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Metaanalyse

Naschkatzen sind seltener dick

10.08.2016  09:04 Uhr

Von Christina Müller / Naschen macht dick – sollte man meinen. Das Gegenteil scheint aber der Fall zu sein. Bei Kindern und Jugend­lichen, die besonders viele Süßigkeiten verzehren, sinkt das Risiko für Übergewicht und Adipositas im Vergleich zur Referenzgruppe, ergab kürzlich eine Metaanalyse.

Die Autoren um Constantine Gasser von der Universität Melbourne schlossen in ihre Auswertung die Resultate aus elf Studien mit insgesamt mehr als 177 000 Teilnehmern ein, die zwischen 1990 und März 2015 publiziert worden waren. 

 

Dabei stellten sie fest, dass die Probanden mit dem höchsten Süßwarenkonsum 18 Prozent seltener übergewichtig oder adipös waren als ihre Alters­genossen – egal, ob sie Schoko­lade oder anderes Zuckerwerk bevorzugten. Bei Kindern und Jugendlichen, die pro Woche einmal mehr naschten als die Vergleichsgruppe, sank die Wahrscheinlichkeit für überschüssige Pfunde um 13 Prozent.

 

»Statt eines positiven Zusammenhangs zwischen Übergewicht und dem Konsum von Süßwaren zeigt unsere Auswertung einen umgekehrten Effekt«, fassen die Autoren zusammen. Das kam unerwartet, denn die Forscher hatten eigentlich mit einem anderen Ergebnis gerechnet. Um Adipositas zu bekämpfen, müssten Interven­tionen künftig möglicherweise andere diätetische Maßnahmen in den Fokus rücken als den Verzicht auf Süßig­keiten. /

 

Quelle

  • Gasser, C. E., et al.: Confectionery consumption and overweight, obesity, and related outcomes in children and adolescents: a systematic review and meta-analysis. American Journal of Clinical Nutrition, 2016, Vol. 103 No. 5. DOI: 10.3945/ajcn.115.119883.

Kommentar

Aufgrund der hohen Energiedichte von Süßigkeiten sind die Ergebnisse dieser Metaanalyse unerwartet. Die große Fallzahl, die systematische Vorgehensweise und die klare Fragestellung führen zwar zu einem eindeutigen Ergebnis, allerdings weisen die Autoren auf Schwächen hin, um Fehlinterpretationen zu vermeiden.

 

Die Metaanalyse fokussierte auf die Verzehrhäufigkeit von Süßigkeiten wie Schokolade und sonstige Süßwaren. Andere zuckerhaltige Lebensmittel wie zuckergesüßte Getränke wurden nicht berücksichtigt. Zudem wurde in den meisten Studien die durch Süßigkeiten konsumierte Energiemenge beziehungsweise die Gesamtenergiezufuhr nicht in die Analyse einbezogen.

 

Der negative Zusammenhang zwischen Süßwarenkonsum und Körpergewicht könnte der Tatsache geschuldet sein, dass Personen mit Übergewicht und Adipositas besonders anfällig für sogenanntes Underreporting sind. Zudem verzehren Kinder und Jugendliche mit Über­gewicht oder Adipositas Süßigkeiten als potenzielle Dickmacher möglicherweise bewusst seltener als ihre normalgewichtigen Altersgenossen (reverse causality). Ferner ist der prozentuale Anteil der Süßwaren an der Gesamtenergiezufuhr relativ gering. Es ist nicht auszuschließen, dass Kinder und Jugendliche die durch Süßwaren zugeführte Zuckermenge (4 kcal/g) durch eine geringere Fettaufnahme (9 kcal/g) kompensieren.

 

Die Ursachen von Übergewicht und Adipositas sind multifaktoriell, wobei nur eine positive Energiebilanz zu einer Gewichtszunahme führen kann. Süßigkeiten weisen eine sehr hohe Energiedichte auf und sollten somit das Gewichtsmanagement erschweren. Eine alleinige Betrachtung des Süßwarenkonsums als Ursache für Übergewicht und Adipositas – wie in Gasser et al. – lässt keine klare Schlussfolgerung zu. Am Ende zählt immer die gesamte Energiebilanz, die sich aus Energiezufuhr sowie Energieverbrauch zusammensetzt.

 

Julia Weigl 

Dr. Christina Holzapfel 

Technische Universität München 

Klinik für Ernährungsmedizin 

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