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Expopharm-Eröffnung

Becker will Profil des Apothekers schärfen

24.09.2013
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Am Sonntag hat Deutschland einen neuen Bundestag gewählt. Der Deutsche Apothekerverband (DAV) hat bereits klare Vorstellungen, welche gesundheitspolitischen Ziele er in der nächsten Legislaturperiode erreichen will. Eine Honoraranpassung gehört in jedem Fall dazu, wie DAV-Chef Fritz Becker bei der Eröffnung der Expopharm deutlich machte.

Bereits heute spielen die Apotheker eine wichtige Rolle im Gesundheitswesen. In Zukunft sollte ihre Kompetenz noch stärker zur Geltung kommen, forderte Becker. »Hier müssen wir unser eigenes Profil schärfen und die politische und öffentliche Wahrnehmung unseres Berufsstands verbessern«, sagte er in Düsseldorf. So könnten sich die Apotheker noch mehr als bislang in den Bereichen Prävention und Compliance einbringen. Natürlich seien zusätzliche Leistungen aber nur bei entsprechender Vergütung möglich, betonte Becker.

Zu Beginn dieses Jahres gab es für die Apotheker erstmals seit acht Jahren eine Anpassung ihres Fixhonorars. Die Pauschale stieg um 25 Cent auf dann 8,35 Euro. Nach der Bundestagswahl will der DAV wie schon in den vergangenen Monaten dafür kämpfen, dass die Vergütung künftig regelmäßig überprüft und anhand bestimmter Parameter automatisch angepasst wird. »Viele unserer Kosten steigen automatisch. Da kann es nicht sein, dass eine Anpassung unseres Entgelts über Jahre unterbleibt«, so Becker. Auch die BtM-Gebühr und die Rezepturentgelte müssten endlich angehoben werden. Die Apotheker hätten dabei gute Argumente, sagte der DAV-Vorsitzende. In Gesprächen mit der Politik will er auch darauf hinweisen, dass Apotheker für die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) Patientenzuzahlungen einziehen und den Herstellerrabatt abwickeln. Die Kassen würden auf diese Weise jährlich mehr als 3 Milliarden Euro einnehmen. »Wir leisten, andere erzielen Einnahmen und wir erhalten davon Nullkommanichts«, so Becker.

 

Zugeständnisse von beiden Seiten

 

Lobende Worte fand der DAV-Chef für die zum 1. August eingeführte Notdienstpauschale. Diese leiste einen wichtigen Beitrag zur Sicherung der flächendeckenden Versorgung und finde international große Beachtung. Auch mit dem Kompromiss zum Apothekenabschlag ist Becker sehr zufrieden. Die Einigung legt den Rabatt bis zum Jahr 2015 fest, darüber hinaus ziehen Kassen und Apotheker ihre Klagen gegen den Abschlag aus den Jahren 2009 und 2010 zurück. »Beide Seiten haben für sie unbequeme Zugeständnisse gemacht, dabei aber jeden Gesichtsverlust vermieden«, sagte Becker.

 

Dem Kompromiss zum Abschlag waren allerdings lange und zähe Verhandlungen vorausgegangen. Auch in anderen Bereichen gestalten sich Gespräche zwischen Apothekern und Krankenkassen äußerst schwierig, so etwa bei der sogenannten Aut-idem-Liste. Sie soll Wirkstoffe aufführen, die in der Apotheke grundsätzlich nicht ausgetauscht werden dürfen. Eine erste Aufstellung mit 20 Arzneistoffen hat der DAV bereits vorgelegt. Der GKV-Spitzenverband will diese Liste aber nicht akzeptieren. Dabei diskutieren Kassen und Apotheker bereits seit Monaten.

 

Der Politik dauert dieser Prozess entschieden zu lang. Schon im Sommer hatte der Gesundheitsausschuss im Bundestag beide Seiten dazu aufgefordert, bis spätestens Anfang August eine Einigung zu finden. Diese Anweisung sei ein Armutszeugnis für die Selbstverwaltung, sagte Becker. Dennoch hätten die Kassen jegliche Entscheidungsfindung blockiert. »Wieder einmal ging es der GKV hier nicht um das Wohl der Patienten, sondern einzig und allein um die wirtschaftlichen Interessen einzelner Krankenkassen mit ihren Rabattverträgen«, so Becker.

 

Streit gibt es derzeit auch um den Rahmenvertrag zur Arzneimittelversorgung. Auf dessen Inhalte hatten sich Kassen und Apotheker eigentlich bereits geeinigt. Dennoch verweigert der GKV-Spitzenverband nun seine Unterschrift. Becker kritisierte das Verhalten der Kassen scharf. »Von Vertrauen in die Handlungsfähigkeit und von Partnerschaftlichkeit kann hier bald gar keine Rede mehr sein«, sagte er. Auf Kassenseite gebe es offenbar einen internen Machtkampf – zwischen Vertretern einzelner Kassen und dem GKV-Spitzenverband selbst. Auch in Zukunft müsse es aber gelingen, die Versorgung der Bürger kollektiv zu gestalten, so Becker »Das muss politisch gestärkt werden.« Selektivverträge einzelner Krankenkassen gewährleisteten hingegen keine Versorgung auf einheitlichem Niveau.

 

Mit seiner Kritik am Verhalten der Kassen steht Becker derweil nicht alleine da. Auch Politiker hatten das Auftreten des GKV-Spitzenverbands in der Selbstverwaltung zuletzt kritisiert, darunter Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP). CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn hatte im Interview mit der Pharmazeutischen Zeitung gesagt, er vermisse bei den Krankenkassen manchmal den Willen zur Einigung. In Zukunft müsse der GKV-Spitzenverband wieder stärker die Interessen der Patienten im Blick haben, so Spahn.

 

Dass die Krankenkassen den Rahmenvertrag bislang nicht unterschrieben haben, hat auch mit einem Urteil am Bundesozialgericht (BSG) aus dem Juli zu tun. Krankenkassen dürfen Rezepte demnach grundsätzlich auf Null retaxieren, wenn der Apotheker ohne erkennbare Gründe ein anderes als das Rabattarzneimittel abgibt. Der GKV-Spitzenverband will allem Anschein nach zunächst die Urteilbegründung der Richter abwarten, die bislang aber noch nicht vorliegt. Offenbar erhoffen sich die Kassen neue Erkenntnisse aus dem Papier.

 

Becker nannte die BSG-Entscheidung »äußerst ärgerlich«. Kurzfristige finanzielle Vorteile der Kassen würden überbewertet, die pharmazeutisch einwandfreie Versorgung der Patienten hingegen zu wenig berücksichtigt. Der DAV werde die Urteilsbegründung sehr genau prüfen, kündigte er an. »Hier wird zu entscheiden sein, ob wir das aus unserer Sicht inakzeptable Urteil angehen.« Zunächst müssten die Apotheker die Konsequenzen der Entscheidung jedoch akzeptieren. Trotzdem dürften sie nicht davor zurückschrecken, bei Bedarf pharmazeutische Bedenken geltend zu machen. »Wir Apotheker sind die Arzneimittel-Fachleute, nicht die Sachbearbeiter der Krankenkassen«, so Becker. /

Kommentar

Fairplay bitte


Insgesamt 134 Krankenkassen vereint der GKV-Spitzenverband unter seinem Dach. Das macht ihn zu einem der mächtigsten Player im deutschen Gesundheitswesen. Nicht nur Apotheker, sondern auch Ärzte und Hersteller bekommen die Stärke dieses Verbands regelmäßig zu spüren. In zähen Verhandlungen geht es dabei meist um Geld, das die Krankenkassen schlichtweg nicht ausgeben wollen. Das Wohl der rund 70 Millionen Versicherten spielt dabei kaum eine Rolle. Inzwischen haben auch Politiker erkannt, dass die Kassen versuchen, ihre Macht gekonnt auszuspielen. Sie fordern faire Verhandlungen und drohen mit Konsequenzen. An diese Worte muss sich die Politik auch nach der Bundestagswahl noch erinnern. Sollte sich die Situation nicht verändern, müssen Taten folgen. Denn Selbstverwaltung kann nur dann funktionieren, wenn die Partner auf Augenhöhe verhandeln.

 

Stephanie Schersch

Ressortleitung Politik und Wirtschaft

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