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Honorar

Apotheker fordern deutlichere Erhöhung

07.08.2012  18:47 Uhr

Von Daniel Rücker / In der Apothekerschaft rumort es. Die vom Ministerium angebotene Honoraranpassung um 25 Cent pro Packung kommt ganz schlecht an. Auch in der Politik gibt es zaghaften Widerstand gegen die enttäuschend geringe Erhöhung.

Seit der vergangenen Bundestagswahl haben FDP-Politiker alles getan, den Ruf als Klientelpartei der Apotheker loszuwerden. Das hat in der Vergangenheit schon ziemlich gut funktioniert. Mit dem Angebot von Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler und Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (beide FDP), die Pauschale pro abgegebener verordneter Arzneimittelpackung um 25 Cent zu erhöhen, dürfte es kaum noch einen Apotheker geben, der sich bei den Liberalen richtig gut vertreten fühlt.

Die Reaktionen innerhalb der Apothekerschaft auf das Angebot unterscheiden sich kaum. Harsche Kritik an der Bundesregierung äußerte die Präsidentin der Niedersächsischen Apothekerkammer, Magdalene Linz. Die 25 Cent seien keinesfalls ausreichend, sagte die Kammerpräsidentin. Mit der geplanten Erhöhung könnte die Kostensteigerung nicht ausgeglichen werden. Linz hält als Konsequenz ein Apothekensterben für möglich. Den FDP-Bundesministern Rösler und Bahr wirft sie vor, ihr Verhalten sei geprägt von der »Angst, dass die Erhöhung dann als Geschenk für Apotheker und als Klientelpolitik kritisiert werde«.

 

Als Retourkutsche behauptet eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums über die Deutsche Pressagentur (dpa), die scharfen Äußerungen der Apotheker seien Ausdruck interner Auseinandersetzungen im Vorfeld des anstehenden Wahlkampfes. Die Einheitlichkeit der apothekerlichen Kritik macht es allerdings auch dem unvoreingenommenen Betrachter schwer, sie als interne Auseinandersetzungen zu bewerten.

ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf nannte das Angebot einen »Schlag ins Gesicht aller Pharmazeuten«. Wolf hofft, Rösler und Bahr könnten noch dazu bewegt werden, das Angebot nachzubessern.

 

Wolfs Stellvertreter im Vorstand des Niedersächsischen Landesapothekerverbandes, Uwe Hansmann, hat seine Kritik an der Erhöhung in einem Brief an Minister Bahr direkt ausgedrückt. Darin wirft Hansmann Bahr eine »politisch getriggerte Verweigerungshaltung« hinsichtlich der notwendigen Honorarerhöhung vor. Er fragt den Minister, ob dieser die Summe kenne, die Apotheker über Rabattverträge für die Gesetzliche Krankenversicherung gespart haben; ob ihm die Höhe der Investitionen der Apotheken in Hard- und Software bekannt sei, ob er wisse, dass Apotheker zwangsläufig viel Geld für EDV-Schulungen ihrer Mitarbeiter ausgeben müssten und ob ihm bewusst sei, dass die Apotheker diese Mehrausgaben in den vergangenen Jahren ohne jegliche Erhöhung ihrer Honorare finanziert hätten.

In seinem Brief wirft Hansmann Bahr vor, die Politik der »Mittelstandspartei FDP« treibe die Apotheker »ins wirtschaftliche Nirwana ohne jegliche Zukunftsperspektive«. Es sei nicht zu verstehen, warum die FDP in dieser Art mit der Apothekerschaft verfahre.

 

Der Vizepräsident der Apothekerkammer Westfalen-Lippe, René Graf, hält das Angebot für einen »ganz schlechten verspäteten Aprilscherz«. Den Apothekern werde damit nicht einmal ein Inflationsausgleich angeboten. Tatsächlich bräuchten sie eine Erhöhung um 1,04 Euro.

 

Der Vorsitzende des Hessischen Apothekerverbandes, Dr. Peter Homann, nannte das Angebot »einen Affront«. Apotheker seien keine Almosenempfänger. Schon heute sei die wirtschaftliche Situation der Apotheker »desaströs«. In Hessen gehe die Zahl der Apotheken zurück und habe mit 1590 den niedrigsten Stand seit 25 Jahren erreicht.

 

Nicht das letzte Wort

Jenseits der Ministerien gibt es aus der Politik auch einzelne kritische Reaktionen auf die geringe Anhebung der Honorare. Während der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn 25 Cent für angemessen hält, wollen die Gesundheitspolitiker Lars Lindemann (FDP) und Johannes Singhammer (CSU) nachverhandelt sehen. »Ich habe den Eindruck, dass das, was im Raum steht, nicht das letzte Wort sein kann, sagte Lindemann der »Welt«. Und auch Singhammer hält die Erhöhung laut »Welt« nicht für ausreichend. Auf der anderen Seite stehen mit CDU, SPD, Grünen und Die Linke aber vier Parteien, die Röslers Referentenentwurf bislang nicht als zu niedrig kritisiert haben.

 

Allerdings regt sich mittlerweile auch Widerstand in den Ländern. An erster Stelle steht hier Bayern. Der bayerische Gesundheitsminister Marcel Huber (CSU) kritisiert in einem Brief an Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) die geplante Honorarerhöhung als zu gering. Das berichtet wiederum die Tageszeitung »Welt«. Die vom Bundesministerium geplante Erhöhung werde »den wirtschaftlichen und strukturellen Anforderungen an die Erfüllung des (...) Versorgungsauftrags durch öffentliche Apotheken nicht im erforderlichen Umfang gerecht«, zitiert die »Welt« aus Hubers Brief. »Die Versorgung mit verschreibungspflichtigen Medikamenten solle sich selbst tragen und dürfe nicht zu einem Zuschussgeschäft für die Apotheker werden«, berichtet die Zeitung. Zudem nimmt Huber eine weitere Forderung der Apotheker auf, nämlich die nach einer gerechteren Vergütung des Nacht- und Notdienstes in Form einer Pauschale anstelle der bislang gültigen Rezeptgebühr. »Landapotheken haben oft weniger Patienten in den Nachtstunden, leisten jedoch die gleichen Dienste wie in der Stadt. Dieser Einsatz muss künftig besser honoriert werden«, sagte Huber gegenüber der »Welt«. Die Forderung nach einer besseren Vergütung der Nacht- und Notdienste wird laut »Hannoverscher Allgemeine« vom hessischen Gesundheitsminister Stefan Grüttner geteilt.

 

Vertrauen verspielt

Die geringe Honoraranpassung kommt bei allen Apothekern schlecht an. Nach den Apothekenleitern melden sich auch die Angestellten in den Apotheken zu Wort. Die Reaktion unterscheidet sich kaum von der der Selbstständigen: »Die Politik ist gerade dabei, das Vertrauen von uns Apothekenangestellten endgültig zu verspielen«, kommentiert Necdet Kalipcioglu in einem Presse-statement der Apothekengewerkschaft Adexa das Vorgehen der für die Arzneimittelpreis­verordnung zuständigen Bundesministerien für Gesundheit und für Wirtschaft.

 

Angestellte Apotheker trügen viel Verantwortung für die Gesundheit ihrer Patienten. Dazu gehörten auch Nacht- und Notdienste. Diese Leistung werde jedoch weder von der Politik noch von den Krankenkassen ausreichend honoriert. Im Vergleich zu anderen akademischen Berufen sei das Einkommen der angestellten Apotheker zu niedrig, kritisiert Kalipcioglu.

 

Die angestellten Apotheker halten die von der Regierung angebotene Erhöhung der Packungspauschale um 25 Cent für deutlich zu niedrig. Der Vorschlag sei unzureichend und werde das Apothekensterben beschleunigen, fürchtet Adexa. Zudem drohe angesichts der niedrigen Bezahlung angestellter Apotheker ein Fachkräftemangel, da sich viele junge Pharmazeuten für andere Branchen entschieden.

Nicht immer sind sich die Tarifparteien einig, in diesem Fall schon, denn auch der Vorsitzende des Arbeitgeberverbandes Deutscher Apothekenleiter (ADA), Theo Hasse, ist mit der angebotenen Honorarerhöhung überhaupt nicht einverstanden. Er erinnert die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Gesundheit, Ulrike Flach, an ein Gespräch im Ministerium am 24. Mai. Damals habe er gemeinsam mit der Adexa-Vorsitzenden Barbara Neusetzer deutlich gemacht, dass die damals bereits kursierende Summe einer Honorarerhöhung von 200 Millionen Euro nicht einmal ausreiche, die berechtigten Interessen der Angestellten in Apotheken für eine mindestens den Inflationsausgleich abdeckende Lohnerhöhung zu erfüllen. Die Erhöhung müsse ausreichen, um die 150 000 Arbeitsplätze in den Apotheken zu sichern.

 

Auch die Vorsitzende der nordrheinischen Arbeitgeberorganisation TGL, Dr. Heidrun Hoch, bezeichnete in einem offenen Brief die Erhöhung als »völlig unzureichend«. Die Apotheker erwarteten eine ordentliche Vergütung – auch, um Investitionen tätigen zu können. Der Politik warf sie vor, eine »nach § 78 des Arzneimittelgesetzes längst überfällige Honoraranpassung« der Öffentlichkeit als Geschenk an die Apotheker zu verkaufen.

 

Die Reaktionen machen deutlich, dass die Apotheker nicht gewillt sind, sich mit der angebotenen Honorarerhöhung abzufinden. Die ABDA will nun die Basis einspannen, für eine gerechte Honorierung zu kämpfen. Dazu hat sie den Apothekerinnen und Apothekern zwei neue Argumentationshilfen zur Verfügung gestellt. Im internen Bereich unter www.abda.de/mitglieder.html können Apotheker ein Informationsblatt zur Abgabe an ihre Kunden herunterladen sowie ein Formular mit Fakten zur Apothekervergütung für das Gespräch mit Abgeordneten.

 

Fragwürdige Berechnung

 

Darin geht es um die vom Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) vorgeschlagene Mehrvergütung pro Packung von 25 Cent – »klingt viel, ist es aber nicht«, so der Slogan der Kundeninformation. Als Argumente für eine Honorarerhöhung deutlich über 25 Cent (entsprechend 3 Prozent) führt das Papier zum Beispiel die deutlich höheren Personal- und Allgemeinkosten, die Inflation und den jahrelangen Stillstand bei der Apothekerhonorierung an. Zudem wird die Berechnungsgrundlage des BMWi als höchst fragwürdig eingestuft. Die Zahlen sollen zeigen, wie ernst die Lage für zahlreiche Apotheken ist: »Ohne angemessenes Honorar können die 21 200 Apotheken mit ihren 150 000 Mitarbeitern auf Dauer nicht das gewünschte Versorgungsniveau erhalten«, heißt es in dem Papier. Noch weiter geht der Apothekerverband Schleswig-Holstein, dessen Mitglieder – nach dem Redaktionsschluss dieser Zeitung – an diesem Mittwoch vor dem Kieler Landtag demonstrierten.

 

Sicher ist, dass dies nicht die letzte Aktion der Apotheker für eine bessere Honorierung sein wird. Der Ärger über die Bundesregierung ist zu groß, als dass die Apotheker jetzt einfach zur Tagesordnung zurückkehren könnten. /

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