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Kindliche Entwicklung

Sexualität sollte kein Tabu sein

05.08.2014  14:49 Uhr

Von Daniela Biermann / Sexualität beginnt nicht etwa erst mit dem Eintritt in die Pubertät, sondern bereits im Mutterleib. Für Kinder jedes Alters ist ein offener Umgang mit ihrem Körper, ihren Geschlechtsorganen und Gefühlen wichtig. Das schützt vor Verletzungen und Missbrauch.

Männliche Säuglinge bekommen beim Windelnwechseln eine Erektion, zweijährige Mädchen reiben sich an ihren Kuscheltieren, Vierjährige erkunden den Körper anderer bei sogenannten Doktorspielen: Kinder haben von Anfang an eine Sexualität. Vielen Erwachsenen ist das jedoch nicht bewusst, oder das Thema wird ignoriert oder gar verboten. Doch das schadet Kindern.

 

Kein Thema in Elternratgebern

 

»Es gibt unzählige Ratgeber über Schwangerschaft und Erziehung, aber das Thema kindliche Sexualität wird dabei meist ausgeklammert«, berichtet Simone Bauer vom Verein Dunkelziffer im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung. »Das ist schade, denn Sexualität ist etwas vollkommen Natürliches und sollte selbstverständlich sein.« Bauer hält unter anderem Vorträge vor Erziehern und Eltern. Denn ein offener Umgang mit der kind­lichen Sexualität soll Kinder in ihrem Körpergefühl und Selbstvertrauen stärken. »Nur wer seinen Körper mag, kann ihn auch schützen«, betont Bauer, auch im Hinblick auf die Missbrauchsprävention.

Bereits im Mutterleib können männliche Babys eine Erektion haben, weibliche Feten zeigen entsprechende Veränderungen an der Vagina. In den ersten zwei Lebensjahren entdeckt jedes Kind seinen eigenen Körper. »Und das sind eben nicht nur Hände, Mund und Nase, sondern auch die Geschlechtsorgane«, so Bauer. In unseren Breiten hätten Kinder nur selten die Gelegenheit, nackt zu sein. Man sollte ihnen jedoch die Möglichkeit geben, sich selbst zu erkunden – und auch zu entdecken, dass das angenehme Gefühle auslösen kann.

 

Gefühl von Sicherheit und Vertrauen

 

»Wir müssen unterscheiden zwischen kindlicher und erwachsener Sexualität. Kinder erleben, wenn sie sich an den Geschlechtsteilen berühren, ein wohliges Gefühl, das Sicherheit und Vertrauen gibt«, beschreibt Bauer. »Es mag für Erwachsene irritierend sein, wenn sich ein kleines Mädchen an der Scheide reibt, um sich zu beruhigen.« Man sollte jedoch gelassen damit umgehen, um die Kinder nicht zu verwirren. »Wenn Erwachsene solche Handlungen verbieten, suggerieren sie dem Kind, du und deine Gefühle sind nicht in Ordnung – so kann sich kein gesundes Körper­gefühl entwickeln.« Wenn eigene Schamgrenzen berührt werden, sollte man mit Kindern darüber sprechen und Rückzugsorte vorschlagen. Einem onanierenden Sechsjährigen könne man sagen, dass er das in seinem Zimmer tun soll und nicht etwa beim Kaffeetrinken mit Oma.

 

Wichtig sei auch, die Dinge beim Namen zu nennen. »Es kann fatal sein, wenn Kinder keine Worte für ihre Geschlechtsorgane haben, zum Beispiel wenn sie sich im Intimbereich verletzen oder sie einem Exhibitionisten begegnen und darüber die Erwachsenen informieren wollen«, so Bauer. »Wie sollen sie sich Hilfe holen, wenn sie die Dinge nicht benennen können?« Die Sprachlosigkeit vieler Kinder nutzten auch häufig die Täter bei sexuellem Missbrauch aus.

 

Neutrale Begriffe statt Kosenamen

 

Bauer empfiehlt neutrale Begriffe wie Penis oder Scheide statt Kosenamen und negativ behaftete Wörter. Am besten sei es, wenn Eltern und Betreuer dieselben Begriffe verwenden. Wichtig sei auch, den Kindern ihre Fragen rund um Körper und Sexualität altersgerecht zu beantworten, zum Beispiel mithilfe von Bilderbüchern. »Sexuelle Bildung sollte von Anfang an stattfinden und nicht erst im Aufklärungsunterricht in der Schule«, so Bauer. »Meist haben die Kinder einen enormen Wissensdurst.« So könne man auch hinter der Verwendung von Kraftwörtern bei Kindergartenkindern reine Neugierde statt Provokation sehen.

Sexualität und Körpergefühl entwickeln sich bei Kindern spielerisch. Dazu gehören Nähe und Schmusen mit den Bezugspersonen, Mutter-Vater-Kind-Spiele, Spiele mit dem Arztkoffer, gemeinsames Baden oder auf die Toilette Gehen und auch Körpererkundungsspiele (Doktorspiele). »Die Kinder lernen dabei, dass sie verschieden sind, und entwickeln ihre eigene Identität«, erklärt Bauer. Doktorspiele beginnen meist zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr. »Sie gehören zur normalen Entwicklung, auch wenn Erwachsene dann oft irritiert sind«, so Bauer. »Doch wie in vielen anderen Bereichen gilt auch hier, dass Kinder Regeln brauchen, die ihnen die Erwachsenen in einem offenen Gespräch geben sollten.«

 

So sollten Doktorspiele wegen des Ungleichgewichts in der Entwicklung nur zwischen ungefähr Gleichaltrigen stattfinden und beispielsweise nicht zwischen einer Dreijährigen und einem Sechsjährigen. Die Kinder sollten für ihre Spiele eine Rückzugsmöglichkeit haben. »Jedes Kind darf jederzeit Nein sagen, ob vor dem Spiel oder währenddessen«, betont Bauer. »Außerdem gilt: Hilfe Holen ist kein Petzen. Das sind wichtige Erfahrungen, die auch vor Missbrauch durch Erwachsene schützen.« Außerdem gilt, dass kein Kind dem anderen wehtun darf und Gegenstände wie Stifte in Po, Scheide, Penis, Nase, Mund oder Ohr gesteckt werden.

Auch Kinder können sexuell übergriffig werden, zum Beispiel, indem sie andere Kinder zu sexuellen Handlungen überreden oder zwingen. Die Gründe hierfür können vielfältig sein und können, müssen aber nicht auf das eigene oder erlebte Beobachten von (sexueller) Gewalt zurückgehen. »Wir sprechen hier nicht von Tätern, sondern von übergriffigen Kindern. Diese Kinder benötigen zunächst Hilfe in Form klarer Regeln und pädagogische Unterstützung«, so Bauer.

 

Bei Verdacht nicht vorschnell handeln

 

Wenn der Verdacht besteht, ein Kind sei Opfer sexuellen Missbrauchs durch Erwachsene oder Jugendliche geworden, sollten Betreuer und Außenstehende nicht vorschnell handeln, rät Bauer, sondern sich erst einmal selbst fachlich beraten lassen. »Oft steht am Anfang nur ein Bauchgefühl«, so Bauer. Im Beratungsgespräch können die nächsten sinnvollen Handlungen besprochen werden. Das kann ein Gespräch mit den direkten Bezugspersonen sein oder auch eine Benachrichtigung des Jugendamts. Beratung bieten verschiedene Stellen an, zum Beispiel die Vereine Dunkelziffer und Zartbitter (siehe Kasten).

 

Bauer weist daraufhin, dass es keine allgemein gültigen Symptome bei missbrauchten Kindern gibt. Auffälliges Verhalten wie Aggression oder Rückzug kann auch andere Ursachen haben. »Doch egal, was dahintersteckt – ein auffälliges Kind braucht auf jeden Fall Unterstützung«, betont Bauer. Deshalb ist es so wichtig, dass die Erwachsenen in die Prävention eingebunden sind, um für Kinder ansprechbar zu sein und Hilfe geben zu können. Sie sind verantwortlich für den Schutz von Kindern. /

Beratungsstellen und Spendenkonten

Verein Dunkelziffer

Hilfe für sexuell missbrauchte Kinder

www.dunkelziffer.de

IBAN: DE34200700240868000100

BIC: DEUTDEDBHAM

 

Förderverein Zartbitter

www.zartbitter.de

IBAN: DE93370205000008125700

BIC: BFSWDE33XXX

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