Pharmazeutische Zeitung online
Ökologie

Gefahr im Heu

31.07.2007
Datenschutz bei der PZ

Ökologie

Gefahr im Heu

Von Bettina Sauer

 

Die giftige Herbstzeitlose kann unbeabsichtigt in die Heuernte geraten. Ein neues Forschungsprojekt versucht, umweltfreundlich gegenzusteuern.

 

Manche Nutztiere futtern sich in Lebensgefahr. Frühestens zwei Stunden nach der verhängnisvollen Mahlzeit können die betroffenen Pferde, Kühe oder Schafe schwere Koliken und blutige Durchfälle entwickeln. Tierärzte berichten von schwankenden, augenrollenden und zähneknirschenden Vierbeinern, die unbehandelt womöglich durch Kreislaufversagen oder Atemlähmung zu Tode kommen.

 

Die Ursache dieser Übel verbirgt sich im Heu: versehentlich mitgemähte Herbstzeitlose (Colchicum autumnale), eine schon in der mittelalterlichen Kloster- und Volksmedizin bekannte Arzneipflanze. Sämtliche Teile enthalten das Alkaloid Colchicin. Es unterbricht die Zellteilung und kann auch bei Menschen schwerste Vergiftungen mit ähnlichen Symptomen verursachen. »Derzeit breitet sich die Herbstzeitlose wieder vermehrt auf Wiesen aus, die der Heuernte dienen«, sagte Dr. Annette Otte, Professorin für Landschaftsökologie der Universität Gießen. Sie führt das Phänomen auf die Extensivierung der Landwirtschaft zurück. »Viele Wiesen werden nicht mehr so stark mit Jauche oder Gülle überdüngt. Das macht sie unter Naturschutzaspekten sehr wertvoll. Denn auf resultierenden stickstoffarmen Böden kann sich eine Vielzahl bedrohter Pflanzen wieder besser ansiedeln.«

 

Darunter auch die Herbstzeitlose. Ihren Namen verdankt sie der ungewöhnlichen Jahreszeit, in der sie ihre leuchtend lila Blüten entfaltet. Aber schon im Frühling schieben sich ihre lanzettenförmigen Blätter aus dem Erdreich. Sie bilden eine Gefahr für spielende Kinder und unvorsichtige Sammler, die sie mit Bärlauch verwechseln, und sie können fälschlicherweise in die Heuernte geraten.

 

Zumindest dem letztgenannten Risiko möchte Otte nun vorbeugen. Unterstützt von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, konzipiert sie ein zweijähriges Forschungsprojekt, um die Ausbreitung der Herbstzeitlosen zu regulieren. »Bisher wurde sie durch eine gezielte Überdüngung mit Jauche und Gülle bekämpft«, sagte Otte. »Diese Methoden aus den 1950er- bis 1970er-Jahren sind mit dem heutigen Naturschutz nicht mehr vereinbar.« Sie möchte sanfte Strategien entwickeln und dazu Untersuchungen in drei hessischen Regionen durchführen. »Dort gibt es genügend unterschiedliche klimatische, standörtliche und nutzungsbedingte Ausgangsbedingungen, um ein umfassendes Bild über die Verbreitung und Möglichkeiten der Eindämmung zu erhalten.« Auch die jahreszeitlichen Schwankungen des Giftgehalts sollen mit geeigneten Labormethoden ermittelt werden. »Möglicherweise lassen sich Zeitpunkte ableiten, bei denen in der Heuernte nur ungefährliche Mengen enthalten sind.« Ihre Erkenntnisse möchte sie in einer Broschüre an Landwirte, Pferdehalter und Naturschutzpraktiker weitergeben.

 

Keinesfalls geht es ihr um eine »Verdammung« der traditionellen Heilpflanze. In der Homöopathie wird sie beispielsweise bei Gicht, Rheuma und Schwangerschaftsübelkeit verabreicht. Und weil das aus den Samen extrahierte Colchicin nicht nur die Zellteilung hemmt, sondern auch die Einwanderung von Immunzellen in entzündetes Gewebe, dient es ­ wenn auch nur noch vereinzelt ­ zur Behandlung akuter Gichtanfälle.

Mehr von Avoxa