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Gedächtnis

Suche nach dem Ich

06.08.2014  09:39 Uhr

Von Nicole Lücke / Wer vergesslich wird, den beschleicht gleichzeitig die Angst, dass mit den Erinnerungen auch die eigene Identität verloren gehen könnte. Das Gedächtnis ist unser Zusammenhalt, es ist die Basis für Handlungen und Gefühle – und es unterliegt vielen Einflüssen.

Zunehmende Vergesslichkeit gehört zum normalen Alterungsprozess, aber sie macht vielen Menschen mehr Angst als lebensbedrohliche Krankheiten wie Herzinfarkt oder Krebs. Die Angst vor dem Vergessen ist immer auch die Angst davor, nicht mehr zu wissen, wer man ist. »Man muss erst beginnen, sein Gedächtnis zu verlieren, und sei’s nur stückweise, um sich darüber klar zu werden, dass das Gedächtnis unser ganzes Leben ist«, schreibt Luis Bunuel in seinem halbbiografischen Buch »Mein letzter Seufzer«.

Bestimmen Erinnerungen die Persönlichkeit, oder ist es vielleicht sogar umgekehrt? Dass der Charakter Einfluss auf das Gedächtnis nimmt, meint Edgar Heineken, Psychologieprofessor an der Universität Duisburg-Essen: »Manche Menschen haben eine positive Grundeinstellung«, sagt der Gedächtnisforscher. »Die versuchen, selbst in negativen Situationen noch etwas Gutes zu finden und speichern Erlebnisse entsprechend ab. Nach einem verregneten Urlaub denken sie zum Beispiel daran zurück, wie gut trotzdem alles mit den Kindern geklappt hat.« Die schlechten Erinnerungen seien zwar vorhanden, würden aber seltener abgerufen. Andere Menschen verdrängen wiederum positive Erlebnisse. Diese Sichtweise sei vermutlich Veranlagung. An was man sich erinnert, sei auch abhängig davon, ob jemand eher positiv oder negativ gestimmt durchs Leben geht.

 

Hinzu kommt: Das Gehirn speichert Erlebnisse nicht eins zu eins ab. Unbewusst legen wir fest, in welche Richtung vermeintliche Erinnerungen verändert werden. »Das Gedächtnis ordnet Erinnerungen ein. Dabei schließt es Lücken oder wandelt Informationen so ab, dass sie besser zueinander passen«, sagt Heineken. Ein Dialog, den wir in einem Film sehen, wird zum Beispiel automatisch mit vorhandenem Wissen verknüpft. Das Gehirn tausche Wörter aus und ändere den Sprachstil. Später glaubt man dann, sich exakt an das Gespräch erinnern zu können. Erst wenn man den Film erneut sieht, erkennt man meistens erhebliche Abweichungen.

 

Identität entsteht durch Erinnerungen, die wiederum durch Veranlagung und Vorwissen selektiert und abgewandelt werden. Und auch äußere Einflüsse spielen eine Rolle, wie Wissenschaftler der amerikanischen Johns Hopkins University feststellten. Probanden fiel es deutlich schwerer sich etwas zu merken, wenn gleichzeitig irrelevante Informationen auftauchten. Von einer Liste mit Begriffen konnten sich Studienteilnehmer, die älter als 60 Jahre waren, zum Beispiel problemlos zwei Drittel der Wörter merken. Das sah anders aus, als sie eine neue Liste bekamen, auf der auch einige Begriffe standen, die sie nicht auswendig lernen sollten und die entsprechend gekennzeichnet waren. Von den relevanten Wörtern fiel ihnen später nicht einmal mehr jedes zweite ein. Das heißt: Je größer die Fülle an Informationen ist, die unser Gehirn als unwichtig einstuft, desto weniger speichert es auch die wichtigen Daten ab. Dieser Umstand nimmt im Alter zu.

 

Damit nicht genug. Wenn jemand fest daran glaubt, eine bestimmte Erinnerung zu haben, kann das Gehirn diese neu erschaffen. Das hat eine Forschergruppe um Lawrence Patihis von der Universität in Kalifornien herausgefunden. Die Wissenschaftler sprachen mit Testpersonen über einen angeblichen Flugzeugabsturz und baten die Studienteilnehmer, alle Details über dieses Unglück zu erzählen, die sie aus den Nachrichten erfahren hatten. Tatsächlich zählten die Befragten eine Menge Einzelheiten auf, an die sie sich zu erinnern glaubten. In Wahrheit hatte der Flugzugabsturz jedoch nie stattgefunden. Die Forscher hatten das Ereignis für den Test erfunden. Sie glauben, dass es zu »Erinnerungen« der Testpersonen gekommen sei, weil das Gehirn fehlende Informationen selbstständig auffülle.

 

Es sind im Wesentlichen die Erinnerungen, die uns ausmachen. Aber das Lebensumfeld, unser Wissen und nicht zuletzt die Veranlagung beeinflussen das Gehirn dabei, was es abspeichert. Das Gewicht entscheidender Erinnerungen liegt dabei auf der ersten Lebenshälfte. Speziell die Zeitspanne zwischen 15 und 30 Jahren war deutlich überrepräsentiert, als die kalifornischen Wissenschaftler Menschen nach Erlebnissen aus ihrem Leben befragten. Sie schließen daraus, dass diese Zeit für die Identitätsbildung von zentraler Bedeutung ist. /

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