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Nobelpreisträger

Schokolade macht schlau

16.10.2012
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Von Annette Mende / Je höher der Pro-Kopf-Konsum an Schokolade einer Nation ist, desto mehr Nobelpreisträger bringt sie hervor. Diesen Zusammenhang hat ein Kardiologe von der Columbia Universität in New York gefunden und im »New England Journal of Medicine« veröffentlicht.

Franz H. Messerli stützt seine recht außergewöhnliche Untersuchung auf folgende Überlegung: Kakao enthält Flavonoide. Diverse Studien haben gezeigt, dass der regelmäßige Verzehr dieser sekundären Pflanzeninhaltsstoffe die kognitive Leistung verbessern kann. Theoretisch müsste dieser Zusammenhang daher nicht nur bei einzelnen Individuen bestehen, sondern auch für ganze Bevölkerungen nachweisbar sein.

 

Da die durchschnittliche kognitive Leistungsfähigkeit einzelner Nationen nirgendwo registriert wird, verwendete Messerli als Surrogatparameter dafür die Zahl der Nobelpreisträger aus dem jeweiligen Land. Diese setzte er mit der Höhe des jährlichen Pro-Kopf-Verzehrs an Schokolade in Beziehung. Heraus kam eine signifikante, lineare Korrelation (doi: 10.1056/NEJM on1211064).

 

Spitzenreiter sowohl der Nobelpreisträger-Statistik als auch in Sachen Schokoladen-Konsum ist Messerlis Heimatland Schweiz. Bei einem Pro-Kopf-Verzehr von etwa 12 kg Schokolade jährlich hat das Alpenland bisher 32 Nobelpreisträger pro 10 Millionen Einwohner hervorgebracht. Der Autor rechnet vor, dass ein Anstieg der verzehrten Schokoladenmenge um durchschnittlich 0,4 kg Schokolade pro Person und Jahr einer Nation einen Nobelpreisträger bescheren könnte.

 

Einziger Ausreißer der Statistik ist Schweden, das gemessen am Naschverhalten seiner Einwohner eindeutig viel zu viele Nobelpreisträger hervorgebracht hat. Die Skandinavier essen nur etwa halb so viel Schokolade wie die Schweizer (6,4 kg), haben aber unter Berücksichtigung der Einwohnerzahl genauso viele Nobelpreisträger vorzuweisen. Dafür gibt es laut Messerli zwei mögliche Erklärungen. Entweder seien die Mitglieder des in Stockholm ansässigen Nobelpreis-Komitees trotz aller gebotener Objektivität nicht ganz frei von patriotischen Gefühlen. Oder die Schweden seien per se empfindlicher für die vorteilhaften Schokoladen-Inhaltsstoffe, sodass bereits kleine Mengen ihre Kognition stark positiv beeinflussten.

 

In jedem Fall ließen sich aus seinen Ergebnissen einige Hypothesen ableiten, ist sich Messerli sicher. Diese sollten aus seiner Sicht in einer prospektiven und randomisierten Studie weiter untersucht werden. / 

 

Kommentar

Die Steinlaus lässt grüßen

Diese Studie kann nicht ernst gemeint sein. Sie ist geradezu ein Paradebeispiel für Spaßartikel, die in akademischen Publikationen immer wieder auftauchen. Ansonsten streng wissenschaftliche Fachbücher enthalten häufig solche sogenannten Nihilartikel oder U-Boote. Bekannte Vertreter sind die Pasta Theobromae im Teedrogen-Wichtl und die Steinlaus im Pschyrembel.

 

Alle, die sie richtig verstehen, können sich über Nihilartikel prächtig amüsieren. Die Steinlaus etwa kam bei den Lesern des Pschyrembel so gut an, dass der Verlag den Artikel über die Petrophaga lorioti aufgrund heftiger Proteste wieder ins Lexikon aufnahm, nachdem er in der 257. Auflage gefehlt hatte. Wissenschaft ohne jedes Augenzwinkern macht eben selbst Wissenschaftlern auf Dauer keinen Spaß.

 

Wörtlich nehmen darf man Herrn Messerlis Schokoladen-Studie jedoch keinesfalls. Niemand kann ernsthaft behaupten, dass der Zusammenhang zwischen dem Schokoladen-Verzehr einer ganzen Nation und der Anzahl ihrer Nobelpreisträger irgendeine wissenschaftliche Aussage zulässt. Wie viele der meist international tätigen Forscher einer bestimmten Nationalität den Preis erhalten, hängt von vielen Faktoren ab. Wie viel Schokolade die Bewohner ihres Heimatlandes naschen, gehört mit Sicherheit nicht dazu. Einen Hinweis darauf, dass auch er das sehr wohl weiß, gibt der Autor in der Erklärung seiner Interessenskonflikte. Darin gesteht er, täglich Schokolade zu verzehren, »meistens, aber nicht ausschließlich die dunklen Sorten von Lindt«. Für die von ihm geforderte groß angelegte Studie zur genaueren Untersuchung des Phänomens möchte ich mich übrigens hiermit als Probandin zur Verfügung stellen.

 

Annette Mende

Redakteurin Pharmazie

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