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Europa

OTC-Markt immer in Bewegung

13.09.2006
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Europa

OTC-Markt immer in Bewegung

Von Patrick Hollstein

 

Von Aspirin bis Zantic - nicht überall in Europa werden rezeptfreie Arzneimittel ausschließlich in Apotheken abgegeben. In Großbritannien und Irland, Norwegen und Dänemark, Portugal und Italien mischen beispielsweise Supermärkte im OTC-Geschäft mit. Der Marktanteil der Arzneimittelabgabestellen wächst, obwohl die Verbraucher eigentlich Wert auf eine fachgerechte Beratung in der Apotheke legen.

 

Arzneimittel von der Tankstelle, aus dem Buchladen oder Supermarkt: in vielen Ländern der Welt kennt die Selbstmedikation keine Apothekenpflicht. In Europa waren noch vor zehn Jahren fachfremde Einzelhändler vom OTC-Geschäft ausgeschlossen. Weil die Bedeutung der Selbstmedikation jedoch seit Jahren wächst, machen sich zunehmend neue Anbieter für eine Marktöffnung nach amerikanischem Vorbild stark, zum Teil mit Erfolg.

 

Ausgerechnet in Dänemark, einem Land mit vergleichsweise restriktiven Niederlassungsbestimmungen für Apotheken, nahmen die Dinge jedoch ihren Lauf: Als ab Mitte der 90er-Jahre in Skandinavien über eine Liberalisierung des Apothekenmarktes diskutiert wurde, entschied sich die dänische Regierung zwar gegen eine Aufhebung des bestehenden Fremd- und Mehrbesitzverbotes. Die dänischen Apotheken zahlten jedoch einen hohen Preis: Statt fachfremden Investoren den Zutritt zum Markt zu gewähren, wurde im Oktober 2001 ein Sortiment der gebräuchlichsten OTC-Arzneimittel schlichtweg aus dem regulierten Markt entlassen. Heute gibt es rund 700 nicht pharmazeutische Einzelhandelsgeschäfte, die OTC-Produkte abgeben dürfen. 6 Prozent aller OTC-Arzneimittel werden außerhalb von Apotheken verkauft.

 

In Norwegen findet die Selbstmedikation heute ebenfalls zum Teil außerhalb der Apotheke statt. Zwei Jahre nach der kompletten Liberalisierung des Apothekenmarktes hatte die norwegische Regierung 2003 noch einmal nachgelegt und die 50 gebräuchlichsten OTC-Arzneimittel (Raucherentwöhnungsmittel, Kopfschmerzpräparate et cetera) aus der Apothekenpflicht entlassen. Mittlerweile gibt es 5800 Arzneimittelabgabestellen, die ein Mindestsortiment bestimmter OTC-Arzneimittel (so genannte »Legemidler Utenom Apotek«) führen müssen. Außerdem betreibt etwa die Hälfte der rund 550 norwegischen Apotheken eines der insgesamt 1200 apothekengebundenen OTC-Outlets. Mittlerweile hat sich der Schwund des apothekeneigenen OTC-Geschäfts verlangsamt; im vergangenen Jahr entwickelte sich der OTC-Umsatz der Apotheken mit einem Plus von 2,8 Prozent erstmals wieder positiv. Bei den aus der Apothekenpflicht entlassenen Arzneimitteln mussten die norwegischen Apotheken 2005 jedoch erneut Einnahmeverluste in Höhe von zwei Millionen Euro hinnehmen. Rund 9 Prozent ihres Gesamtumsatzes machen die norwegischen Apotheken noch im Bereich der Selbstmedikation; 2003 hatte der Anteil bei 11 Prozent gelegen.

 

Klausel soll Verbraucher schützen

 

Im vergangenen Jahr wurden neben den israelischen auch die portugiesischen Verbraucher vor die Kaufentscheidung Apotheke oder Supermarkt gestellt. Ein Jahr nach der Marktöffnung gibt es etwa 80 OTC-Abgabestellen. Anders als in Dänemark, Norwegen, Irland und Großbritannien müssen in Portugal approbierte Apotheker in der Verkaufsstelle zugegen sein. Den beabsichtigten Nutzen für den Verbraucherschutz können solche Klauseln jedoch nur bedingt bewirken: Während die regulären Apotheken oft gesetzlich verpflichtet sind, unangemessene Medikamentenkäufe zu verhindern, haben Supermarktapotheker in der Regel gar nicht die Möglichkeit, Arzneimittelmissbrauch zu erkennen und Hamstereinkäufe einzuschränken. Vielleicht steht das Fachpersonal in der »Medikamentenabteilung« zur Beratung bereit. Abkassiert wird jedoch erst am Ausgang, durch in Arzneimittelfragen vollkommen ungeschultes Supermarktpersonal.

 

Andere Länder haben den Trend, Apothekern die Aufsicht auch außerhalb regulärer Apotheken zu übertragen, trotzdem übernommen: Auch in Italiens Supermärkten, wo seit Anfang August diesen Jahres OTC-Arzneimittel abgegeben werden dürfen, müssen Apotheker zugegen sein. Die italienische Supermarktkette Coop hat bereits in drei Großfilialen die ersten »Corner della Salute« eröffnet und kann sich eigenen Aussagen zufolge nicht über Personalmangel beklagen. Rund 300 Produkte bietet Coop mit einem Durchschnittsrabatt von 25 Prozent an; bis 2007 will die Kooperative in 150 Märkten OTC-Punkte eröffnen.

 

Coop hatte die Öffnung des restriktiven italienischen Apothekenmarktes aktiv vorangetrieben. Die Associazione Nazionale Cooperative di Consumatori, die als landesweiter Dachverband die politischen und strukturellen Belange der Kooperative regelt, hatte unter Verbrauchern und Coop-Mitgliedern mehr als 300.000 Unterschriften für die Liberalisierung des Arzneimittelgeschäfts gesammelt.

 

Kampf um Anteile

 

In Großbritannien dürfen Supermärkte mit eigener Arzneimittelabteilung seit 2003 sogar das Komplettsortiment an Arzneimitteln beliefern. Insbesondere im wettbewerbsintensiven OTC-Bereich machen die Giganten Tesco, Sainsbury, WM Morrison und Asda den inhabergeführten Apotheken seit Jahren Marktanteile abspenstig. So stagnierte der Absatz mit OTC-Produkten laut IMS Health in den Einzelapotheken im vergangenen Jahr; auch Kettenapotheken wie Lloyds oder Phoenix-Tochter Rowlands machten nur 2,6 Prozent gut. Stattdessen verZGzeichneten die Instore-Apotheken der großen Lebensmitteldiscounter Zuwächse von 8 Prozent.

 

Im Januar dieses Jahres verkauften die 500 Supermärkte mit Apotheke erstmals in der Geschichte sogar mehr OTC-Produkte als die 4000 Kettenfilialen: Mit einem Plus von 8 Prozent brachten es die Einzelhandelsriesen auf einen Marktanteil von 31 Prozent. Die Kettenapotheken hielten 29 Prozent des OTC-Marktes; die knapp 6000 unabhängigen Apotheken hatten einen Anteil von 40 Prozent.

 

Preis gegen Qualität

 

Tatsächlich steht bei der Öffnung des OTC-Marktes eher das Interesse großer Handelskonzerne als das der Verbraucher im Vordergrund. Denn neben dem Preis- ist bei den Verbrauchern auch ein ausgeprägtes Qualitätsbewusstsein zu beobachten.

 

Dass Kunden von Supermarktapotheken ein höheres Preisbewusstsein an den Tag legen als die Klientel regulärer Apotheken, hier liegen Ketten- und Einzelapotheken gleich, belegt eine Umfrage unter 400 britischen Apothekenkunden, die IMS im März durchgeführt hat. 70 Prozent der Kunden von Instore-Apotheken nannten den Preis als ausschlaggebendes Kriterium für ihren Einkaufsbesuch; bei den öffentlichen Apotheken hatte nur die Hälfte der Kunden dem Preis eine entscheidende Rolle zugestanden. Allerdings kämpfen die Supermärkte trotz ihres meist nachweislich niedrigeren Preisniveaus erstaunlich oft mit Enttäuschungseffekten: Die Preiszufriedenheit der Kunden lag bei den Supermärkten mit 40 Prozent unter dem Durchschnitt der herkömmlichen Apotheken, wo zwischen Erwartung und Bestätigung keine derartige Lücke klaffte.

 

Apotheken beraten besser

 

Bereits 2004 hatte eine Umfrage an 1000 Verbrauchern dezidiert Aufschluss über die Einkaufsgewohnheiten der OTC-Kunden gegeben: Hinsichtlich der Beratung bescheinigten die Kunden den inhabergeführten Apotheken das beste Ergebnis. Supermarktapothekern wurde hier kaum Kompetenz zugesprochen ­ und das obwohl die Supermarktapotheker in der öffentlichen Diskussion gerne darauf hinweisen, dass sie, anders als ihre Kollegen in regulären Apotheken, keine Shampoos und Kosmetika verkaufen müssen, sondern sich auf ihre pharmazeutischen Berufsinhalte konzentrieren können. Dagegen konnten die Lebensmitteldiscounter vor allem bei den Öffnungszeiten punkten. Auch was die Bequemlichkeit betraf, lagen die Supermärkte vorne. Hier schätzten die Kunden vor allem die Möglichkeit, parallel zur Vorbereitung der Belieferung durch den Apotheker weiter einkaufen zu können. Erstaunlich wenig positiv wurden in dieser Hinsicht die Drogeriemärkte bewertet. Allerdings wurde Boots und Superdrug das größte OTC-Sortiment zugesprochen; hier lagen Apotheken und Supermärkte in etwa gleichauf. Zwar müssten die Discounter eigentlich nicht wie Einzelapotheken mit begrenzten Regalkapazitäten auskommen; tatsächlich spiegelt die Kundeneinschätzung jedoch die typische Sortimentsstruktur der einzelnen Vertriebskanäle wider.

 

So halten britische Kettenapotheken auf durchschnittlich 240 Quadratmetern etwa 630 verschiedene Produkte vorrätig; typische Einzelapotheken bieten auf 200 Quadratmetern im Durchschnitt 590 unterschiedliche Artikel an. Das Arzneimittelsortiment der Drogeriemärkte, deren Apothekenbereich stark variieren kann, umfasst etwa 760 OTC-Produkte. Die Supermärkte bieten dagegen in der Regel nur 500 Produkte an; meist ist der Verkaufsbereich auf 150 bis 220 Quadratmeter beschränkt.

 

Weil die kleinen Einheiten, selbst im Kooperations- oder Kettenkorsett, der Marktmacht der Giganten nur ihre besondere Beratungsleistung entgegenzusetzen haben, gehen Experten langfristig von einer zunehmenden Aufspaltung des Pharmamarktes in einen discountorientierten OTC- und einen apothekendominierten Rezeptbereich aus. Unterdessen gehen die Supermarktbetreiber bereits mehrere Schritte weiter: Nach amerikanischem Vorbild will die Nummer zwei der Branche, J Sainsbury, eigene Arztpraxen in ihren Filialen einführen. Mitbewerber Tesco will seinerseits Anwaltskanzleien eröffnen.

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