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Multimodale Therapie

Bilder können Schmerzen lindern

02.09.2015
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Von Ulrike Abel-Wanek / Fotos vom Geburtstag des Enkels oder der Hochzeit der Tochter schaut man sich immer wieder gerne an. Dass der Blick auf die Bilder geliebter Menschen nicht nur Freude auslöst, sondern sogar schmerzlindernde Wirkung hat, zeigt eine klinische Studie.

In Deutschland leben laut Deutscher Schmerzgesellschaft rund 12 Millionen Menschen mit chronischen Schmerzen. Die sogenannte multimodale Therapie gilt als wichtigster Ansatz für die Behandlung, das heißt, medikamentöse und nicht-medikamentösen Maßnahmen werden bei der Behandlung kombiniert. Zu den nicht-medikamentösen Behandlungsmethoden gehören unter anderem Entspannungsmodule, die kognitive Verhaltenstherapie, Achtsamkeitstraining oder Physiotherapie. In einer gemeinsamen klinischen Studie kamen das Schmerzzentrum des Roten-Kreuz-Krankenhauses in Kassel, die Universität Göttingen und das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf nun zu dem Ergebnis, dass auch das Betrachten von Fotos Patienten mit Dauerschmerz helfen kann.

88 stationäre Schmerzpatienten des Roten-Kreuz-Krankenhauses nahmen an der Studie teil. »Wir haben diese Patienten in drei Gruppen unterteilt«, so Dr. Andreas Böger, Studienleiter und Chefarzt des Kasseler Schmerzzentrums. Während die erste Gruppe ausschließlich die multimodale Therapie erhielt, sah sich die zweite zusätzlich zum Beispiel schöne Naturaufnahmen an. »Die dritte Gruppe betrachtete Bilder von ihren Liebsten«, so Böger. Da die digitalen Fotos, die auf Tablets hochgeladen wurden, angenehme Gefühle auslösen sollten, wurde vorher abgeklärt, um welche Angehörigen es sich dabei handeln sollte – ob Kind, Enkel­kind oder Lebenspartner.

 

Drei Mal wöchentlich über einen Zeitraum von vier Wochen schauten die Probanden auf die Fotos. Unmittelbar danach wurde ein einfacher Fragebogen ausgefüllt. Die Auswertungen ergaben, dass die positiven Effekte bei den Patienten am größten waren, die die Bilder von Angehörigen betrachtet hatten – vor allem bei den Parametern Schmerzstärke und Depression. »Es hat einen Effekt, Bilder anzuschauen. Und es hat größere Effekte, Bilder von netten Angehörigen anzusehen als beispielsweise einen Wald oder eine Wiese«, so der Studienleiter. Er und sein Team entwickelten das Projekt »Kraft der Bilder« aus einem Grundlagen-Forschungsprojekt der Professorin Naomi Eisenberger von der Universität Los Ange­les.

 

Rund 4000 Schmerzpatienten kommen jedes Jahr ins Rote-Kreuz-Krankenhaus nach Kassel, davon etwa 10 Prozent mit chronischen Kopfschmerzen, 50 Prozent mit Rückenschmerzen, zudem gibt es weitere Schmerzbilder wie die Polyneuropathie oder Morbus Sudeck. Etwa 1000 Patienten werden stationär aufgenommen.

 

Aufgrund der positiven Ergebnisse wurde das Projekt als weiteres Modul zur Schmerzbekämpfung in Kassel in den Klinikalltag übernommen. Neben dem normalen multimodalen Behandlungsprogramm gibt es nun eine Gruppe, die zusätzlich Fotos von Angehörigen betrachtet – nur ohne Kontrollgruppe. »Wir haben im Rahmen der Studie gesehen, dass sich die Kraft der Bilder für wissenschaftliche Untersuchungen einsetzen lässt und dass es einen schmerzlindernden Effekt gibt, der über das bloße Hinstellen eines Fotos hinausgeht«, so Böger. Auf Sicht ließen sich mithilfe der Bildbetrachtungen vielleicht sogar Medikamente einsparen. Allerdings sei die Untersuchung von Langzeiteffekten nicht Gegenstand dieser Studie gewesen. Das Forscherteam wartet nun auf die Publikation der Studie, die eine Doktorandin aus Göttingen in Kürze veröffentlichen will. /

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