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Zahngesundheit

Unterschätzte Spucke

11.09.2008
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Zahngesundheit

Unterschätzte Spucke

Von Christina Hohmann

 

Anspucken gilt als große Beleidigung. Doch so viel Verachtung hat der Speichel gar nicht verdient: Er erfüllt wichtige Funktionen bei der Nahrungsaufnahme, der Erregerabwehr in der Mundhöhle und bei der Gesunderhaltung der Zähne.

 

Der Tag der Zahngesundheit am 25. September steht dieses Jahr unter dem Motto: »Gesund beginnt im Mund - aber bitte mit Spucke«. »Spucke wird unterschätzt«, erklärte Dr. Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer, bei der zentralen Pressekonferenz zum Aktionstag. Mit der Auswahl des Themas wolle man »ein Schlaglicht werfen auf die wichtigsten Aufgaben, den Nutzen und die Bedeutung des Speichels für unsere Gesundheit aus zahnmedizinischer und medizinischer Sicht«.

 

Pro Tag bildet der Mensch zwischen 0,6 und 1,5 Liter Speichel in verschiedenen Speicheldrüsen innerhalb und außerhalb des Mundes (siehe Kasten). Je nach Drüse ist das dort gebildete Sekret eher serös (wässrig) oder mukös (schleimig). Im Mund befindet sich ein Gemisch dieser verschiedenen Speichelarten, das zu 99 Prozent aus Wasser besteht, aber auch zahlreiche organische und anorganische Bestandteile enthält. Diese sind für die Funktionen des Speichels verantwortlich.

Speicheldrüsen

Ein Teil des Speichels wird in mikroskopisch kleinen Speicheldrüsen produziert, die über die gesamte Mundschleimhaut verteilt sind. Der größte Teil stammt aber aus den drei großen paarig angelegten Speicheldrüsen, die außerhalb des Mundes liegen und das Sekret über Ausführgänge in die Mundhöhle leiten. Die Ohrspeicheldrüsen (Glandulae parotis) befinden sich unterhalb des Ohres und münden im Oberkiefer in die Mundhöhle. Die Unterzungendrüsen (Glandulae sublingualis) sind in die Mundbodenmuskulatur eingebettet. Ihre Ausführgänge enden unter der Zunge. Dort münden auch die Gänge des dritten Drüsenpaares, der Unterkieferdrüsen (Glandulae submandibularis), die sich in der Innenseite des Unterkiefers befinden.

Das Sekret erfüllt eine ganze Reihe wichtiger Aufgaben. Es befeuchtet die Mundhöhle und ermöglicht so das Sprechen und Schmecken. Zudem befeuchtet der Speichel die aufgenommene Nahrung, sodass diese besser geschluckt werden kann. Hierfür sind vor allem die Mucine (Schleimstoffe) verantwortlich, die den Nahrungsbrei verschleimen. Die im Speichel enthaltene α-Amylase Ptyalin leitet die Verdauung der Kohlenhydrate ein, wobei dies vermutlich nicht mehr von physiologischer Bedeutung ist, da das Enzym im Magen bereits wieder inaktiviert wird. In dem Sekret ebenfalls vorhanden sind Substanzen mit antibakterieller Wirkung, zu denen Lysozym, Immunglobulin A, Laktoferrin und Histatin zählen. Letzteres spielt auch eine Rolle in der Wundheilung, wie vor Kurzem entdeckt wurde (siehe dazu Wundenlecken ist sinnvoll, PZ 31/2008).

 

Eine bedeutende Rolle spielt der Speichel für die Zahngesundheit: er reinigt die Zähne, puffert Säuren ab und remineralisiert den Schmelz. So enthält der Speichel alle chemisch gelösten Mineralien, die in der Zahnhartsubstanz vorhanden sind, und kann so ständig die angegriffene Zahnoberfläche regenerieren. Ist diese Remineralisation gestört, etwa durch einen zu geringen Speichelfluss, steigt das Kariesrisiko stark an. Dies ist auch bei ständiger Verdünnung des Speichels zu beobachten, wie sei beim Dauernuckeln an Trinkflaschen auftritt. Die sogenannte Fläschchen-Karies bei Kleinkindern entsteht auch dann, wenn die Trinkflasche nur mit Wasser gefüllt ist.

 

Neben der Remineralisation hat der Speichel auch eine Reinigungsfunktion. Er schwemmt Nahrungsreste aus und verdünnt die für den Zahn schädlichen Säuren und Zucker. Zudem enthält das Sekret verschiedene Puffersysteme, die den pH-Wert konstant halten. In der Ruhephase liegt er bei etwa pH 6,5 bis 6,9, nach Stimulation der Sekretion durch Nahrungsaufnahme steigt er auf pH 7 bis 8. Vor allem durch seinen Hydrogencarbonat-Anteil kann der Speichel aufgenommene Säuren wie Fruchtsäuren aus Obst oder Säften zumindest in geringen Mengen abfangen. Somit verkürzt er die Zeit, in der in der Mundhöhle kariesfördernde Bedingungen vorherrschen.

 

Dünner Schutzfilm

 

Eine weitere wichtige Funktion des Speichels ist, dass aus seinen Bestandteilen eine dünne Schutzschicht, die sogenannte erworbene Pellikel, entsteht. Diese ist ein weitgehend bakterienfreies Häutchen, das hauptsächlich aus Proteinen, Glykoproteinen (vor allem Mucine und Enzyme) und anderen Makromolekülen besteht, die sich an alle Festkörperoberflächen in der Mundhöhle anlagern. Dazu zählen auch antibakterielle Proteine wie Lysozym, Cystatine und Histatin.

 

Die Pellikel ist nicht mit der sogenannten Plaque (Zahnbelag) zu verwechseln. Erstere hat verschiedene Schutzfunktionen. Eine ihrer wesentlichen Aufgaben ist es, säurebedingte Mineralverluste zu verhindern. So können Mineralien durch die Pellikel weniger leicht aus dem Zahnschmelz austreten, und Säure gelangt langsamer an den Zahnschmelz. Weiterhin vermindert die erworbene Pellikel Abnutzungserscheinungen. Zudem bildet sie ein Reservoir für speichelbedingte Reparaturfunktionen.

 

Neben den positiven Eigenschaften hat die Pellikel aber auch eine negative: Sie enthält Proteine, die als Rezeptoren für das Anhaften von Bakterien dienen. Somit bildet die Pellikel die Grundlage für Plaque. Normales Putzen mit Bürste und Zahnpasta oder eine Zufuhr von Säuren kann das Häutchen zerstören. Die Pellikel bildet sich jedoch innerhalb von wenigen Sekunden neu. Nach etwa einer Minute sind alle wesentlichen Enzyme wieder in aktiver Konformation an der Pellikeloberfläche vorhanden. Bei einer zu geringen Speichelproduktion kann der schützende Film auf den Zähnen nur unvollständig nachgebildet werden.

 

Wenn die Spucke wegbleibt

 

Wie wichtig der Speichel ist, wird oft erst bemerkt, wenn er wegbleibt. Das als Mundtrockenheit oder Xerostomie bezeichnete Symptom ist relativ häufig. Es tritt bei etwa 4 Prozent der Bevölkerung, vor allem bei älteren Menschen auf. So leidet zum Beispiel die Hälfte der Patienten, die eine Erkrankung des rheumatischen Formenkreises haben, unter einer Mundtrockenheit. Die Folgen einer geringen Speichelsekretion sind unangenehm: Das Sprechen und Schlucken fällt schwer, der Geschmack ist verändert und die Lippen sind trocken und rissig. Außerdem ist das Kariesrisiko stark erhöht.

 

Die Xerostomie kann auf verschiedene Ursachen zurückgehen. So kann sie zum Beispiel die Folge einer Radiotherapie am Kopf, von Entzündungen oder Tumoren der Speicheldrüsen, von einer Dehydratation oder einer verminderten Kautätigkeit sein. Auch Erkrankungen, die die Innervation oder den Metabolismus der Speicheldrüsen beeinflussen, können zur Xerostomie führen. Hierzu zählt neben Aids und Diabetes mellitus auch das Sjögren-Syndrom (Sicca-Syndrom). Bei dieser Autoimmunerkrankung zerstören Immunzellen die exokrinen Drüsen, vor allem die Speichel- und Tränendrüsen.

 

Die häufigste Ursache für eine Xerostomie ist aber die Einnahme von Medikamenten. Am stärksten xerogen wirken Anticholinergika über eine periphere Acetylcholinrezeptor-Blockade und trizyklische Antidepressiva über eine zentrale Rezeptorblockade. Insgesamt gelten 400 Substanzen als xerogen, die Leo Sreebny und Steven Schwartz 1997 in einem »Reference guide to drugs and dry mouth« zusammenstellten (»Gerontology«, Band 14(1), Seiten 33 bis 47). Dazu zählen neben Antihistaminika, Antiallergika, Diuretika, Sedativa auch Antiparkinsonmittel, Antihypertonika sowie Zytostatika.

 

Zur Behandlung einer Xerostomie gilt es, vor allem die Ursache zu identifizieren und zu beseitigen. Geht das Symptom auf Medikamente zurück, ist es zu beheben, indem die Dosierung verringert oder der Wirkstoff gewechselt wird. Ist die Xerostomie nicht auf diese Weise zu beseitigen, kann sie symptomatisch behandelt werden, zum Beispiel durch Stimulation der Speichelproduktion. Hierfür ist das Kauen von Kaugummi oder das Lutschen von Bonbons geeignet. Diese sollten aber zuckerfrei sein, um das Kariesrisiko nicht zusätzlich zu erhöhen. Vielen Betroffenen hilft es auch, reichlich zu trinken und regelmäßig an ebenfalls zuckerfreien Getränken wie Mineralwasser oder ungesüßten Tees zu nippen, um die Mundschleimhaut zu benetzen. Der Speichelfluss kann bei starken Beschwerden auch medikamentös stimuliert werden. Hierfür werden vor allem Pilocarpin, Nicotinamid und Neostigmin verwendet.

 

Hilfe aus der Apotheke

 

Ist die Speichelproduktion nicht mehr ausreichend zu stimulieren, können Speichelersatzmittel eingesetzt werden. Diese sollten dem Speichel physiologisch möglichst ähnlich sein, einen vergleichbaren pH-Wert und eine ähnliche Mineralzusammensetzungen aufweisen. Eingesetzt werden Präparate mit Mucinen oder auf Carmellose-Basis. So enthält zum Beispiel das Mundspray Saliva® natura der Firma Medac pflanzliche Mucine sowie Sorbitol und Xylitol, die zur Wasserspeicherung beitragen. Vor allem Xylitol hat noch karieshemmende Eigenschaften, da es den Keim Streptococcus mutans am Wachstum hindert. Im Handel sind zudem Sprays auf Carmellose-Basis mit der Bezeichnung Glandosane® von Cell Pharma, die entweder neutral im Geschmack oder aromatisiert sind. Eine weitere Option ist Saseem® Mundspray von Pohl-Boskamp, das ebenfalls einen hohen Xylitol-Anteil aufweist.

Tipps für einen gesunden Speichel

Nicht rauchen. Rauchen macht den Speichel dickflüssig.

Zahnbelag (Plaque) gründlich entfernen, denn dieser hindert den Zugang des Speichels zum Zahnschmelz.

Konsequente Mundhygiene reduziert die Keimzahl im Speichel.

Kaugummikauen erhöht die Speichelproduktion.

Ausreichend trinken (mindestens 1,5 Liter am Tag).

Zucker- und säurehaltige Getränke meiden, da diese das Milieu in der Mundhöhle verändern.

 

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