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Migranten

Oft fehlt Wissen über den Körper

28.07.2008
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Migranten

Oft fehlt Wissen über den Körper

Von Annette Immel-Sehr, Bonn

 

Migranten sind medizinisch häufig relativ schlecht versorgt. Apotheken können helfen, Barrieren abzubauen. Dies ist nicht nur aus ethischen Gründen wichtig, sondern kann auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten von Vorteil sein.

 

Die multikulturelle Gesellschaft ist in Deutschland Realität. Rund 15 Millionen Menschen mit »Migrationshintergrund« leben hier: Menschen, die entweder aus anderen Ländern eingewandert sind oder in Deutschland geboren wurden, aber von Eltern oder Großeltern abstammen, die einst nach Deutschland immigriert sind. Den mit Abstand größten Anteil bilden Staatsangehörige aus der Türkei (etwa 25 Prozent), gefolgt von Italienern und Polen. Eine weitere große Gruppe sind die sogenannten Spätaussiedler, also Nachfahren deutscher Auswanderer aus Rumänien, Ungarn, der Ukraine und Russland.

 

Kulturelle Besonderheiten

 

Insgesamt bilden die Menschen aus anderen Kulturen eine sehr heterogene Gruppe. Vielen gemeinsam sind mangelnde Kenntnis der deutschen Sprache und ein niedriger Bildungsgrad. Dies hat viele Auswirkungen. Eine davon ist ein schlechter Zugang zur Gesundheitsversorgung. Kulturelle Besonderheiten wie zum Beispiel andere Vorstellungen zu Gesundheit und Krankheit erschweren die Kommunikation zudem. Auch ist das deutsche Gesundheitssystem nicht gerade einfach strukturiert, selbst den Deutschen fällt es oft nicht leicht, auf Anhieb die richtige Anlaufstelle und den richtigen Ansprechpartner für ein gesundheitliches Problem zu finden. Wie schwer muss es dann erst für jemanden aus einem anderen Kulturkreis sein.

 

Das Problem lässt sich an konkreten Zahlen festmachen: Experten schätzen, dass etwa eine Million Migranten mit Diabetes in Deutschland medizinisch unterversorgt sind. Mittlerweile gibt es eine Vielzahl von Initiativen, um die Gesundheitsversorgung von Menschen mit Migrationshintergrund zu verbessern und die Gesundheitsberufe in ihrer Arbeit zu unterstützen. So wurde beispielsweise unter dem Dach der Deutschen Diabetes-Gesellschaft eine Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Migranten gegründet.

 

Einen anderen erfolgreichen Ansatz verfolgt das Projekt »MiMi: Mit Migranten für Migranten« von Ramazan Salman. Es wird vom Ethno-Medizinischen Zentrum in Hannover (EMZ) in neun Bundesländern koordiniert, ausgewertet und weiterentwickelt. MiMi gewinnt engagierte Migranten und Migrantinnen und schult sie zu interkulturellen Gesundheitsmediatoren. Diese Mediatoren führen auf der Grundlage qualitätsgesicherter Materialien muttersprachliche Veranstaltungen durch und informieren ihre Landsleute über das deutsche Gesundheitssystem und viele Fragen rund um die Gesundheit.

 

Bundesweit sind mittlerweile etwa 700 Gesundheitslotsen im Einsatz, die ihr Wissen in 30 verschiedenen Sprachen anbieten. Neben den Schulungsmaterialien hat das EMZ einen mehrsprachigen Gesundheitswegweiser erstellt, der Informationen zum Aufbau und zu Angeboten des Gesundheitswesens, zu gesunden Lebensweisen und weiteren ausgewählten Gesundheitsthemen enthält. Diesen kann man beim EMZ kostenpflichtig beziehen oder im Internet downloaden.

 

Gesundheitslotsen für Apotheken

 

Gegenwärtig weitet sich das MiMi-Projekt, unterstützt von den BKK Landesverbänden und den jeweiligen Landesregierungen in Nordrhein-Westfalen und Bayern, auf weitere elf Städte aus. Dabei sollen Verbesserungen der Gesundheit von Mutter und Kind im Mittelpunkt stehen.

 

Das Migranten-Projekt MiMi kann auch für Apotheken interessant sein. »Grundsätzlich sind Gesundheitsmediatoren in ihren eigenen Gemeinschaften aktiv und informieren Menschen mit Migrationshintergrund über Gesundheitsthemen und -angebote«, erläutert Ramazan Salman, Geschäftsführer des EMZ.

 

»Apotheken, die in ihrem Kundenkreis beispielsweise besonders viele Migranten haben, können sich über uns einen interkulturellen Multiplikator vermitteln lassen und eine Informationsveranstaltung für ihre Kunden anbieten. Das kann für Apotheken ein wichtiges Instrument zur Kundenbindung sein.« Auch wenn das EMZ (bisher) mit keiner Apothekerkammer offiziell kooperiert, so ist man für eine Zusammenarbeit mit Apotheken sehr aufgeschlossen. »Wir kennen die umfangreiche Beratungsarbeit in vielen Apotheken und wir sehen hier gute Möglichkeiten, die gesundheitliche Versorgung von Migranten durch gezielte Information zu verbessern. Apotheken, die etwas für Migranten anbieten wollen, können sich einfach per E-Mail an uns wenden«, sagt Ramazan Salman (E-Mail-Adresse: ethno(at)onlinehome.de).

 

Wegen der mangelnden Deutschkenntnisse vieler Migranten ist fremdsprachliches Informationsmaterial zu Krankheit und Therapie sehr hilfreich. Dieses stellen viele Institutionen, Organisationen und auch Pharma-Firmen zur Verfügung. Doch nicht nur die Sprache, auch Besonderheiten in den religiösen Vorschriften können Ursache für mangelnde Compliance (Therapietreue) sein.

 

Medikamente im Ramadan

 

Muslimische Patienten, die sich streng an die Regeln des Koran halten, verzichten auf Medikamente, die nach den islamischen Quellen als verboten geltende Mittel beinhalten. Darunter fallen alle alkoholhaltigen flüssigen Arzneien sowie aus Schweinen gewonnene Präparate. Auch Kapseln aus Schweinegelatine werden oft nicht verwendet.

 

Zu den allgemein bekannten religiösen Pflichten von Muslimen gehört es, im Fastenmonat Ramadan zwischen Morgendämmerung und Sonnenuntergang keine flüssige oder feste Nahrung aufzunehmen. Kranke sind zwar davon ausgenommen, doch viele Muslime verzichten nur ungern auf das Fasten und verschieben manchmal auch die Einnahme von Medikamenten auf die Dunkelheit. Fasten ist allerdings nicht im Sinne des Korans, wenn daraus ernster gesundheitlicher Schaden resultiert. Je nach Lage einer Apotheke können Ausländer einen erheblichen Teil der Kundschaft ausmachen. Wie können sich Apotheken auf deren spezielle Bedürfnisse einstellen? Dafür gibt es sicher kein einheitliches Erfolgskonzept. Wenn ein oder zwei Nationalitäten dominieren, kann es eine Marketingstrategie sein, für diese Menschen einen speziellen Service anzubieten, zum Beispiel indem man ein breites Sortiment von Patientenbroschüren in der jeweiligen Fremdsprache anlegt und bei der Arzneimittelabgabe mit anbietet.

 

In Bad Godesberg im Bonner Süden ist das Straßenbild auch nach Wegzug der Bundesregierung international. Menschen aus 39 Nationen leben hier. Dies spiegelt sich im Mitarbeiter-Team der Alten Apotheke in der Innenstadt wider. »Unser multikulturelles Team hat sich ganz von selbst ergeben. Junge Migrantinnen aus unserem Einzugsgebiet bewerben sich um einen Ausbildungsplatz und ausländische Absolventen der Uni suchen ihre erste Stelle«, berichtet Apothekenleiter Stefan Fröhling. »Sobald die Kunden merken, dass hier jemand ihre Sprache spricht, schafft das ganz viel Vertrauen und zieht weitere Kunden an.« Doch die Beratung bleibt schwierig. »Das Wissen vieler ausländischer Kunden über den Körper ist so gering, dass ist es oft schwer ist, etwas zu erklären«, sagt Apotheker Fröhling.

 

»Ein anderes Problem ist das große Vertrauen, das sie unserer Medizin entgegenbringen. Der Glaube, mit ein paar Tabletten eine Krankheit heilen zu können, ist noch viel weiter verbreitet als unter deutschen Kunden. Dass eine Therapie häufig sehr lange dauert und dass man meist auch seinen Lebensstil etwas ändern muss, ist schwer vermittelbar.«

 

Nicht nur die örtlichen Apotheken stellen sich übrigens auf ausländische Kunden ein. Seit Kurzem bietet die Versandapotheke Zur Rose russischsprachigen Migranten einen speziellen Service an: Alle Leistungen der Versandapotheke sind im Internet in Russisch zu finden und für weitere Fragen und Wünsche gibt es einen russischsprachigen Rückrufservice.

Tipps zum Lesen und Surfen

Bücher:

Demirtas, Yildirim: »Sekerlimisiniz? Insülin kullanmayan seker hastalari icin - Für Diabetiker ohne Insulinbehandlung«. »Foto-Roman« über eine Patientin mit Typ-2-Diabetes. Türkischer Text in Sprechblasen, deutscher Text für den Arzt/Apotheker am Rand. ISBN: 978-3-87409-394-1; Kirchheim-Verlag Mainz.

Eichmeier, Gürbulak-Demir: Türkisch in Arztpraxis und Apotheke. Mit zahlreichen zweifarbigen Abbildungen. ISBN 978-3-8047-1532-5; Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart.

 

Fremdsprachige Info-Broschüren:

www.bzga.de

www.integration.nrw.de/projekte[...]

www.ethno-medizinisches-zentrum.de

 

Weitere Links:

www.diabetes-world.net

www.diabetesundmigranten.de

www.medknowledge.de/migration/migration-tuerkei.htm

www.kultur-gesundheit.de

 

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