Pharmazeutische Zeitung online
Easy-Apotheke

Konsequent auf Discount

09.08.2007  09:58 Uhr

Easy-Apotheke

Konsequent auf Discount

Von Uta Grossmann, Berlin

 

Die Hauptstadt hat ihre erste Discount-Apotheke. Während sich Standesvertreter mit Grausen abwenden, schwanken eingesessene Apotheker in Lichterfelde zwischen Gelassenheit und Nervosität. Die Easy-Kollegin setzt derweil auf Schnäppchenjäger.

 

Nebenan der Lackdoktor, gegenüber Kaufland, ein paar Schritte weiter Plus und Burger King &#8211 in einem wenig heimeligen Gewerbegebiet in Lichterfelde wirbt die erste Berliner Easy-Apotheke seit dem letzten Julitag um Kundschaft. Der Werbeslogan »Das beste Mittel gegen teuer« zeigt, wo's langgeht: Discounter-Erscheinungsbild in Grün, Schilder mit Billigpreisen für rezeptfreie Arzneimittel, am Ausgang eine »Check-out-Kasse«. Waschlotion, Kondome, Vitamintabletten und andere frei verkäufliche Produkte werden wie im Drogeriemarkt präsentiert. Entsprechend erstaunt sind viele Kunden zu hören, dass sie hier auch Rezepte einlösen können.

 

Ein Kommissionierapparat sucht die Medikamente aus dem Lager, sodass das Personal nicht mehr nach hinten laufen muss. So soll mehr Zeit für Kundengespräche bleiben. Kostenpunkt für die Riesenmaschine: 100.000 Euro. Ein Labor gibt es auch. Es wirkt ziemlich unbenutzt, doch Inhaberin Elke Bohlen versichert, man habe schon »drei bis vier Salben gerührt«.

 

Die Easy-Apotheke entfernt sich sehr weit von Anspruch und Erscheinungsbild der durchschnittlichen deutschen Apotheke. Ablehnende Reaktionen von Kollegen und Berufsverbänden findet die Inhaberin Elke Bohlen übertrieben. »Ich tue ja nichts Illegales«, sagt sie. Die 39-jährige Apothekerin war vor ihrer Babypause in Apotheken in Dahlem und Steglitz angestellt. Nun hat sie sich selbständig gemacht und hofft, nach einer Anlaufphase nur noch Teilzeit arbeiten zu können, um Zeit für die drei und fünf Jahre alten Kinder zu haben.

 

Ermunterung zum Mehrverbrauch

 

Friedrich-Wilhelm Wagner erinnert die Easy-Apotheke an einen amerikanischen Drugstore. Der Geschäftsführer des Berliner Apotheker-Vereins, der die rund 870 Berliner Apotheken in wirtschaftlichen Belangen vertritt, ist alles andere als begeistert von der Discount-Methode der Hildesheimer Kooperationsgesellschaft. Ihm missfällt, wenn Gesundheitsprodukte, insbesondere Arzneimittel, »wie Waschpulver oder Geschirrspülmittel vermarktet« werden. Das Locken und Verführen mit niedrigen Preisen fördere die immer wieder kritisierte »Geiz-ist-geil-Mentalität« und ermuntere auch zum Mehrverbrauch; Arzneimittel würden zudem als Konsumwaren verharmlost. »Einigen wenigen geht es auch bei Arzneimitteln anscheinend vor allem ums Verkloppen und Geschäftemachen«, so Wagner. Das sei unter dem Gesichtspunkt des Verbraucher- und Patientenschutzes aber nicht sinnvoll.

 

Tatsächlich setzen die Easy-Macher konsequent auf Discount. Man strebt eine hohe Frequenz von 500 bis 1000 Käufern pro Tag an und bietet OTC- (over the counter) und Freiwahlprodukte zu Billigpreisen. Angestrebt sind durchweg zehn Prozent unter der Preisempfehlung des Herstellers, bei einzelnen Lockvogelangeboten bis zu 50 Prozent. Die nicht rezeptpflichtigen Produkte sollen 70 bis 80 Prozent des Umsatzes ausmachen. Üblicherweise liegt dieser Anteil bei etwa einem Drittel (PZ 31/2007, Seite 45), zwei Drittel des Apothekenumsatzes entstehen durch die Abgabe rezeptpflichtiger Arzneimittel.

 

Wie in Lichterfelde suchen die Easy-Macher Standorte mit billigen Mieten in Gegenden mit anderen Discountern und Großmärkten, die viel Kundschaft anlocken. An der Einrichtung wird ebenso gespart wie an Kundenzeitschriften und Geschenken. Es wird nur neu gebaut. »Wir switchen nicht mehr«, sagt Oliver Blume, Geschäftsführer der Easy-Apotheke-Kooperationsgesellschaft. Gemeint ist, dass bestehende Apotheken nicht in Easy-Discounter umgewandelt werden.

 

Das unterscheidet das Konzept nach Blumes Worten von der Billig-Apotheke DocMorris. In Berlin gibt es derzeit fünf DocMorris-Filialen: in Köpenick, Marzahn, Pankow, Wedding und Spandau. Alles Standorte weit weg von Lichterfelde, wo Elke Bohlen mit der grün-weißen Easy-Kapsel um Kundschaft wirbt. Ähnlich wie bei DocMorris zahlt sie eine monatliche Lizenzgebühr an Easy und nutzt im Gegenzug den einheitlichen Markenauftritt samt Logo und Marketing.

 

Oliver Blume ist Kaufmann und reklamiert für sich »das Thema Discount für die Apotheke erfunden« zu haben. Er stieg 2004 in den Vertrieb von Medikamenten über die Internetbörse E-Bay ein, aus der ein nach wie vor bestehender Versandhandel entstand. Im Februar 2006 eröffnete in Hannover die erste Easy-Apotheke in Deutschland. Jede Apotheke bleibt unter der Marke eigenständig und wird vom Eigentümer geführt &#8211 anderes wäre wegen des Fremd- und Mehrbesitzverbotes in Deutschland rechtlich auch nicht zulässig. Im Unterschied zu DocMorris will Easy nicht in das Kettengeschäft einsteigen, sollte der Europäische Gerichtshof dieses Verbot kippen. »Wir verstehen uns als Kooperationsverbund für unternehmerisch denkende Apotheker«, sagt Blume.

 

Da ihm pharmazeutische Fachkenntnis fehlt, betrachtet Blume Apotheker als Einzelhändler wie andere auch und glaubt, Kunden schauten beim Kauf von Arzneimitteln genauso wie im Elektro- oder Drogeriemarkt in erster Linie auf den Preis. Es wird sich zeigen, ob er hier nicht einer groben Fehleinschätzung unterliegt, denn Untersuchungen haben immer wieder gezeigt, dass die Verbraucher sich sehr wohl differenziert verhalten und die Qualifikation und individuelle Beratung der Apotheker zu schätzen wissen. Gesundheit ist eben keine Ware wie jede andere, die zu Schleuderpreisen zu haben ist.

 

Apotheker aus dem Stadtteil reagieren eher gelassen auf die neue Billig-Apotheke. Reinhard Fahrig ist Pächter der Laurentius-Apotheke in Lichterfelde. Er vertraut auf das Profil seiner Apotheke: »Wir sind sehr beratungsintensiv in den Bereichen Homöopathie und Anti-Aging«, sagt er. Auswirkungen der Discount-Konkurrenz habe er noch keine gespürt, auch von Kunden sei keinerlei Feedback gekommen.

 

Judit Gottwald hatte sich »zwei Minuten aufgeregt», als sie von der Easy-Apotheke hörte, doch inzwischen sagt sie: »Die Leute werden merken, dass sie nicht mehr Aspirin schlucken können, auch wenn es billiger ist.« Gottwald ist die Schwiegertochter des Inhabers der Lichterfelder Central-Apotheke. Sie übernimmt die Apotheke im Oktober und blickt optimistisch in die Zukunft. »Wir haben viele Stammkunden, die wegen der Beratung kommen, auch viele sehr kranke Patienten aus dem Benjamin-Franklin-Klinikum, die verstanden werden wollen und für die wir uns viel Zeit nehmen«, so Gottwald.

 

Seriosität contra Preisdumping

 

Norbert Bartetzko rechnet damit, dass er die Billig-Konkurrenz spüren wird. Doch auf einen Preiskampf will er sich nicht einlassen. Der Inhaber der Gertruden-Apotheke und Vizepräsident der Berliner Apothekerkammer setzt auf Seriosität und Beratungsqualität und sagt selbstbewusst: »Meine Kunden kriegen die nicht.«

 

Katja Forkel von der Linden-Apotheke, die am dichtesten dran ist an der neuen Konkurrenz, findet die Situation »natürlich nicht angenehm«. Die Politik der »absoluten Dumpingpreise« macht die Tochter des Inhabers und künftige Nachfolgerin nicht mit. »Thomapyrin-Kopfschmerztabletten wird es bei mir nicht billiger geben.« Als verantwortungsbewusste Heilberuflerin will sie keinen Anreiz zum unüberlegten Konsum von Schmerzmitteln bieten.

 

Easy beabsichtigt in Berlin nach Angaben von Geschäftsführer Blume dieses Jahr vier bis fünf, in den kommenden Jahren 20 Discount-Apotheken zu etablieren, langfristig 500 in ganz Deutschland. Am 17. August eröffnet die zweite Berliner Dependance in Hohenschönhausen.

Mehr von Avoxa