Pharmazeutische Zeitung online
Kathrin Vogler

»Apotheker können viel mehr«

30.08.2017
Datenschutz bei der PZ

Von Stephanie Schersch und Ev Tebroke, Berlin / Die Linke will den Heilberuf Apotheker stärken und würde den Versandhandel mit Arzneimitteln am liebsten ganz abschaffen. Im Interview mit der PZ erklärt ihre gesundheitspolitische Sprecherin Kathrin Vogler, wo Apotheker künftig mehr Aufgaben übernehmen sollen und wie ein Ende der Rabattverträge ohne finanzielle Einbußen für die Krankenkassen möglich wäre.

PZ: Spätestens seit dem Nein der FDP zum Fremdbesitzverbot ist die Bezeichnung Apothekerpartei neu zu vergeben. Wären Sie interessiert?

Vogler: Wichtiger wäre es uns, die Patientenpartei zu sein. Aber da, wo sich unsere Forderungen mit den Interessen der Apotheker decken, freuen wir uns, diese ebenfalls vertreten zu können.

 

PZ: Einige Ihrer Forderungen sprechen den Apothekern tatsächlich aus der Seele. Eine Beschränkung des Versandhandels mit Arzneimitteln fordert die Linke nicht erst seit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) aus dem vergangenen Herbst. Was stört Sie an Versandapotheken?

 

Vogler: Wir sind der Auffassung, dass der Versandhandel eine große Gefahr für die Arzneimitteltherapiesicherheit darstellt. Denn im Versandhandel müssen die Patienten aktiv nachfragen, um beraten zu werden. In der Apotheke wird die Beratung hingegen aktiv angeboten. Versandapotheken sind unserer Meinung nach eine Gefahr für die flächendeckende Arzneimittelversorgung, weil kleinere Apotheken aufgrund des Konkurrenzdrucks schließen müssten. Wir sehen bereits heute, wie der Versandhandel den Einzelhandel beeinflusst hat. Kleinere Innenstädte veröden, viele Waren bekommt man nicht mehr vor Ort. Bei Schuhen oder TV-Geräten mag das gehen, aber nicht bei lebenswichtigen Gütern wie Arzneimitteln. Ich sehe auch nicht, wie Versandapotheken Wochenend- und Feiertagsdienste sicherstellen sollen.

 

PZ: Im Wahlprogramm ist nicht explizit von einem Rx-Versandverbot die Rede. Vielmehr heißt es dort, man wolle den Versandhandel »so weit wie möglich beschränken«. Was ist damit gemeint?

 

Vogler: Wir halten auch den Versand im OTC-Bereich für kritisch, wissen aber, dass der nicht mehr rückgängig zu machen ist. Auch verschreibungsfreie Medikamente haben Missbrauchspotenzial. Wir sind grundsätzlich für ein Rx-Versandverbot. Wenn es die Möglichkeit gäbe, auch den OTC-Versand zu verbieten, würden wir das ebenfalls tun.

 

PZ: Neben der Linkspartei plädiert nur die Union für eine Begrenzung des Arzneimittelversands. SPD und Grüne setzen stattdessen auf gedeckelte Boni beziehungsweise ein Höchstpreismodell, um auf das EuGH-Urteil zu reagieren. Können Sie sich vorstellen, eines dieser Konzepte im Falle einer Koalition mitzutragen?

 

Vogler: Beide Konzepte überzeugen mich nicht. Sie beinhalten keine Lösung, sondern lediglich eine Aufschiebung des Problems. Wenn wir im Rx-Bereich den Preiswettbewerb eröffnen, werden wir Verdrängungseffekte haben. Der Versandhandel wird sich ausbreiten, da er den Kunden ganz andere Preise bieten kann als die kleine Dorf­apotheke. Daher bin ich sehr für die Verteidigung der Arzneimittel-Preisbindung. Und die Zeit drängt, das wird sehr deutlich, wenn man sich zum Beispiel die rasante Umsatzentwicklung von Doc Morris seit dem EuGH-Urteil anschaut. Das Rx-Versandverbot muss so schnell wie möglich kommen.

 

PZ: Sie wollen den heilberuflichen Charakter des Apothekerberufs wieder stärken. In Zeiten, in denen bürokratische Pflichten wie die Rabattverträge die Arbeit der Apotheker bestimmen, wird das allerdings nicht leicht.

 

Vogler: Man kann den bürokratischen Aufwand in vielen Bereichen reduzieren und so Luft schaffen für Beratungstätigkeit und Einbeziehung der Apotheker in die Prävention. Die Rabattverträge möchten wir am liebsten abschaffen. Zumindest müsste es aber eine gesetzliche Pflicht für Krankenkassen geben, jeweils mehreren Herstellern den Zuschlag zu erteilen. Auch sollte es für Chroniker Jahres- oder Halbjahresrezepte geben, die an Hausapotheken gebunden sind. Diese könnten dann im pharmakologischen Bereich die Beratung und Betreuung der Patienten übernehmen. Das würde sowohl Patienten als auch Ärzte entlasten.

 

PZ: Ein Ende der Rabattverträge würde die Krankenkassen alarmieren. Allein 2016 haben sie damit rund 3,9 Milliarden Euro an Arzneimittelkosten gespart. Wie wollen Sie diese Summe auffangen?

 

Vogler: Wir wollen ein Preisbildungsinstrument einführen, das diese Einsparungen ebenfalls erzielt, aber nicht wettbewerbsorientiert bei den Krankenkassen ansetzt. In Zukunft sollten für bestimmte Wirkstoffe Maximalpreise festgelegt werden. Der Apotheker könnte dann jedes Präparat abgeben, das zu diesem Preis verfügbar ist. Zugleich sollten Ärzte keine konkreten Präparate, sondern Wirkstoffe verschreiben. Sparen können wir zudem im Bereich der neuen patentgeschützten Medikamente. Nach wie vor dürfen Hersteller die Preise für ihre Präparate im ersten Jahr nach Markteinführung frei bestimmen. In Zukunft sollten die verhandelten Erstattungspreise daher rückwirkend ab dem ersten Tag gelten.

 

PZ: Zurzeit wird viel über eine grundsätzliche Neuordnung des Apothekenhonorars diskutiert. An welcher Stelle sollte eine Reform Ihrer Meinung nach ansetzen?

 

Vogler: Ich könnte mir vorstellen, Apotheker künftig explizit dafür zu bezahlen, dass sie keine Medikamente abgeben. Zurzeit hängt die Vergütung der Apotheker vor allem an der Arzneimittelpackung. Ein Apotheker handelt unwirtschaftlich, wenn er einem Patienten mit Polymedikation dazu rät, eines seiner zahlreichen Präparate in Zukunft nicht mehr einzunehmen. Genau das ist aber eine wichtige Zukunftsaufgabe der Apotheker.

Sie können viel besser als der Arzt die Medikamente in der Zusammenschau bewerten. In der Vergütung spiegelt sich das bislang überhaupt nicht wider. Auch in der Prävention können wir Apotheker bei entsprechender Honorierung stärker einsetzen. Zudem brauchen wir ein breit angelegtes Programm zur Bekämpfung von Arzneimittelabhängigkeit. Hier sollten Apotheker natürlich eine Schlüsselrolle übernehmen. Ich denke, Apotheker können viel mehr, als man ihnen bislang zutraut.

 

PZ: Bleiben wir beim Geld. Arzneimittelforschung werten Sie als öffentliche Aufgabe, Patente müssen nach Meinung der Linken daher grundsätzlich abgeschafft werden. Die Hersteller würden das vermutlich als eine Form der Enteignung verstehen. Wie stellen Sie sich das vor?

 

Vogler: Wir brauchen sehr viel mehr industrieunabhängige Pharmaforschung, um mehr Patente in öffentliche Hand zu bekommen. Öffentliche Forschung sollte er dort geben, wo es einen dringenden Bedarf gibt, zum Beispiel im Bereich der Antibiotika, die wirtschaftlich uninteressant sind für Pharmaunternehmen. Letztlich geht es darum, zu einer Forschung zu kommen, die im Interesse der Versorgung ist.

 

PZ: Die Linke fordert schon lange eine Positivliste für Arzneimittel. Wer soll anhand welcher Kriterien entscheiden, welche Präparate auf die Liste kommen?

 

Vogler: Ich könnte mir vorstellen, dass der Gemeinsame Bundesauschuss in Zusammenarbeit mit einem wissenschaftlichen Beirat diese Aufgabe übernimmt. Eine Positivliste ist ein sinnvolles Instrument zur Qualitätssicherung. Gerade neue Medikamente werden häufig als große Innovationen verkauft und erst später entstehen Zweifel an Wirksamkeit und Evidenz. Zu diesem Zeitpunkt haben sich die Präparate aber bereits auf dem Markt etabliert.

 

PZ: Kritiker sehen in der Positivliste eine Form der Rationierung. Können Sie das nachvollziehen?

 

Vogler: Nicht wirklich. Wir haben in Deutschland circa 60 000 zugelassene Präparate auf dem Markt. Das kann selbst der klügste Arzt oder Apotheker nicht überschauen. Die Positivliste ist daher ein gutes Instrument, um die evidenzbasierte Therapie zu stärken.

 

PZ: Mit Einführung der sogenannten solidarischen Gesundheitsversicherung will die Linke die private Vollversicherung langfristig abschaffen. Das soll für mehr Gerechtigkeit sorgen. Wer möchte und das nötige Kleingeld besitzt, kann sich allerdings auch nach einer solchen Umstellung eine bessere Versorgung über private Zusatzversicherungen einkaufen. Führt dieser Weg damit nicht erst recht in eine Zwei-Klassen-Medizin?

 

Vogler: Es kommt ja darauf an, welche Leistungen man zusätzlich versichern kann. Ein Einzelzimmer im Krankenhaus ist aus meiner Sicht eine Luxusleistung, die nicht zu einer Zwei-Klassen-Medizin führt. Mir geht es darum, dass die gesamte Bevölkerung Zugang zu einer hochwertigen und qualitätsgesicherten Gesundheitsversorgung hat. Dazu zählen auch grundlegende Leistungen wie Sehhilfen oder Zahnersatz, die in der solidarischen Gesundheitsversicherung künftig wieder ohne Zuzahlungen voll erstattet werden sollen.

 

PZ: Stellen Sie sich vor, Sie hätten drei Wünsche beim nächsten Gesundheitsminister frei. Was würden Sie umgehend einfordern?

 

Vogler: Erstens die Einführung der solidarischen Gesundheitsversicherung, zweitens das Versandhandelsverbot für rezeptpflichtige Arzneimittel und drittens ein Tabakwerbeverbot auf Außenflächen. /

Mehr von Avoxa