Pharmazeutische Zeitung online
PZ-Leserreise

Am Kap der Guten Hoffnung

28.07.2011
Datenschutz bei der PZ

Von Daniela Biermann, Kapstadt / Dieses Jahr führte die Fachexkursion der Pharmazeutischen Zeitung nach Kapstadt. Historische Operationssäle, ein Heiler im Schiffscontainer und die üppige Vegetation im Fynbos: Vielfalt und auch mancherlei Gegensätze prägten die Reiseerlebnisse.

Rund 20 Jahre nach der Freilassung Nelson Mandelas und ein Jahr nach der Weltmeisterschaft sind in Südafrika immer noch Grenzen spürbar. Deutlich sichtbar ist der Stacheldraht um nahezu jedes Haus. Offiziell ist die Trennung in Schwarz und Weiß längst aufgehoben. Die Kluft öffnet sich zwischen Arm und Reich – was praktisch oft auf dasselbe hinausläuft. Selbst innerhalb der »Townships« klafft die Schere weit auseinander. In diese Siedlungen verbannte die Regierung während der Apartheid die verschiedenen nicht weißen Bevölkerungsgruppen – ethnisch fein säuberlich getrennt.

»Hier sehen Sie das Beverly Hills von Langa«, erklärt Reiseleiterin Pia Hubbertz den Teilnehmern der PZ-Leserreise bei einer »Township-Tour«. Hübsche kleine Einfamilienhäuser reihen sich aneinander, in den gepflasterten Einfahrten stehen Autos. Hier wohnen Anwälte und Ärzte, die tagsüber im Stadtzentrum arbeiten.

 

Nur ein paar Straßen weiter sieht es ganz anders aus: Die Sonne glitzert auf Verschlägen aus Wellblech und Holz. Wild durcheinander ziehen sich die illegal gebauten Hütten fast bis an die Schnellstraße. Am Rand steht eine Reihe provisorischer Toilettenhäuschen. Dazwischen grasen Kühe und spielen Kinder.

 

Besuch bei einem Heiler

 

1927 gegründet und damit eine ältesten Townships Südafrikas, war Langa ursprünglich als Siedlung für rund 1000 Südafrikaner gedacht, deren Wurzeln auf das Volk der Xhosa zurückgehen. Heute leben hier schätzungsweise rund 200 000 Menschen. Offizielle Zahlen gibt es nicht. Gewalt, Alkohol und HIV gehören zu den größten Problemen der Gemeinde. Zwar gibt es ein Krankenhaus und eine Tagesklinik in Langa. Doch das reicht bei Weitem nicht aus für die medizinische Betreuung der Einwohner. Viele suchen daher traditionelle Heiler wie Major NdaBa auf. Der »Sangoma« residiert im Zentrum Langas in einem schrottreifen Schiffscontainer.

Wir müssen noch warten, Major NdaBa behandelt gerade. Vor seiner Praxis sitzen einige ältere Herren – ob als Patienten oder zum Zeitvertreib, ist nicht zu erkennen. Daneben werden Kühlschränke verkauft, im nächsten Container flicht ein Friseur Rastazöpfe. Dann sind wir an der Reihe und dürfen in Kleingruppen eintreten. Rund zehn Apotheker quetschen sich durch das halb geöffnete Gitter am Container-eingang. Innen nur schummriges Licht. Die Regale sind vollgepackt mit Tierschädeln, Hörnern und anderen kuriosen Dingen. Von der Decke baumeln getrocknete Kräuter, Felle, Federn und ein Ballettschuh. Major NdaBa trägt eine Wildkatzenfellmütze, eine braune Lederjacke und eine rote Schärpe, bestickt mit seinem Namen. In der Hand hält er einen Holzstab mit Schweif aus Büffelhaar. Damit segnet er den Patienten, erklärt der Sangoma.

Zu seinem Repertoire gehört die Behandlung von Husten, Hautproblemen und Unfruchtbarkeit genauso wie die Beratung in Geld-, Liebes- und Jobangelegenheiten. Major NdaBa greift dabei auf das Wissen zurück, was ihn seine Vorfahren, Visionen und 30 Jahre Erfahrung gelehrt haben. Der Heiler besitzt aber auch eine staatliche Lizenz, arbeitet mit Schulmedizinern zusammen und gibt sein Wissen an Jüngere weiter.

 

»Jeden Patienten behandle ich individuell«, versichert der Sangoma. Dabei nutzt er verschiedene Arzneiformen wie Tees und Puder. Manche Pflanzen kaut er, bevor er sie äußerlich am Patienten anwendet. Die Zutaten kauft oder sammelt er selbst.

 

Wie dringend Heiler wie Major NdaBa mitsamt Hausmitteln und Magie gebraucht werden, zeigt ein Besuch in der Ambulanz des Groote-Schuur-Krankenhauses. Das imposante Haus ist eines der größten Krankenhäuser Südafrikas. Berühmt wurde es durch die erste Herztransplantation der Welt (siehe Kasten).

 

Warten auf Medikamente

 

Schon vor dem Wartesaal der Klinik­apotheke bilden sich lange Schlangen. Alle Hautfarben sind hier vertreten, doch dominieren dunkelhäutige Patienten. Für Bedürftige ist die Behandlung kostenlos. Geringverdiener bezahlen umgerechnet rund 3,50 Euro für eine Konsultation inklusive ausgeeinzelter Medikamente. Normalverdiener zahlen mehr, Besserverdiener sogar deutlich mehr. Letztere haben jedoch oft eine private Krankenversicherung und besuchen andere Einrichtungen.

Das Herz von Kapstadt

Im Dezember 1967 verkündete das Groote-Schuur-Krankenhaus in Kapstadt eine Weltsensation: Dem Chi­rurgen Christiaan Barnard war die erste Herztransplantation am Menschen gelungen. In den ehemaligen Operationsräumen erinnert heute ein Museum auf lebendige Weise an dieses Stück Medizingeschichte. Die Besucher können Barnard während der Operation über die Schulter gucken – die Szene ist mit Wachsfiguren nachgestellt. Ein Film zeigt das Leben Barnards zwischen fachlicher Brillanz und Gesellschaftsskandalen. Fotos und persönliche Gegenstände erinnern an Spender und Empfänger. Vor allem die Geschichte der ersten Spenderin, Denise Darvall, ist gut und einfühlsam dokumentiert. Die 24-Jährige starb bei einem Verkehrsunfall. Ihr Herz bekam der 53-jährige Louis Washkansky. 18 Tage überlebte er, bevor er an einer Lungenentzündung starb. Original-Krankenblätter zeigen seine umfangreiche Medika­tionsliste. Immunsuppressiva sind darauf nicht verzeichnet – sie waren noch nicht entdeckt. Das Original-Herz ist Teil der Ausstellung.

An manchen Tagen kommen nicht mehr alle Patienten vor Dienstschluss an die Reihe und müssen sich am nächsten Tag wieder anstellen. »Wir haben einfach nicht genug Apotheker«, erklärt eine Verwaltungsangestellte, die die Reisegruppe durch das Krankenhaus führt. Ungefähr 30 Apotheker sind zuständig für das Lehrkrankenhaus mit 900 Betten und 350 000 ambulanten Patienten pro Jahr. 13 Apotheker sind ständig in den Innen- und Außenabgabestellen der Klinikapotheke im Einsatz. Pro Monat stellen sie rund 5000 Rezepturen her, darunter Zytostatika-Infusionen, Morphin-Lösungen und viele Dermatika. Die Hausliste für Fertigarzneimittel umfasst etwa 1200 Präparate.

Rund 30 Assistenten unterstützen die Apotheker. Allerdings sind sie oft schlecht ausgebildet. Einen mit der PTA-Ausbildung vergleichbaren Beruf gibt es in Südafrika erst seit Kurzem. Die Zahl der Pharmaziestudenten ist seit der Liberalisierung des Apothekenmarkts im Jahr 2005 eingebrochen. Eine Approbation ist nicht mehr notwendig, um eine Apotheke zu eröffnen. Nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel sind auch in Supermärkten erhältlich. Die Preise hat die Regierung erst gedrückt und dann Obergrenzen festgesetzt. Viele inhabergeführte Apotheken konnten der Konkurrenz durch Drogerieketten wie Clicks, das zum britischen Unternehmen Alliance Boots gehört, nicht standhalten und mussten schließen.

 

Apotheker als Einzelkämpfer

 

Unabhängige Apotheker wie Guy Wood bezeichnen die Situation als sehr schwierig. »Momentan verdiene ich genug, um nicht schließen zu müssen, aber mache kaum Gewinn«, erzählt er den deutschen Kollegen. Gegen die Liberalisierung im Apothekenmarkt hatten die südafrikanischen Apotheker­verbände sogar geklagt, allerdings erfolglos. Da einzelne Apotheken in Konkurrenz zu Discountern über den Preis kaum punkten können, setzt Wood vermehrt auf zusätzliche Dienstleistungen und Spezialisierung, vom Wundmanagement bis zur Botox-Behandlung.

 

Direkt am Eingang der »Constantia Pharmacy« in einem gehobenen Einkaufszentrum wirbt ein Plakat für die Grippeimpfung. In Südafrika dürfen Apotheker nach entsprechenden Fortbildungen impfen oder auch bei kleineren Infekten Antibiotika verschreiben – zum Missfallen der Ärzte. Umgekehrt haben diese ein Dispensierrecht, das laut Wood in der Praxis jedoch eher die Arzthelferinnen umsetzen. Medikationsfehler seien häufig.

 

Qualifizierte Angestellte sind auch in den öffentlichen Apotheken rar. »Derzeit sinken die Standards an den Universitäten, um überhaupt genug Nachwuchs zu bekommen«, beklagt der Apothekeninhaber. Das Studium selbst dauert vier Jahre, gefolgt von einem praktischen Jahr und einem Jahr Gemeinwohldienst irgendwo im Land. »Ich selbst habe in einem großen Krankenhaus ein Jahr lang nur Tabletten gezählt«, erzählt Wood. »Glauben Sie mir, dass kann einem die Freude an der Pharmazie schnell verderben.«

 

Trotzdem glaubt Wood, dass der Beruf des Apothekers in Südafrika noch Zukunft hat. »Wir wollen weg vom reinen Dispensieren, hin zum Therapiemanagement«, erklärt er. So bietet seine Apotheke zum Beispiel umfassende Blutwertbestimmungen an, inklusive Gerinnungsparametern. Bisher zeige die Regierung nur geringes Interesse, diese Leistungen adäquat zu vergüten. Daher setzt Wood auch auf zusätzliche Dienstleistungen und Produkte, die die Kunden selbst bezahlen, zum Beispiel Ernährungsberatung und Naturheilmittel.

 

Die Diva am Kap

 

Vom weltweit anhaltenden Boom für pflanzliche und homöopathische Arzneimittel profitiert auch Ulrich Feiter. Der deutsche Auswanderer gründete 1992 das Unternehmen Parceval Ltd. Pharmaceuticals. Als gelernter Gärtner baut er nicht nur etablierte Heilpflanzen wie Echinacea an. Er hat sich darauf spezialisiert, schwer zu züchtende Wildpflanzen zu kultivieren.

Auf seiner Farm »Waterkloof« zeigt Feiter den PZ-Reisenden ausgedehnte Beete mit Pelargonium sidoides. Obwohl nah verwandt mit der gemeinen Balkongeranie, gestaltete sich der Anbau der kleinen Kapland-Pelargonie schwieriger als gedacht. »Sie ist anspruchs- und geheimnisvoller«, erzählt Feiter. »Eine richtige Diva.« Wenn auch eine äußerlich bescheidene: »Sie steckt eben ihre ganze Kraft in die Wurzeln statt in die Blüten.«

 

Und auf die Wurzel kommt es an: Sie ist Ausgangsmaterial eines in Deutschland beliebten Erkältungsmittels (Umckaloabo®). Als Rohstofflieferant dient die Firma Parceval aus Wellington in Südafrika, die im Auftrag von Spitzner die Pflanzen anbaut und erntet. Zusätzlich wird die Pflanze von geschulten Einheimischen wild gesammelt.

 

Wurzeln schlagen

 

Heimisch ist Pelargonium sidoides eigentlich am Ostkap, von der Küste im Südosten bis hoch auf 2000 Meter im Königreich Lesotho. Das schafft die unscheinbare Pelargonie nur dank einer großen genetischen Bandbreite. Mittlerweile arbeitet Feiter mit 30 Selektionen aus eigenen Feldversuchen. Dabei ist Geduld gefragt. Mindestens drei bis vier Jahre dauert es vom Setzling bis zur ersten Ernte samt Inhaltsstoffanalyse.

»Jedes Jahr haben wir unsere Kultur komplett umgestellt, den Abstand, die Bewässerung und den Mulch geändert«, erzählt Feiter. »Sie können Pflanzen von der gleichen Quelle, im gleichen Alter, bei gleicher Behandlung nehmen; trotzdem wird das eine Exemplar riesig mit kleinen Wurzeln oder umgekehrt«, sagt der Unternehmer.

 

Um trotz dieser Schwankungen gleichmäßige Qualität zu gewährleisten, verwendet Spitzner für den Extrakt zu gleichen Teilen Wurzeln aus Anbau und Wildsammlungen. Damit der Wildbestand der Pflanze nicht gefährdet wird, dürfen nur geschulte Sammler in bestimmten Gebieten die Hauptwurzel ernten. Die Seitentriebe pflanzen sie wieder ein, damit sie neu austreiben. Dazu braucht die Pflanze eine Ruhephase. Noch weiß keiner, wie lang diese genau dauert. Vermutlich sind es mehr als sieben Jahre. Zur nachhaltigen Wildsammlung laufen derzeit Forschungsprojekte, an denen unter anderem Parceval, Spitzner und die Naturschutzbehörde beteiligt sind.

Vor der Genehmigung zur Kommerzialisierung muss der Hersteller außer dem Naturschutz noch viele andere Auflagen erfüllen. So muss die indigene Bevölkerung, auf deren Wissen die Anwendung basiert, am Gewinn beteiligt werden (lesen Sie dazu auch Heilpflanzen Südafrikas: Zwischen Raubbau und Anbau, PZ 24/2010).

 

Mittlerweile liegt für das Präparat ein tendenziell positives Cochrane-Review vor. In der Auswertung sprechen Wissenschaftler dem Pelargonien-Extrakt eine potenziell symptomlindernde Wirkung bei akuter Bronchitis und Sinusitis zu. In vitro greift der Extrakt an mehreren Stellen ins Infektionsgeschehen ein, erläuterte Dr. Nora Salamon, Apothekerin bei Spitzner. So hemmt er die Virenadhäsion an der Schleimhaut und die Keimvermehrung, steigert die Immunantwort und hilft bei Schleimlösung und -abtransport.

 

Was die Flora zu bieten hat

 

Die Inhaltsstoffe der Kap-Pelargonie nahm Professor Dr. Michael Keusgen von der Philipps-Universität, Marburg, genauer unter die Lupe. So wirken die Gerbstoffe adstringierend und vermutlich antibakteriell. Als ausschlaggebende Wirkkomponente betrachten Pharmakologen jedoch Cumarine wie Umckalin. Das Anthocyan Pelargonidin sorgt lediglich für die rötliche Färbung der Wurzel.

Keusgen stellte den Reiseteilnehmern noch andere Heilpflanzen Südafrikas vor. Am bekanntesten in Deutschland ist die Teufelskralle, Harpagophytum procumbens, aus der Familie der Pedaliaceae. Sie enthält bittere Iridoidglykoside wie Harpagosid. Traditionell wenden die Südafrikaner Teufelskralle bei dyspeptischen Beschwerden an. Ihr Extrakt hat aber auch antirheumatische Eigenschaften.

 

Noch eine weitere südafrikanische Heilpflanze hat es bis in deutsche Apothekenregale geschafft: Xysmalobium undulatum, besser bekannt als Uzara. Das Seidenpflanzengewächs (Asclepiadaceae) enthält Cardenolid-Glykoside, die eng mit Digitalis-Glykosiden verwandt sind. Statt am Herzmuskel greifen sie im Darm und am Uterus an und mindern dort die Peristaltik. Die Indikation des Fertigarzneimittels ist dementsprechend akuter Durchfall.

 

In Deutschland weniger bekannt ist die in Südafrika oft am Wegrand stehende Ballonerbse, Sutherlandia frutescens. Der afrikaanse Name verweist auf eine der zahlreichen Anwendungen: »kankerbos«, Krebsbusch. »Als Fabaceae ist sie vermutlich chemisch hoch gerüstet«, so Keusgen. »Bislang sind aber erschreckend wenige Inhaltsstoffe beschrieben.«

Die Aminosäure L-Canavanin, ein Arginin-Antagonist, könnte tatsächlich Antitumor-Eigenschaften haben, da sie die Arginin-Versorgung schnell wachsender Zellen behindert. Zumindest in vitro hemmt der Extrakt Krebszell­linien. Eine ausreichende Bioverfügbarkeit ist jedoch fraglich, genau wie bei anderen Inhaltsstoffen.

 

Die Wirkung beruht auf Sterolen wie den Sutherlandiosiden A bis D, vermutete Keusgen. Sie könnten immunstimulierend und ähnlich wie Ginseng tonisierend wirken. Dies erklärt die postulierte positive Wirkung bei Aids-Kranken. Derzeit läuft in Südafrika eine klinische Studie. Sie soll überprüfen, ob die Pflanze die Symptome mildern und die Lebensqualität verbessern kann. Zwar ist es erklärtes Ziel der UNO, 80 Prozent der HIV-Infizierten weltweit bis 2016 mit antiretroviralen Mitteln zu versorgen. Bis es wirklich so weit ist, bleibt vielen Südafrikanern nichts anderes übrig, als eine Therapie mit Heilpflanzen zu versuchen.

 

Traditionell setzen die Einheimischen Sutherlandia neben vielen anderen Indikationen als Antidiabetikum, zur Blutreinigung, gegen Depressionen und bei verschiedenen Infekten ein. »Ein Großteil der Wirkungen ist wohl im Reich der Mythen anzusiedeln«, urteilte Keusgen.

 

Insgesamt wächst in Südafrika eine Fülle arzneilich genutzter Pflanzen. Die traditionelle Anwendung ist aufgrund der Stammesstrukturen regional sehr unterschiedlich. Oft sind viele Indikationen überliefert, die wissenschaftlich nicht zu erklären sind. »Auffällig sind die vielen Sterole und Cardenolide im Arzneimittelschatz«, so Keusgen. Über die Inhaltsstoffe der meisten Pflanzen ist jedoch wenig bekannt. Hier steckt viel Potenzial für neue Arzneimittel, ist sich der Unternehmer Feiter sicher.

 

Die Königin im »Feinen Busch«

 

Jetzt schon ein großer Exportschlager ist die Pflanzengattung Protea, allerdings aus rein ästhetischen Gründen. Die Königsprotea, Protea cynaroides, firmiert als Nationalpflanze Südafrikas. Die auch Zuckerbusch genannte Gattung übersteht zwar Brände, aber keinen Frost. Daher bekommt man sie in Deutschland nur als eingeflogene Schnittblume oder Trockenblume.

»Die mehr als 100 Protea-Arten wachsen nur hier«, erklärt Elaine Krüger-Haye, Südafrikanerin deutscher Abstammung und Leiterin der botanischen Fachexkursion. Wir stehen oben am Leuchtturm, unter uns liegt das umbrandete Kap der Guten Hoffnung, 44 Kilometer südlich von Kapstadt. Die Umrundung markierte für niederländische Seeleute auf dem Weg nach und aus Indonesien den Wendepunkt der Reise. Geografisch gesehen fließen Atlantik und Indischer Ozean allerdings erst 150 Kilometer östlich am Kap Agulhas zusammen.

 

Proteaceen (Seidenbaumgewächse) prägen neben Ericaceen (Heidekrautgewächse) und den süßgrasartigen Restionaceen die typische Flora der Kap­region, den sogenannten »fynbos« (Afrikaans für »feingliedriges Gebüsch«). Es ist die artenreichste Flora der Welt auf so kleinem Raum. Während die gesamte Nordhalbkugel oberhalb der Tropen eines von sechs Florenreichen darstellt, bildet die Kapregion ein eigenes Reich. Sie beherbergt mehr als 9000 Spezies auf nur 74 000 km2 – kleiner als die Fläche Österreichs.

 

»Allein auf dem Tafelberg wachsen mehr einheimische Arten als auf den gesamten Britischen Inseln zusammen«, erzählt Krüger-Haye. »Auf fast jedem Hügel hier finden Sie andere Pflanzenarten, manchmal abhängig vom Aktionsradius der jeweiligen Ameisenkolonie, die die Samen verbreitet.« Manche Arten kommen tatsächlich nur auf einem einzigen Hügel vor. Aufgrund ihrer Seltenheit steht ein Großteil auf der Roten Liste.

 

Während die Zuckerbüsche mehrere Meter hoch wachsen können, geben sich die anderen Pflanzen im Fynbos unauffälliger und wuchern nur kniehoch. Kleine, ledrige, teils behaarte Blätter schützen die Pflanzen während der heißen windigen Sommer vor dem Austrocknen. »Brände sind hier ein Teil des Lebenszyklus«, erklärt Krüger-Haye. Die Pflanzen schützen sich entweder mit tiefen dicken Wurzeln oder besonders harten Samen. Diese wiederum keimen nur, wenn sie einmal geräuchert wurden.

 

In vino sanitas

 

Geräuchert sind auch die Eichenfässer in den zahlreichen Weinkellern. Die Gegend um Stellenbosch östlich von Kapstadt hat sich zu einem der renom­miertesten Anbaugebiete der Welt ge­mausert. Französische Hugenotten brachten 1688 die ersten Reben mit. Die ersten europäischen Siedler am Kap, protestantische Niederländer der Ostindien-Kompanie, hatten die religiös verfolgten Hugenotten aufgenommen, um von ihrer Weinexpertise zu profitieren. Es hat sich gelohnt: Chardonnay, Chenin Blanc, Sauvignon Blanc und Pinotage aus Südafrika sind heute Exportschlager.

Die Geschichte des Weins ist jedoch viel älter. Die ersten archäologischen Spuren lassen sich bis in die Jungsteinzeit zurückverfolgen. In der Bibel wird vom Wein als Heilmittel gesprochen, referierte der Münchener Pharmaziehistoriker Dr. Gerhard Gensthaler. Die Ägypter nutzten Wein als Wirkstoffträger und Extraktionsmittel. Hippokrates gab ihn verdünnt gegen Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen und Augenleiden. Plinius und Dioskurides nutzten ihn als Desinfektionsmittel.

 

Laut Lorscher Arzneibuch, das um 795 entstand, setzten Benediktiner-Mönche mehr als zehn verschiedene Medizinalweine bei Blasenschmerzen, Harnsteinen und weiteren Indikationen ein. Hildegard von Bingen widmete dem Wein eine eigene Monographie. Selbst das Deutsche Arzneibuch 6 von 1926 enthielt noch unterschiedliche Arzneiweine.

 

Neben den mengenmäßig dominierenden Alkoholen, Zuckern und Säuren sind die sekundären Pflanzenstoffe medizinisch interessant, genauer gesagt Polyphenole wie Quercetin, Catechin, Epicatechin und das Phytoalexin Resveratrol. Besonders Letzteres hat es der Wissenschaft angetan (lesen Sie dazu auch Resveratrol: Schlüssel für ein langes Leben?, PZ 29/2007). Der pflanzliche Abwehrstoff soll unter anderem die Thrombozytenaggregation hemmen sowie freie Radikale abfangen und damit positiv auf das Herz-Kreislauf-System wirken. »Dazu gibt es jedoch keine gesicherten Kenntnisse durch klinische Studien«, schränkte Gensthaler ein. Der Effekt der zahlreichen, oft im Internet angebotenen Mittel mit Resveratrol sei fragwürdig. Ein Liter Rotwein enthält je nach Rebsorte und klimatischen Bedingungen bis zu 3 mg Resveratrol.

 

Auch am Wein zeigt sich die gesellschaftliche Kluft in Südafrika. Obwohl selbst guter Wein relativ günstig zu kaufen ist, steht er meist auf Restauranttischen in besseren Gegenden. Die Shebeens der Townships schenken vor allem Bier und Schnaps aus. Während der Apartheid betrieben Tausende Südafrikaner diese Kneipen illegal in ihren Hütten. Hier trafen sich nicht nur die Nachbarn auf einen Plausch, sondern auch politische Aktivisten. Heute sind die Shebeens größtenteils legal. Ein paar Plastikstühle, ein vom Getränkehersteller gesponserter Kühlschrank und ein bisschen Musik – mehr braucht es nicht. Hier zeigt sich die Lebensfreude der Südafrikaner, allen Widrigkeiten zum Trotz. /

Die Autorin

 

Daniela Biermann studierte Pharmazie an der Philipps-Universität, Mar­burg. Einen Teil ihres praktischen Jahres forschte sie an der medizinischen Fakultät der National University of Singapore. Die Ergebnisse mündeten in eine Diplomarbeit, die sie an der Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg, verteidigte. 2007 erhielt sie die Approbation. Nach einem Volontariat bei der Pharmazeutischen Zeitung arbeitete sie zunächst in der Redaktion in Eschborn und ist nun in Hamburg tätig.

 

E-Mail: biermann(at)govi.de

Mehr von Avoxa