Pharmazeutische Zeitung online
Fritz Hofmann

Die Synthese des Kautschuks

25.10.2016
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Von Christoph Friedrich, Marburg / Der vor 150 Jahren geborene Friedrich Hofmann, Erfinder des künstlichen Kautschuks, zählt wie Carl Wilhelm Scheele oder Martin Heinrich Klaproth zu den weit über die Grenzen der Pharmazie hinaus bekannten Apothekern. Seine Erfindung, für die seine pharmazeutische Ausbildung eine gute Grundlage war, erlangte während des Ersten Weltkrieges und in den 1930er-Jahren große wirtschaftliche Bedeutung.

Friedrich (Fritz) Carl Albert Hofmann wurde am 2. November 1866 in Kölleda, der thüringischen »Pfefferminzstadt«, als Sohn des Kaufmanns Selmar Hofmann (1830 bis 1919) und dessen Frau Luise (1835 bis 1902) geboren. Der Großvater Karl Hofmann hatte als praktischer Arzt in Kölleda und der Vater der Mutter, Andreas Herold, dort als Organist und Lehrer einer Mädchenschule gewirkt (1). Friedrich Hofmann besuchte die Klosterschule in Donndorf und anschließend das humanistische Gymnasium in Schulpforta bei Naumburg. Da er dort sitzengeblieben war, ergriff er den Apothekerberuf, der ihm die Möglichkeit bot, auch ohne Abitur studieren zu können (2).

 

1886 begann Hofmann seine Ausbildung in der Göttinger Ratsapotheke bei Apotheker Dr. Friedrich Schröder, über die Hofmann selbst berichtet: »Die viele Jahrhunderte alte Ratsapotheke wurde meine neue Heimat, aber es war eine richtige Knochenmühle, in die ich hineingeriet. Fünfzehn Stunden war die Apotheke Tag für Tag geöffnet, von 7 Uhr früh bis abends 10 Uhr und nur ganz selten gab es eine kleine Atempause, meist lief der Betrieb mit kurzer Essenszeit ohne jede Unterbrechung. [...] Während der ersten Monate habe ich mich nicht allzu glücklich gefühlt. Die zunächst noch untergeordnete Tätigkeit eines Lehrlings sagte mir ganz und gar nicht zu. Das ewige ›Abfassen‹ von Kamillen- und Pfefferminztee, von Zinksalbe, doppeltkohlensaurem Natron [...], die Besorgung des Handverkaufs, wobei der Lehrling jede Mineralwasserflasche aus dem Keller holen mußte und jedes Standgefäß, das nur mit der Leiter erreichbar war, für die Herren Gehilfen herabzulangen hatte, paßte doch ganz und gar nicht zu der Würde eines eben zur Reserve beurlaubten Soldaten.« Nicht ohne Neid blickte er auf die Studenten mit ihren bunten Mützen, die größere Chancen bei den »niedlichen Göttinger Mädchen« hatten. Ausgesöhnt mit seinem Berufe war er erst, als ihm, wie er berichtet, »die Defektur anvertraut wurde [...] Nicht nur das Ansetzen von Tinkturen und Extrakten hatte mich zu beschäftigen, [...] auch an chemische Prozesse durfte ich mich im Laufe der Lehrzeit heranwagen. Und hierbei erlebte ich die ersten Berührungen mit der praktischen Chemie. Mein Jungfernpräparat war Zincum sulfocarbolicum [...] Und als die erste schöne Kristallisation gelungen war, freute sich mein junges Adeptenherz (3).« Die erforderlichen theoretischen Kenntnisse musste er sich nachts im Selbststudium aneignen.

 

Auf dem Weg zum organischen Chemiker

 

Allerdings hörte er im letzten Lehrjahr Vorlesungen bei dem Göttinger Professor der Pharmazie Karl Polstorff (1846 bis 1911), die ihm »eine neue chemische Welt« eröffneten (4). Nach dem Vorexamen in Hildesheim, das er mit »sehr gut« bestanden hatte, schloss sich eine dreijährige Servierzeit in der Bismarck- und Kurfürsten-Apotheke in Berlin an.

 

Anschließend folgte das dreisemestrige Studium der Pharmazie in Berlin. Hier hörte er bei bedeutenden Professoren wie dem Physiologen Emil du Bois Reymond (1818 bis 1896) und bei dem späteren Nobelpreisträger Albrecht Kossel (1853 bis 1927), in dessen Labor er arbeitete. Aber auch der Chemiker Emil Fischer (1852 bis 1919) und der Pharmakognost August Garcke (1819 bis 1904) gehörten zu seinen Lehrern. Ab 1893 war Hofmann in Rostock bei dem dortigen Chemiker August Michaelis (1847 bis 1916) tätig und wurde unter dessen Leitung 1895 mit einer Arbeit über Phosphine promoviert (5).

 

1895 trat er an der TH Aachen eine Stelle als Privatassistent bei dem Organischen Chemiker Ludwig Claisen (1851 bis 1930) an, den er als »seinen eigentlichen Lehrer auf dem Gebiete der organischen Chemie« bezeichnete. Hier untersuchte Hofmann Stereoisomerisierungserscheinungen bei Benzoaten von Triketonen sowie Acetale und Ketale (6).

 

Farbwerke Bayer

 

1897 holte ihn Carl Duisberg (1861 bis 1935), Direktor und Vorstandsmitglied der Farbwerke Bayer, nach Elberfeld (7). Hofmann widmete sich hier der Arzneimittelforschung und entwickelte das Antirheumatikum Spirosal, ein Monoglycolester der Salicylsäure, das Lokalanästhetikum Alypin, das bromhaltige Sedativum Adalin und das Abführmittel 1,8-Dioxyanthrachinon (Istizin) (2). Er wurde Abteilungsleiter und schließlich Prokurist. 1912 gründete er in Elberfeld das Institut für Chemotherapie, das später Heinrich Hörlein (1882 bis 1954) mit großem Erfolg weiterführte.

 

Auslöser für seine Kautschuk-Arbeiten war der Aufruf des englischen Botanikers Dunstan, wegen des Raubbaus der brasilianischen Wildkautschukpflanzen sich der Synthese von Kautschuk zu widmen (8). Hofmann schildert seine damaligen Arbeiten: «‹Synthese‹, dieser Lockruf traf mich. Und wenn es auch blutwenig war [...], was ich vom Kautschuk wußte, eins war mir klar: Er war ein Kohlenwasserstoff – warum sollte man ihn da nicht durch Synthese packen können? Ein Blick in den ›Beilstein‹ bestätigte das. Der Name Isopren tauchte zum ersten Mal auf, und es fand sich auch eine trügerische Vorschrift, wie man angeblich aus diesem Isopren unter dem katalytischen Einflusse von Salzsäure bequem Kautschuk machen könne. Stutzig konnte nur eins machen: Carl Harries, der [...] schon einen großen Namen auf diesem Spezialgebiete besaß, sprach immer von seiner ›Achter-Ring-Hypothese‹ – dem Dimethylcyclooktadien – aber nicht vom Isopren. Diese Divergenz zwang nun doch den reinen Toren – so darf ich mich hier gleich bezeichnen –, sich etwas mehr in dieses Arbeitsgebiet zu vertiefen« (8).

 

Hofmann bat Friedrich Bayer (1851 bis 1920) und Duisberg um die Bewilligung von Forschungsgeldern. Ihre Antwort fiel großzügiger aus, als er zu hoffen gewagt hatte: »Die Herren sagten: ›Das wird freilich eine teure Geschichte und schnell geht es bestimmt auch nicht, aber die Möglichkeit eines Gelingens Ihrer Pläne besteht. So wollen wir es also riskieren. Im Maximum darf die Sache 100 000 Mark im Jahre kosten – in zehn Jahren müssen Sie es aber haben, sonst soll Sie ...‹ «

 

Der anerkannte Forscher

In den sieben Jahren von 1907 bis 1914 legte Hofmann »gute Fundamente für den weiteren Ausbau einer technischen Kautschuksynthese«. Weiter berichtet er: »Ende Oktober 1914 wurde ich nach Berlin gerufen, wo unter Emil Fischers Vorsitz eine Kautschukkommission zusammentrat. Da Emil Fischer uns oft bei der Arbeit aufgesucht hatte und über ihren Fortgang aufs Eingehendste unterrichtet war, hatte er auch synthetischen Kautschuk auf die Tagesordnung gesetzt« (8). Der Erste Weltkrieg begünstigte die Arbeiten, speziell die Marine drängte auf den Bau einer Methyl-Kautschukfabrik, und in Elberfeld begann man schließlich mit der Herstellung.

 

1918 folgte Hofmann einem Ruf der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften nach Breslau. Hier baute er das Schlesische Kohlenforschungsinstitut auf, das er 16 Jahre leitete. 1919 wurde er zum ordentlichen Honorarprofessor an der TH Breslau ernannt. Für seine Arbeiten auf pharmazeutisch-medizinischem Gebiet verlieh ihm die Universität Breslau den Dr. med h. c. und der Verein Deutscher Chemiker für seine Kautschuk-Synthese 1912 die goldene Emil-Fischer-Medaille (9). 1934 trat er als Direktor des Institutes zurück (4).

 

Nach dem Ersten Weltkrieg sanken die Preise für Naturkautschuk bis unter 1 Prozent ihres Höchstwertes und erst in den 1930er-Jahren war künstlicher Kautschuk aufgrund der Autarkiebestrebungen im Dritten Reich wieder gefragt. 1937 entstand in Schkopau bei Merseburg die erste großtechnische Anlage zur Gewinnung von Buna. Den Namen hatte Hofmann aufgrund des Herstellungsverfahrens, der Polymerisation des Butadiens gewählt, das er mit Natrium über Acetylen gewann (10). Buna erhielt auf der Weltausstellung in Paris den Grand Prix und Hofmann die große goldene Medaille. Der Bau des Buna-Werkes 1941 in Auschwitz zeigt die Pervertierung dieser bedeutenden Entdeckung durch die Nationalsozialisten und die IG Farben.

 

1945 kehrte Hofmann in seine Geburtsstadt Kölleda zurück und widmete sich hier im Auftrage der DDR der Krebsforschung. 1952 siedelte er nach Hannover zu seinem Sohn über, wo er drei Tage vor Vollendung seines 90. Lebensjahres 1956 verstarb (11).

 

Hörlein schildert Hofmann als liebenswürdig und charaktervoll und immer bestrebt, Dinge von ihrer besten Seite zu sehen und »über unangenehme Situationen mit einem Scherzwort hinwegzukommen« (6). /

Verfasser

Professor Dr. Christoph Friedrich

Institut für Geschichte der Pharmazie

Roter Graben 10

35032 Marburg.

E-Mail: ch.friedrich@staff.uni-marburg.de

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