Pharmazeutische Zeitung online
Kinderarmut

Schweres Erbe für Millionen

20.09.2010
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Von Bettina Sauer / Millionen von Kindern in Deutschland leben in Armut. Ihnen mangelt es längst nicht nur an materiellen Gütern, sondern auch an Bildung, sozialer Teilhabe und Zukunftschancen. Auf diese Probleme weisen aktuelle Berichte hin, die die Pharmazeutische Zeitung anlässlich des Weltkindertags am 20. September gesichtet hat.

Drei Millionen, also 20 Prozent, der Kinder in Deutschland leben derzeit in Armut – und das in einem der reichsten Länder der Erde. Mit diesen Sätzen schlägt das Deutsche Kinderhilfswerk Alarm. Auch andere Wohlfahrtsverbände und Gewerkschaften sowie Berichte der Bundesregierung weisen seit Jahren darauf hin, dass Kinderarmut in unserem Land ein großes und seit mehreren Jahren steigendes gesellschaftliches Problem darstellt.

 

Materielle und ideelle Nachteile

 

Zudem betonen sie, dass finanzielle Not eine Fülle von Einschränkungen, Benachteiligungen und Risiken mit sich bringt. Dabei geht es längst nicht nur um existenzielle materielle Dinge wie regelmäßige Mahlzeiten oder saisongerechte Kleidung, sondern auch um Gesundheit und Bildung, Geborgenheit und soziale Teilhabe. Die betroffenen Kinder scheinen diese Mängel schon früh wahrzunehmen, darunter zu leiden und ein entsprechend düsteres Bild ihrer Zukunft zu zeichnen. Das geht aus der zweiten »World Vision Kinderstudie« hervor, die die gleichnamige Kinderhilfsorganisation vergangenen Juni herausgegeben hat. Geplant und durchgeführt wurde sie vom Sozial- und Gesundheitswissenschaftler Professor Dr. Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance in Berlin, der Kindheitsforscherin Professor Dr. Sabine Andresen von der Universität Bielefeld und dem Meinungsforschungsinstitut TNS Infratest Sozialforschung.

In persönlichen mündlichen Inter­views befragte das Team 2529 sechs- bis elfjährige Kinder aus dem ganzen Bundesgebiet detail­liert zu ihrer Lebenssituation. Hinzu kamen Informationen aus einem kurzen Fragebogen an die Eltern, um deren Bildungsgrad sowie die soziale und materielle Situation der Familie zu erfassen.

 

Der Auswertung zufolge zeigt sich die Mehrzahl der befragten Kinder mit ihren Lebensverhältnissen zufrie­den. Doch etwa 20 Prozent fühlen sich benachteiligt und berichten von Einschränkungen oder konkreten Armutserfahrungen. Viele von ihnen leben bei alleiner­ziehenden oder erwerbslosen Eltern oder entstam­men einer niedrigen sozialen Herkunftsschicht. Die Studie nennt diese drei Punkte deshalb als besonders wichtige Risikofaktoren für Armut, die wiederum die Gestaltungsspielräume, Teilhabemöglichkeiten und Perspektiven erheblich einschränke. Besonders deutlich zeige sich das bei der Frage nach dem gewünschten Schulabschluss. Dabei nennen gerade einmal 19 Prozent der Kinder aus der Unterschicht das Abitur – dagegen 46 Prozent aus der Mittel- und sogar 76 Prozent aus der Oberschicht.

 

Fernsehen statt Verein

 

Auch der Zugang zu Sportvereinen, anderen Gruppenangeboten und der außerschulischen Bildung im musisch-künstlerisch-kreativen Bereich scheint eng mit der sozialen Herkunft zusammenzuhängen. So gehen laut Studie über 80 Prozent der Kinder aus gehobenen Schichten entsprechenden Aktivitäten nach, aber nur 42 Prozent derer aus der Unterschicht. Letztere zeigen zudem eine deutlich geringere Bereitschaft, in der Freizeit zu lesen oder eigenständig Sport zu treiben. »In der Konsequenz ist der Alltag bei einem großen Teil einseitig auf Fernsehen und sonstigen Medienkonsum ausgerichtet«, schreiben die Autoren. »Jungen sind dafür besonders anfällig.«

Vielen Kindern aus prekären Verhältnissen mangele es an Rückhalt, Anregung und gezielter Förderung. Weiterhin berichten diese Kinder häufiger als die anderen Befragten, sich vor schlechten Noten, der Arbeitslosigkeit der Eltern sowie vor Gewalt und Bedrohung zu fürchten. Und sie erleben eine deutlich geringere Wertschätzung der eigenen Meinung, sei es in der Familie, in der Schule oder im Freundeskreis. All diese Faktoren könnten die kindliche Entwicklung beeinträchtigen, schreiben die Forscher: »Armut grenzt nicht nur aus, sondern hindert Kinder auch an der He­rausbildung von Selbstwertgefühl und von fachlicher und sozialer Kompetenz.« Doch genau das seien wesentliche Schlüsselfaktoren, um die Chance auf ein »gutes Leben« zu eröffnen.

 

Um der Kinderarmut entgegenzutreten, gibt es viele Vorschläge, unter anderem mehr Unterstützung für Alleinerziehende, ein Ausbau der Kinderbetreuung, die Anhebung der Hartz-IV-Sätze oder des Kindergeldes. Die neueste Idee stammt von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen. Sie möchte benachteiligte Kinder mit einer »Bildungskarte« ausstatten, mit der sie je nach ihrem individuellen Bedarf Leistungen aus vier Bereichen in Anspruch nehmen dürfen: Lernförderung, Schulmaterial, Schulessen sowie Musik- und Sportangebote. Mit der Bildungskarte will von der Leyen eine Vorgabe des Bundesverfassungsgerichts umsetzen, Kindern aus Hartz-IV-Familien mehr Bildung und soziale Teilhabe zu ermöglichen. Ihnen soll das Konzept zunächst zugute kommen, in einem zweiten Schritt wohl auch solchen aus einkommensschwachen Familien. Aufwand und Ausgaben lohnten sich, sagte von der Leyen kürzlich in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin »Spiegel«: »Angesichts des Geburtenrückgangs und des Fachkräftemangels müssen wir schon aus Eigeninteresse dafür sorgen, möglichst alle Talente und Fähigkeiten umfassend zu fördern – unabhängig von der Gesellschaftsschicht. Den Teufelskreis, dass Armut über einen Mangel an Bildung an die nächste Generation weitervererbt wird, gilt es zu durchbrechen.« /

Gegen Kinderarmut

Viele private Initiativen engagieren sich »Gegen Kinderarmut«. Zum Beispiel ein Verein, der genau diesen Namen trägt und 2008 in Berlin gegründet wurde. »Gegen Kinderarmut e. V.« verfolgt zwei Ansätze: Zum einen organisiert er, oft mit Unterstützung von Musikern, Künstlern oder Sportlern, öffentlichkeitswirksame Aktionen, um Politik, Wirtschaft und Gesellschaft für das Problem zu sensibilisieren. Zum anderen unterstützt der Verein konkrete Projekte, die die Situation von benachteiligten Kindern verbessern. Dabei geht es insbesondere um die Förderung im kreativen Bereich. Derzeit etwa werden »Chorpaten« für bedürftige Kinder gesucht. Jeder kann die Arbeit des Vereins durch eine Mitgliedschaft oder Spende unterstützen. Genauere Informationen sind unter www.gegen-kinderarmut.de nachzulesen.

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