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Ernährung

Wurst gilt als krebserregend

28.10.2015
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Von Christina Hohmann-Jeddi / Industriell verarbeitetes Fleisch wie Wurst und Schinken sind nach Einschätzung der Internationalen Krebsforschungsagentur (IARC) krebserregend. Der regelmäßige Konsum erhöhe das Risiko für Darmkrebs, teilte die Behörde in Lyon mit. Zudem stuften die Experten rotes Fleisch generell als wahrscheinlich krebserregend ein.

Eine Arbeitsgruppe aus 22 Experten hatte mehr als 800 epidemiologische Studien über den Zusammenhang von Fleischkonsum und dem Risiko für verschiedene Krebsarten ausgewertet. Die Behörde der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kam zu dem Schluss, dass es ausreichend Evidenz dafür gebe, dass Fleischwaren das Darmkrebs-Risiko erhöhen, und zwar um 18 Prozent je 50 Gramm am Tag. So belegten zwölf von 18 ausgewerteten Kohortenstudien und sechs von neun Fall-Kontroll-Studien zu dem Thema einen entsprechenden Zusammenhang, berichten die Experten um Véronique Bouvard im Fachjournal »The Lancet Oncology« (DOI: 10.1016/S1470-2045(15)00444-1).

Fleischwaren werden von der Agentur daher als Karzinogen (Gruppe 1) eingestuft und fallen damit in die gleiche Kategorie wie Tabakrauch, Asbest und Dieselabgase. Zu Fleischwaren zählen alle Produkte, bei denen rotes Fleisch, Geflügel oder Blut durch Salzen, Pökeln, Räuchern oder Fermentieren haltbar gemacht oder geschmacklich verändert wurden. Beispiele sind alle Arten Wurst, Schinken, Corned Beef, Trockenfleisch und Fleischkäse. Bei Prozessen wie Pökeln oder Räuchern entstehen im Fleisch karzinogene Substanzen wie N-Nitroso-Verbindungen und poly­zyklische aromatische Kohlenwasserstoffverbindungen. »Für jeden Einzelnen ist das Risiko, kolorektalen Krebs aufgrund des Konsums von Fleischwaren zu entwickeln, gering«, sagt Kurt Straif von der Krebsforschungsagentur laut Pressemitteilung des IARC. »Angesichts der großen Zahl an Menschen, die verarbeitetes Fleisch essen, hat der weltweite Einfluss auf die Krebshäufigkeit Bedeutung für die öffentliche Gesundheit.« Insgesamt sollen laut IARC pro Jahr 34 000 Krebserkrankungen auf den Konsum von verarbeitetem Fleisch zurückgehen, dagegen eine Million auf Tabakrauch, 600 000 auf Alkoholkonsum, 200 000 auf Luftverschmutzung.

 

Unter rotem Fleisch wird das Muskelfleisch aller Säugetiere verstanden, also von Rind, Schwein, Lamm, Kalb, Schaf, Pferd und Ziege. Dieses bewerteten die Experten aufgrund von limitierter Evidenz als »mögliches Karzinogen« der Gruppe 2A. Für den Zusammenhang zwischen Darmkrebs-Risiko und Konsum von rotem Fleisch konnten die Experten auf 14 Kohortenstudien zurückgreifen, von denen die Hälfte eine positive Assoziation zeigte. Von 15 Fall-Kontroll-Studien stellten sieben einen Zusammenhang fest, berichten die Experten in »The Lancet Oncology«. Allerdings kam eine Metaanalyse zu dem Ergebnis, dass der Konsum von rotem Fleisch von je 100 Gramm pro Tag das Risiko für Darmkrebs um 17 Prozent erhöht. Zur Beantwortung der Frage, ob unterschiedliche Zubereitungsweisen das Krebsrisiko beeinflussen, reichten die vorliegenden Daten nicht aus, heißt es in der Publikation.

 

Geltende Empfehlungen bestätigt

 

Im Prinzip bestätige die Einschätzung der Krebsforschungsagentur die vorliegenden Befunde, sagte der deutsche Medizin-Nobelpreisträger Professor Dr. Harald zur Hausen gegenüber der Deutschen Presseagentur. Er kritisierte jedoch, dass in dem Bericht nicht erwähnt werde, dass es Länder mit hohem Fleischkonsum gebe, in denen die Dickdarmkrebs-Raten trotzdem sehr niedrig sind. Aus seiner Sicht müsste daher mehr zwischen den verschiedenen Sorten roten Fleisches differenziert werden. So gebe es Anhaltspunkte, dass vor allem bestimmte Sorten von Rindfleisch das Risiko steigern, sagte zur Hausen. Die WHO-Behörde ist aber der Auffassung, dass die Daten für eine solche Unterscheidung nicht ausreichen.

 

Die Ergebnisse bestätigten geltende Gesundheitsempfehlungen, den Konsum von Fleisch zu begrenzen. »Man kann jedes Fleisch bedenkenlos essen. Es kommt aber auf die Menge an«, betont auch Professor Dr. Heiner Boeing vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke gegenüber dpa. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt, nicht mehr als 300 bis 600 Gramm Fleisch und Fleischwaren pro Woche zu essen. Die Realität sieht aber bundesweit anders aus: Männer verzehren wöchentlich etwa 1100 Gramm, Frauen etwa 600 Gramm Fleisch. /

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