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Typ-2-Diabetes

Länger leben mit Metformin

15.09.2014
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Von Annette Mende / Das orale Antidiabetikum Metformin verlängert die statistische Lebenserwartung von Typ-2-Diabetikern – und zwar nicht nur gegenüber anderen Diabetes-Patienten, die mit Sulfonylharnstoffen therapiert werden, sondern auch im Vergleich zu Stoffwechselgesunden.

Dieses bemerkenswerte Ergebnis hatte eine retrospektive Auswertung von Pa­tientendaten aus Großbritannien, deren Ergebnisse Christian Bannister und Kollegen von der Universität Cardiff kürzlich im Fachjournal »Diabetes, Obesity and Metabolism« vorlegten. ­Typ-2-Diabetiker, die Metformin als Erstlinien-Therapie erhielten, hatten demnach eine um 15 Prozent längere Überlebenszeit als Menschen ohne ­Diabetes. Wer allerdings statt Metformin einen Sulfonylharnstoff erhielt, lebte statistisch betrachtet 38 Prozent kürzer als entsprechende Kontrollpersonen (doi: 10.1111/dom.12354).

 

Bessere Wirkung schon mehrfach gezeigt

 

Es ist keine Neuigkeit, dass Metformin Sulfonylharnstoffen in der Therapie des Typ-2-Diabetes überlegen ist. Das Biguanid führt zu einer besseren Stoffwechseleinstellung und reduziert das Herz-Kreislauf-Risiko. Außerdem hat es zwei Nachteile der Sulfonylharnstoffe nicht, nämlich Gewichtszunahme und Hypoglykämie-Risiko. Klinische Vergleichsstudien von Metformin mit Sulfonylharnstoffen zeigten, dass Letztere mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse und Tod assoziiert sind. Allerdings war bislang unklar, ob die beobachteten Effekte dem Metformin positiv anzurechnen sind oder den Sulfonylharnstoffen negativ.

Um diese Unklarheit auszuräumen, bezogen die Autoren in ihren Vergleich der beiden Therapieregime eine Kon­trollgruppe aus Personen ohne Diabetes ein. Die Daten – 78 241 Metformin- behandelte Patienten, 12 222 Patienten unter einem Sulfonylharnstoff und je gleich viele Kontrollen – stammten aus einer Datenbank, in der Patienten von britischen Allgemeinmedizinern erfasst werden. Die Teilnehmer wurden im Schnitt 2,4 Jahre lang verfolgt. Der mit Abstand am häufigsten eingesetzte Sulfonylharnstoff (90 Prozent) war Gliclazid.

 

In der Metformin-Gruppe betrug die Mortalitätsrate 14,4 Todesfälle pro 1000 Personenjahre bei mit Metformin behandelten Patienten und 15,2 Todesfälle pro 1000 Personenjahre bei den Kon­trollen. Im Sulfonylharnstoff-Arm waren beide Mortalitätsraten deutlich höher: Sie betrugen 50,9 Todesfälle pro 1000 Personenjahre bei den Diabetikern und 28,7 Todesfälle pro 1000 Personenjahre bei den Kontrollen. Mögliche Gründe für diese Differenz auch bei den Stoffwechselgesunden sind unter anderem ein höheres Durchschnittsalter im Sulfonylharnstoff-Arm (67,8 Jahre versus 61,2 im Metformin-Arm) sowie etwas höhere Ausgangswerte für Serumkreatinin.

 

»Typ-2-Diabetiker, die mit Metformin behandelt werden, haben eine mindestens ebenso hohe Lebens­erwartung wie Gleichaltrige ohne Diabetes«, so das vorsichtige Fazit der Autoren. Wie sich eine Intensivierung der medikamentösen Therapie auf die Lebenserwartung auswirke, sei schwer abzuschätzen, doch müsse eine Kombination von Metformin mit Sulfonylharnstoffen als bedenklich eingestuft werden. Letztere allein erhöhten offensichtlich das allgemeine Sterberisiko, wie es auch frühere Untersuchungen bereits gezeigt hätten. »Erstaunlicherweise deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass auch Menschen ohne Diabetes von der Metformin-Einnahme profitieren könnten«, schließen sie.

 

Sulfonylharnstoffe häufig verordnet

 

Metformin für alle also? Ganz so weit wird man aufgrund dieser einen Studie sicher nicht gehen wollen, zumal es auch schon Studien gab, in denen Metformin keinen Vorteil für Menschen ohne Diabetes brachte (lesen Sie dazu auch Metformin: Kein Herzschutz bei Menschen ohne Diabetes). Doch unterstreicht das Ergebnis erneut, dass ­Metformin als Erstlinien-Medikament in der Pharmakotherapie von Typ-2-­Diabetikern die richtige Wahl ist. So sieht es unter anderem die entsprechende deutsche na­tionale Versorgungsleitlinie vor. Daneben haben aber Sulfonylharnstoffe – wahrscheinlich auch aufgrund ihrer niedrigen Kosten – nach wie vor einen festen Stellenwert in der Therapie. 2012 wurden in Deutschland laut Arzneiverordnungs­report zwar 8,5 Prozent weniger definierte Tagesdosen dieser Arzneistoffe verschrieben als im Vorjahr. Insgesamt waren es aber immer noch 362,2 Millionen und damit deutlich mehr als die Hälfte des Verschreibungsvolumens von Metformin (605,4 Millionen DDD). / 

Kommentar

Abwarten lohnt sich

Das orale Antidiabetikum Metformin ist ein alter Arzneistoff mit interessanter Geschichte, dessen therapeutischer Stellenwert nach anfänglicher Skepsis erst in der letzten Dekade in vollem Umfang erkannt wurde. Die von Bannister und Kollegen jetzt vorgelegten Daten machen einmal mehr deutlich, dass Metformin bei der Behandlung von Typ-2-Diabetikern zu Recht Mittel der ersten Wahl ist. Ärzte und Apotheker sind angehalten, die nationale Versorgungsleitlinie konsequent umzusetzen und Metformin bevorzugt zulasten der Sulfonylharnstoffe zu verordnen, abzugeben und entsprechend zu beraten.

 

Die wechselhafte Geschichte von Metformin macht aber auch deutlich, dass einer frühen Nutzenbewertung von Arzneimitteln enge Grenzen gesetzt sind, zumal sich der therapeutische Stellenwert eines neuen Arzneistoffs nicht immer gleich, vielmehr erst nach Jahren der Anwendung zweifelsfrei bestimmen lässt.

 

Professor Dr. Manfred 

Schubert-Zsilavecz 

Mitglied der Chefredaktion

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