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Interview

Karies bei chronisch kranken Kindern

27.09.2016
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Von Marion Hofmann-Aßmus / Zahnpflege bei chronisch kranken Kindern ist häufig eine Herausforderung. Worauf es dabei ankommt, erklärt Professor Dr. Roswitha Heinrich-Weltzien von der Poliklinik für Präventive Zahnheilkunde und Kinderzahnheilkunde des Universitätsklinikums Jena.

PZ: Leiden Kinder mit geistiger Behinderung häufiger unter Karies oder anderen Zahnerkrankungen?

Heinrich-Weltzien: Ja, in Untersuchungen zur Mundgesundheit von Schülern mit Behinderungen in Thüringen konnten wir belegen, dass diese Schüler eine höhere Kariesprävalenz aufwiesen als ihre gesunden Altersgefährten. Besonders betroffen waren Kinder mit geistiger Behinderung. Im Vergleich zu Kindern mit Sinnesbehinderungen oder sonstigen körperlichen Beeinträchtigungen hatten sie die höchste Zahl von Zähnen mit unbehandelter Karies.

 

PZ: Worauf führen Sie dies zurück?

 

Heinrich-Weltzien: Die Unterversorgung insbesondere der Kinder mit geistiger Behinderung beruht vor allem auf Kommunikations- und Kooperationsproblemen, die bei der Behandlung auftreten können. Davor schrecken viele Zahnärzte zurück. So entsteht eine signifikante gesundheitliche Benachteiligung, obwohl Menschen mit Behinderung nach UN-Behindertenrechtskonvention, die von der Bundesrepublik Deutschland 2009 ratifiziert wurde, das gleiche Recht auf eine ­adäquate Behandlung haben.

 

PZ: Wie gehen Sie auf die Kinder ein?

 

Heinrich-Weltzien: Ganz entscheidend ist die Empathie mit den Kindern. Indem ich sie empathisch und respektvoll behandle, gewinne ich auch die Eltern. Ich kommuniziere in einfacher Sprache, wie mit gesunden Kindern auch. Idealerweise sollte der Zahnarzt von in der Kinderbehandlung qualifizierten zahnärztlichen Assistentinnen unterstützt werden. Dennoch: Die Behandlung dieser Patientengruppe ist personal- und zeitintensiv.

 

PZ: Welche chronischen Krankheiten sind mit einer erhöhten Disposition für Zahnerkrankungen verbunden?

 

Heinrich-Weltzien: Hier kann ich nur exemplarisch auf einige verweisen. Ein erhöhtes Kariesrisiko weisen beispielsweise Kinder mit psycho-emotionalen und psychiatrischen Erkrankungen, Asthma und Mukoviszidose auf. Kinder mit psychischen Problemen und Verhaltensproblemen praktizieren in der Regel keine adäquate Zahnpflege, die zusammen mit dem häufigen Konsum von Süßigkeiten zu einem hohen Kariesbefall führt. Bei der Mukoviszidose ist das Kariesrisiko durch die häufige Aufnahme von kariogenen Mahlzeiten bedingt; beim Asthma kann dieses aus medikationsbedingten Veränderungen von Speichelparametern oder einer Mundtrockenheit resultieren. Bei herzkranken Patienten sollte die Kariesprävention einen hohen Stellenwert haben, da die verursachenden Bakterien, allen voran Streptococcus mutans, zu einer Endokarditis führen können.

 

Auch Kinder und Jugendliche mit ­Diabetes haben ein höheres parodontales Risiko, das durch regelmäßige zahnärztliche Betreuung deutlich begrenzt werden kann. Neben Karies und Parodontalerkrankungen sind wir bei Patienten mit dem Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivität-Syndrom (ADHS) aufgrund ihrer Impulsivität häufig mit Zahntraumata konfrontiert.

 

PZ: Wo finden die Eltern von Kindern mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen geeignete Zahnärzte?

 

Heinrich-Weltzien: Auf der Homepage der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde (DGKiZ) finden sie Zahnärzte, die eine spezielle Zusatzausbildung im Bereich der Kinder- und Jugendzahnheilkunde absolviert haben.

 

PZ: Welche Hinweise kann das Apothekenteam den Eltern geben?

 

Heinrich-Weltzien: Wichtig ist, den Eltern eine altersentsprechend fluoridhaltige Zahnpasta zu empfehlen. Die Evidenz der kariesprotektiven Wirksamkeit von fluoridhaltiger Zahnpasta ist unumstritten sehr hoch. Ab dem ersten Zahn sollte mit dem Zähneputzen begonnen und zum Besuch beim Zahnarzt geraten werden. Damit lassen sich viele Erkrankungen vermeiden und ein erhöhtes Risiko eingrenzen. ­Karies ist heute eine vermeidbare Erkrankung in jedem Lebensalter – bei ­gesunden wie bei kranken Kindern und Jugendlichen. /

 

Lesen Sie dazu auch den Titelbeitrag Zahngesundheit: Pflege von klein an

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