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Reizdarmsyndrom

Darmmotorik aus dem Takt

25.09.2012  16:02 Uhr

Von Maria Pues, Frankfurt am Main / Beim Reizdarmsyndrom handelt es sich um eine Funktionsstörung des Darms. Da sich trotz gründlicher ärztlicher Untersuchungen oft keine körperliche Ursache ausmachen lässt, wurde die Erkrankung früher schlichtweg als psychisch bedingt angesehen: Heute weiß man, dass viele Faktoren an ihrer Entstehung beteiligt sein können.

Drei Kriterien müssen laut aktueller Leitlinie erfüllt sein, um die Diagnose Reizdarmsyndrom (RDS) zu rechtfertigen. Dr. Stephanie Pfeuffer und Heike Richter stellten sie in ihrem Vortrag im Rahmen der Fortbildung der LAK Hessen in Frankfurt am Main vor. Definitionsgemäß spricht man von einem Reizdarmsyndrom, wenn

 

chronische, länger als drei Monate anhaltende Beschwerden (zum Beispiel Bauchschmerzen, Blähungen) bestehen, die von Patient und Arzt auf den Darm bezogen werden und in der Regel mit Stuhlgangsveränderungen einhergehen,

die Beschwerden dazu führen, dass der Patient deswegen Hilfe sucht und/oder sich sorgt und die Beschwerden so stark sind, dass sie die Lebensqualität stark beeinträchtigen, und (!)

keine für andere Krankheitsbilder charakteristischen Voraussetzungen vorliegen, die für die Symptome verantwortlich sind.

 

Das Symptom Durchfall, das im Zentrum früherer Definitionen stand, gehört heute erst in zweiter Linie dazu.

Patienten, bei denen Verdacht auf ein RDS besteht, sollten zunächst eine systematische Diagnostik unter anderem aus ausführlicher Anamnese, Basislabor, Sonografie und zusätzlichen, individuell notwendigen Untersuchen vollständig durchlaufen. Den Referentinnen zufolge darf die Diagnose Reizdarm nur der Arzt stellen. Dabei gilt es auch, Differenzialdiagnosen auszuschließen. Die Empfehlungen der Leitlinien sehen außerdem vor, dem Patienten ein individuelles Krankheitsmodell und ein stimmiges Behandlungskonzept zu vermitteln.

 

Pathomechanismen

 

Im Rahmen von Studien haben Wissenschaftler zahlreiche Faktoren identifiziert, die mit einem RDS assoziiert sind. So findet man bei RDS-Patienten unter anderem Störungen der intestinalen Barriere, der Sekretion und der Darmmotilität. In der Darmmukosa zeigt sich häufig eine erhöhte Dichte spezifischer Nervenzellen, die mit einem verstärken Schmerzempfinden einhergeht. Daneben finden sich Veränderungen in der Darmflora, eine lokale Zunahme von Immunzellen als Ausdruck einer regional begrenzten Entzündung sowie Veränderungen des Serotoninstoffwechsels im Darm. Mit dem Vorurteil, dass es sich beim RDS um eine psychische, psychosomatische oder psychiatrische Erkrankung handele, räumten die Referentinnen auf.

 

Therapiemöglichkeiten

 

Für alle Patienten gelte die Empfehlung: »Erlaubt ist, was bekommt.« Mithilfe eines Patiententagebuches könnten die Patienten individuelle Triggerfaktoren eruieren. Wichtig sei zudem, die Patienten zu beruhigen. Ein RDS sei zwar belastend, aber letztlich ungefährlich. Es verkürzt nicht die Lebenszeit und ist keine Vorstufe von Krebs – eine Befürchtung, die mancher Patient angesichts seiner anhaltenden Beschwerden häufig insgeheim gehegt.

 

Eine medikamentöse Therapie sollte symptomorientiert erfolgen. Zur Linderung von Krämpfen und Schmerzen empfiehlt die Leitlinie in erster Linie Butylscopolamin. Auch Mebeverin und Pfefferminzöl in retardierter Form haben sich bewährt. Analgetika oder Pankreasenzyme sollten hingegen nicht zum Einsatz kommen.

 

Ausgehend von der vorherrschenden Symptomatik unterscheidet die aktuelle Leitlinie drei Gruppen von Reizdarm-Patienten mit verändertem Stuhlverhalten: RDS-Patienten, die vor allem über Obstipation klagen (RDS-O), solche, die überwiegend unter Durchfall leiden (RDS-D) und solche, bei denen ein gemischtes, wechselndes Stuhlverhalten vorliegt.

 

Zur Behandlung werden mit unterschiedlichen Empfehlungsstärken unter anderem Ballaststoffe, Laxanzien vom Macrogoltyp, andere Laxanzien, Spasmolytika, Loperamid, Probiotika und Phytopharmaka empfohlen (siehe Tabelle). Klagt der Patienten ohnehin über starke Blähungen, sollte Lactulose eher zurückhaltend eingesetzt werden. Von Domperidon rät die Leitlinie ab.

 

Letztlich handelt es sich bis zur individuell erwiesenen Wirkung stets um einen Therapieversuch. Bleibt die Wirkung aus, sollte die Behandlung nach spätestens (!) drei Monaten umgestellt werden.Der vollständige Leitlinientext findet sich unter www.dgvs.de/media/Leitlinie_Reizdarm_2011.pdf. /

Tabelle: Beispiele von gängigen Therapieschemata bei der pharmakologischen Behandlung des RDS von Erwachsenen (Quelle: S3-Leitlinie Reizdarmsyndrom AWMF-Registriernummer 021/016)

Präparate (alphabetisch geordnet) Dosierung
Amitriptylin-Tabletten Dosis einschleichen: zum Beispiel Beginn mit einmal täglich 12,5 mg oder einmal täglich 25 mg (abends), Steigerung zum Beispiel im Wochentakt um weitere 12,5 oder 25 mg bis insgesamt einmal täglich 50 mg oder maximal einmal täglich 75 mg
Butylscopolamin 10 mg Dragees drei- bis fünfmal täglich 1 bis 2 Dragees
Butylscopolamin (8 mg) /Paracetamol (800 mg) Suppositorium bei akuten Schmerzen beziehungsweise Schmerzverschlimmerung, bis zu maximal viermal täglich für wenige Tage
Flohsamenschalen zwei- bis sechsmal täglich 1 Messlöffel beziehungsweise 1 Beutel; jeweils mit je 150ml Wasser
Iberogast (Lösung) dreimal täglich 20 Tropfen
Lactulose-Saft ein- bis viermal täglich 10 bis 20 ml
Loperamid 2 mg (verschiedene Zubereitungsformen) Dosierung nach Bedarf, zum Beispiel einmal 2 mg bei jedem flüssigen Stuhlgang (bis zu circa fünf- bis achtmal täglich)
Mebeverin 135 mg beziehungsweise 200 mg Retard-Tabletten dreimal täglich 135 mg oder zweimal täglich 200 mg retard
Paroxetin Dosis einschleichen: zum Beispiel Beginn mit einmal täglich 10 mg (typischerweise morgens), Steigerung zum Beispiel im 1-bis 2-Wochentakt um weitere 10 mg bis insgesamt einmal täglich 20 mg.
PEG-Elektrolyt-Laxantien (Pulver zum Auflösen) ein- bis viermal täglich 1 Beutel
Pfefferminzöl; diverse verschiedene Zubereitungsformen siehe Herstellerangaben
Probiotika; unterschiedliche Stämme in unterschiedlichen Zubereitungsformen Therapieschemata unterschiedlich, siehe Herstellerangaben
Prucaloprid 1 oder 2mg einmal täglich 2 mg bei Erwachsenen beziehungsweise einmal täglich 1 mg bei Personen > 65 Jahre
Rifaximin 200 mg Tabletten zwei- bis dreimal täglich 1 bis 2 Tabletten für 1 bis 2 Wochen
Simeticon (zum Beispiel Saft oder Kapseln) 1-5 Einzeldosen; insgesamt bis 400 mg tgl.

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