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Äskulapnatter

Schlange der Apotheker

29.08.2016
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Von Sven Siebenand, Schlangenbad / Das Apotheken-A mit der darauf abgebildeten Schlange ist ein ständiger Begleiter im Berufsalltag. Einer echten Äskulapnatter sind die meisten wohl noch nicht begegnet. Die PZ hat sich um ein Treffen bemüht, um die unbekannte Bekannte vorzustellen. Nicht »Kobra, übernehmen Sie«, sondern »Natter, komm zeig dich mal« hieß es beim Orts­termin an einem Komposthaufen im Rheingau-Taunus-Kreis.

Normalerweise liebt die Äskulapnatter südliche Gefilde und lebt häufiger in Mittelmeerländern wie Spanien, Frankreich, Italien sowie in Griechenland und der Türkei.

Das Gebiet um den hessischen Ort Schlangenbad zählt zu den wenigen Regionen Deutschlands, in denen das gelblich-braune bis grau-schwarze Reptil auch hierzulande unter anderem an südexponierten Trockenhängen, in Bachtälern und Laubwäldern sowie auf Streuobstwiesen und in Steinbrüchen ansässig ist. Noch. Denn durch den Menschen verursachte Lebens­raum­veränderungen, durch den Straßenverkehr und auch intensive Mäharbeiten sind diese Tiere stark bedroht. Feind Nummer eins ist also der Mensch und nicht die natürlichen Feinde wie Greifvögel und Störche.


Streng geschützt

 

»Auf einer Fläche von etwa 100 Quadratkilometern schlängeln sich hier konservativ geschätzt etwa 10 000 Exemplare«, sagt Annette Zitzmann. Die Biologin von der Arbeitsgemeinschaft Amphibien- und Reptilienschutz in Hessen (AGAR) informiert, dass die Äskulapnatter durch eine Naturschutz-Richtlinie der EU in allen Mitgliedstaaten streng geschützt ist. Sie ist in der sogenannten Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie im Anhang IV genannt. In dieser Liste sind Tier- und Pflanzenarten aufgeführt, die unter dem besonderen Rechtsschutz der EU stehen, weil sie selten und schützenswert sind. Damit sind auch der Bund und das Land Hessen in der Pflicht, sich für den Fort­bestand der Art einzusetzen und den Bestand zu kontrollieren.

Dabei spielen spezielle Komposthaufen eine wichtige Rolle. Naturschützer haben diese an vielen Stellen im Wald, an Böschungen oder am Wegesrand von Feldern aufgestellt. Die Haufen dienen den Nattern zur Ei­ablage. »Da sie die Eier nicht bebrüten, sind solche Plätze mit leicht feuchter Gärwärme ideale Orte für die Weibchen, um ihre acht bis 15 Eier pro Saison abzulegen«, so Zitzmann.

 

Die Paarungszeit beginnt im Mai und die Eiablage findet meistens im Juli und August statt. Der im Vergleich zu ausgewachsenen Tieren auffälliger gekennzeichnete und heller gefärbte Nachwuchs schlüpft im August und September. Anhand der Eischalen kann später hochgerechnet werden, wie viele Jungtiere geschlüpft sind. Das gibt den Wissenschaftlern einen Hinweis auf den Bestand der Population.

 

Mattenlager für Reptilien

 

Die Komposthaufen dienen den Tieren nicht nur zur Eiablage. Sie eignen sich auch als Versteck und behaglicher Aufenthaltsraum. Nicht nur, um den Bestand zu kontrollieren, sondern auch um Interessierten Nattern präsentieren zu können, steuert Zitzmann daher schnurstracks diese »Massen-Unterkünfte« an, denn zum Beispiel auch andere Schlangen und Eidechsen halten sich dort gerne auf. So entdeckt Zitzmann im ersten Wohnheim einige Blindschleichen. »Das Wetter ist heute sehr warm, viele Tiere sind außer Haus unterwegs«, schraubt Andreas Malten von AGAR und dem Forschungsinstitut Senckenberg die Hoffnungen auf einen Schlangenfund zurück.

Am zweiten Komposthaufen dann aber ein Volltreffer. Unter einer Gummimatte, die von den Wissenschaftlern ausgelegt wurde, um auch für trockene Stellen zu sorgen, entdeckt Zitzmann eine Äskulapnatter. Das Tier tritt die Flucht an, doch die Biologin ist flinker und greift sich das Reptil. »Stopp, Kontrolle!«, könnte man sagen.

 

Längste Schlange in Deutschland

 

Mit einem Lesegerät fährt sie über die Schlange hinweg. Nichts passiert. »Die ist neu«, folgert Malten. Etwa 600 Exemplare haben die Wissenschaftler bereits am Schwanzende mit einem subkutanen Chip ausgestattet, um die Population besser im Blick zu haben. Dieses Tier trägt aber noch keinen Chip, kann sich sozusagen noch nicht ausweisen. Malten setzt der Schlange deshalb per Injektion einen Chip unter die Haut ein.

Ebenso bestimmt er vorsichtig die Länge des Reptils und wiegt das Tier: 72 Zentimeter und rund 70 Gramm. Der Biologe schätzt das Tier auf ein Alter von drei Jahren. »Ausgewachsene männliche Äskulapnattern können locker 150 Zentimeter lang sein, Weibchen sind etwas kleiner«, informiert Malten. Das längste um Schlangenbad gesichtete Exemplar maß 185 Zentimeter. Zamenis longissimus, so der wissenschaftliche Name der Schlange aus dem Apothekersymbol, trägt seinen Namen also völlig zu Recht. Es handelt sich laut Zitzmann um die mit Abstand längste einheimische Schlangenart.

 

Völlig ungiftig

 

Beim Assistieren und Halten der Schlange beißt mich das nervöse Tier ein-, zweimal in den Finger. Mehr als ein leichtes Zwicken ist aber nicht zu spüren und ein Antiserum ist auch nicht vonnöten, da die Äskulapnatter völlig ungiftig und ungefährlich ist. Letzteres gilt natürlich nur aus Sicht eines Menschen. Auf dem Speiseplan der Schlange stehen vor allem Mäuse. Wie eine Python erdrosselt die Natter ihre Beute. Auch kleine Vögel sind für die Würgeschlange ein gefundenes Fressen, wie Malten informiert. Denn im Gegensatz zur Ringelnatter sei die Äskulapnatter eine hervorragende Kletterkünstlerin auf Bäumen.

Symbole der Gesundheit

Asklepios (auch Äskulap genannt) ist der Gott der Heilkunde in der griechischen Mythologie. Dargestellt wird er häufig mit einem Stab, um den sich eine Schlange, die sogenannte Äskulapnatter, windet. Heute ist der Äskulapstab Symbol für den ärztlichen Beruf.

 

Im Apotheken-A windet sich die Schlange um einen Kelch. Dabei handelt es sich um die Schale der Hygieia. Diese ist in der griechischen Mythologie die Göttin der Gesundheit und gilt als Schutzpatronin der Apotheker. Auch das Wort Hygiene wird vom Namen der Göttin abgeleitet. Dargestellt wird Hygieia meist mit einer aus einer Schale trinkenden Schlange. Da Hygieia eine Tochter von Asklepios ist, liegt es nahe, dass es sich hierbei wieder um die Äskulapnatter handelt. Hygieias Schale ist mit reinem Wasser oder Nahrung gefüllt und soll Gesundheit symbolisieren. Damit kann man argumentieren, dass es sich bei der Schale im Apotheken-A eher nicht um eine Waagschale oder – in Anbetracht der toxischen Substanzen, mit denen Apotheker zu tun haben – um einen Giftkelch handelt. In die heutige Zeit würde diese Interpretation auch viel besser passen. Apotheken sollten doch als Ort der Gesundheit wahrgenommen werden.

Apropos Ringelnatter: Unter den Matten eines anderen Komposthaufens entdecken die Biologen ein Exemplar dieser Art. Normalerweise dreht sich die Ringelnatter bei Gefahr auf den Rücken und stellt sich tot. »Indem sie Blutstropfen aus dem Maul tropfen lässt, wird dieses Schauspiel noch überzeugender«, berichtet Zitzmann. Auf derartige Sperenzien hat das entdeckte Tier aber keine Lust. Stattdessen tut es das, was andere Artgenossen in solchen Situationen immer machen. Es lässt zur Abwehr aus der Kloake ein übel riechendes Sekret ab – Buttersäure ist dagegen noch ein Parfum! Kooperativer und journalistenfreundlicher verhält sich die nächste entdeckte Äskulapnatter. Wie man es vom Apotheken-A kennt, windet sich die Schlange um einen dicken Ast und stellt für Fotoaufnahmen einen Äskulap­stab nach.

 

In und um Schlangenbad leben die Bewohner friedlich mit den Nattern zusammen. In den Komposthaufen vieler Gärten legen die Weibchen ihre Eier ab. Auch in Scheunen und auf Dachböden findet die Schlange Unterschlupf und hält dadurch zum Beispiel Mäuse und Ratten fern. »Eine entdeckte Schlange lockt hier keinen mehr hinter dem Ofen hervor«, so Zitzmann. Was die Biologin aber kürzlich in einer Küche hervorlockte, war eine Äskulapnatter – nicht hinter dem Ofen, sondern aus einer Dunstabzugshaube. /

Spenden

Die Arbeitsgemeinschaft Amphibien- und Reptilienschutz in Hessen (AGAR) ist ein Zusammenschluss von Naturschützern und Fachleuten, die sich dem Schutz der in Hessen heimischen Amphibien- und Reptilienarten sowie ihrer Biotope verschrieben haben. AGAR plant und initiiert Schutzvorhaben und setzt diese um beziehungsweise begleitet sie fachlich.

 

Der Verein und die Schlange der Apotheken, die Äskulapnatter, freuen sich über jede Spende: AGAR, BIC: GENODEF1RDB, IBAN: DE96506636990001042917, Raiffeisenbank Rodenbach

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