dieses wird parallel zur Chemotherapie und als Erhaltungstherapie für insgesamt 15 Monate verabreicht und kann laut zwei Phase-III-Studien das progressionsfreie Überleben signifikant verlängern (72, 73).

Auch Patientinnen, die nicht (mehr) auf eine platinhaltige Chemotherapie ansprechen (platinresistentes Rezidiv), profitieren von einer Therapie mit Bevacizumab, wie Daten der AURELIA-Studie zeigen. In der Studie wurde Bevacizumab mit pegyliertem liposomalen Doxorubicin, Paclitaxel wöchentlich oder Topotecan verabreicht. Das Risiko für eine erneute Tumorprogression sank in der Gruppe mit Bevacizumab signifikant um 62 Prozent. Das mediane progressionsfreie Überleben verlängerte sich von 3,4 Monaten auf 6,7 Monate bei zusätzlicher Applikation von Bevacizumab (74). Zudem ging der Vorteil im progressionsfreien Überleben mit einer signifikanten Verbesserung der Lebensqualität einher (75). Basierend auf beiden Arbeiten wurde Bevacizumab im Sommer 2014 auch zur Behandlung des platinresistenten Ovarialkarzinom-Rezidivs von der Europäischen Arzneimittelbehörde zugelassen.

 

Ähnliche Erfolge gibt es beim platinsensitiven Rezidiv: Haben Patientinnen in der Ersttherapie kein Bevacizumab erhalten, sollen sie den Antikörper zusätzlich zu Carboplatin/Gemcitabin erhalten. Dadurch können das progressionsfreie Überleben und die Ansprechrate gegenüber der alleinigen Chemotherapie deutlich verbessert werden (76).

 

Zielgerichtet mit PARP-Inhibitoren

 

Bei bis zu 50 Prozent der Patientinnen mit Ovarialkarzinom weisen die Krebszellen einen Defekt im Bereich der homologen Rekombination auf. Dieser Fehler in der Reparatur von DNA-Strangbrüchen kann auf Keimbahn- oder somatisch erworbene BRCA1- oder BRCA2-Mutationen, epigenetische Inaktivierung von BRCA1 oder BRCA-unabhängige Defekte im Signalweg der homologen Rekombination zurückgehen (77, 78). Mehrere Studien zeigten ein besseres Überleben von BRCA-defizienten Patientinnen mit Ovarialkarzinom (79–82), was vor allem auf ein besseres Ansprechen auf eine platinhaltige Chemotherapie zurückzuführen ist.

 

BRCA1/2-defiziente Karzinome wurden nun als Zielstruktur für PARP-Inhibitoren erkannt. Diese Stoffe blockieren die enzymatische Aktivität von PARP (Polyadenosin-5'-diphos­pho­ribose-­Polymerase) direkt, aber auch durch Akkumulation von PARP auf der DNA (PARP-trapping) (83, 84). PARP repräsentiert eine Familie von Enzymen, die an der Basenexzisionsreparatur beteiligt sind, einem Schlüsselweg bei der Reparatur von Einzelstrangbrüchen der DNA. Wird PARP inhibiert, werden durch den Zerfall der Replikationsgabel Einzelstrangbrüche in Doppelstrangbrüche konvertiert.

 

Ein Doppelstrangbruch der DNA kann über zwei ­verschiedene Signal­wege repariert werden: die homologe Rekombination oder die nicht-homo­loge Endverknüpfung. In BRCA-defizienten Tumoren ist die homologe ­Rekombination defekt und die Zelle wird über eine fehlerhafte ­Reparatur in den Zelltod getrieben.

Wenn nur die homologe Rekombination oder die Basenexzisionsreparatur defekt sind, hat dies keinen nachteiligen Effekt auf die Zellviabilität. Fallen jedoch beide Systeme aus, führt dies zum raschen Absterben der Zelle – auch synthetische Letalität genannt.

 

Olaparib (LynparzaTM) ist ein oral ­aktiver, niedermolekularer PARP-Inhibitor. Es ist in der Europäischen Union ­zugelassen als Monotherapeutikum zur Erhaltungstherapie für Frauen mit einem platinsensiblen Rezidiv eines BRCA-mutierten (Keimbahn- und/oder somatische Mutation) high-grade serösen epithelialen Ovarial-, Tuben- oder primären Peritonealkarzinoms, die in einer kompletten oder partiellen Remission auf eine platinhaltige Chemotherapie sind.

 

Die Zulassung basiert auf den Ergebnissen der »Studie 19«. In dieser randomisiert kontrollierten Phase-II-Studie wurden 265 Patientinnen mit einem platinsensiblen rezidivierten Ovarialkarzinom eingeschlossen, die bereits zwei oder mehr platinhaltige Therapien erhalten hatten und eine partielle oder komplette Remission auf die letzte platinhaltige Therapie zeigten (85). Die Studie ergab ein signifikant verbessertes progressionsfreies Überleben bei Frauen, die zweimal täglich 400 mg Olaparib erhalten hatten, verglichen mit den Frauen unter Placebo (median 8,4 Monate versus 4,8 Monate ab Randomisierung nach Komplettierung der Chemotherapie). Olaparib als Monosubstanz wurde insgesamt gut vertragen. Die häufigsten Nebenwirkungen waren Übelkeit (68 versus 35 Prozent), Fatigue (49 versus 38 Prozent), Erbrechen (32 versus 14 Prozent) und Anämie (17 versus 5 Prozent) (85).

 

In einer vorher geplanten retrospektiven Analyse wurden Patientinnen mit einer BRCA-Mutation (die die Hälfte der gesamten Studienpopulation ausmachten) als die Subgruppe identifiziert, die am meisten von Olaparib profitierten. Ihr medianes progressionsfreies Überleben lag bei 11,2 Monaten (versus 4,3 Monate) (86).

 

Zusammenfassung und Ausblick

 

Aufgrund fehlender geeigneter Früherkennungsmethoden wird das Ovarialkarzinom meist erst in fortgeschrittenen Stadien erkannt. Eine Kombination aus stadiengerechter operativer Therapie mit dem Ziel, eine makroskopische Tumorfreiheit zu erreichen, und einer adjuvanten medikamentösen Tumor­therapie kann das Gesamtüberleben signifikant verlängern.

 

Zusätzliche Therapeutika wie Angiogenesehemmer oder PARP-Inhibi­toren können das progressionsfreie ­Überleben weiter verbessern. Vor allem ­Studien, die die Wirkung von PARP-Inhibitoren in verschiedenen Patientenkollektiven überprüfen, werden aktuell mit großem Interesse verfolgt. Obwohl die Ergebnisse vielversprechend sind, bleiben zahlreiche Fragen offen, vor ­allem zu optimalen Kombinationspartnern, Planung der Sequenz verschiedener Therapeutika und Patientenauswahl. Neben neuen Therapeu­tika, die in spezifische Signalwege ­eingreifen, brauchen wir auch neue Strategien zur optimalen Auswahl der verschiedenen Regime und geeignete Biomarker für eine präzise Auswahl der Patientinnen. /

 

Literatur bei der Verfasserin

Die Autoren

Olaf Ortmann studierte Humanmedizin an den Universitäten Kiel und Lübeck und schloss 1985 seine Promotion in Lübeck ab. Nach einem Postdoktoranden-Aufenthalt an den National Institutes of Health, USA, und der klinischen Weiterbildung an den Frauenkliniken der Universitäten Lübeck und Marburg erhielt er 1993 die Anerkennung als Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. 1994 folgten Habilitation und Venia Legendi. Nach mehrjähriger Tätigkeit als Oberarzt wurde Ortmann 1999 zum außerplanmäßigen Professor ernannt. 2003 übernahm er das Ordinariat für Frauenheilkunde und Geburtshilfe an der Universität Regensburg. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte sind endokrine Mechanismen in der Entstehung und Therapie von Mamma- und Genitalkarzinomen.

 

Susanne Schüler-Toprak studierte Humanmedizin an der Technischen Universität München. In ihrer Promotionsarbeit erforschte sie molekulare Mechanismen der TRAIL-Resistenz im duktalen Adenokarzinom des Pankreas. Seit 2011 ist sie als Assistenzärztin an der Universitätsfrauenklinik Regensburg tätig. Ihr wissenschaftlicher Schwerpunkt liegt in der molekularen Onkologie.

 

Dr. Susanne Schüler-Toprak, Lehrstuhl für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Universität Regensburg am Caritas-Krankenhaus St. Josef, Landshuter Str. 65, 93053 Regensburg sschueler@caritasstjosef.de

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