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HIV

Rückschläge nach funktioneller Heilung

23.07.2014
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Von Annette Mende / Trotz HIV-Infektion ohne Medikamente kein Virus mehr im Blut: Damit sorgten im vergangenen Jahr ein Baby und zwei erwachsene Männer für Schlagzeilen. Jetzt tauchte das Virus leider bei allen dreien wieder auf, und die Patienten müssen antiretroviral therapiert werden. Virologen versuchen, Lehren aus diesen Fällen zu ziehen.

»Forscher finden HIV im Blut des Mississippi-Babys«, meldete die US-Gesundheitsbehörde NIH am 10. Juli. Das Kind, das 2010 bei seiner Geburt von der Mutter mit HIV infiziert worden war, hatte zuvor mehr als zwei Jahre lang keine antiretrovirale Therapie (ART) erhalten. Die Viruslast in seinem Blut blieb in dieser Zeit dennoch unter der Nachweisgrenze. Da das Mädchen im US-Bundesstaat Mississippi zur Welt kam, erhielt es in den Medien den Spitznamen Mississippi-Baby.

 

Frühe und intensive ART

 

Der Fall galt als Beleg dafür, dass eine funktionelle Heilung von HIV möglich ist. Dabei sind die Erreger zwar noch nachweisbar, werden aber vom Immunsystem ohne die Hilfe von Arzneistoffen unter Kontrolle gehalten. Der Schlüssel zu diesem Erfolg war aus Sicht vieler Experten eine sehr intensive ART und deren früher Start: Ärzte der Johns-Hopkins-Universität verabreichten dem Baby bereits 30 Stunden nach seiner Geburt eine Kombination der drei Arzneistoffe Zidovudin, Lamivudin und Nevirapin. Üblich ist in solchen Fällen eine Monotherapie mit Zidovudin (lesen Sie dazu auch Kombitherapie: HIV-positives Baby funktionell geheilt, PZ 10/2013).

Dass sich die geglaubte funktionelle Heilung nun als vorübergehende Remission entpuppte, bezeichnete eine behandelnde Kinderärztin, Professor Dr. Hannah Gay von der University of Mississippi, in einer Pressemitteilung als »Schlag in den Magen«. Bei einer Routineuntersuchung fiel zunächst eine unnormale CD4-Zellzahl bei der kleinen Patientin auf, später stieg die Viruslast stark an. Das Mädchen erhält jetzt eine ART-Standarddosierung für sein Alter. Damit wird es zwar aller Voraussicht nach lange und weitgehend beschwerdefrei leben, bleibt aber für den Rest seines Lebens auf die Medikamente angewiesen.

 

Ähnlich geht es zwei erwachsenen Männern, aus deren Blut die HI-Viren nach einer allogenen hämatopoetischen Stammzelltransplantation (HSCT) verschwunden waren – allerdings auch nur vorübergehend, wie sich jetzt he­rausstellte. Über sie berichten Wissenschaftler um Dr. Timothy Henrich vom Bostoner Brigham and Women’s Hospital im Fachjournal »Annals of Internal Medicine« (doi: 10.7326/M14-1027). Beide Patienten waren zuvor bereits mehrere Jahre mit einer Anti-HIV-ART behandelt worden, die sie nach der HSCT zunächst fortsetzten. Nachdem die Spenderzellen unter ART-Schutz die Empfängerzellen ersetzt hatten, war weder in zirkulierenden CD4-Zellen noch im Plasma HIV-RNA oder -DNA nachweisbar (lesen Sie dazu auch Fallberichte: HIV-frei ohne Medikamente, PZ 28/2013).

 

Die Patienten setzten daraufhin die ART ab und blieben zunächst in Remission. Nach zwölf beziehungsweise 32 Wochen kehrte das Virus jedoch wieder, vermehrte sich stark und führte zu typischen Symptomen einer akuten HIV-Infektion: Fieber, Unwohlsein, Kopfschmerzen und Übelkeit. Beide Männer begannen daraufhin wieder mit einer ART, unter der die Viruslast sank und die sie jetzt weiter fortsetzen.

 

Latent infizierte Zellen

 

In einem begleitenden Editorial in den »Annals« erklärt Professor Dr. Sharon Lewin von der australischen Monash University, warum die Suche nach einer Heilung von HIV so kompliziert ist (doi: 10.7326/M14-1573). Eine ART könne HIV-Infizierte nicht heilen, weil sie latent infizierte, ruhende T-Zellen nicht erreiche, die lange Zeit persistierten. Diese Zellen weisen in ihr Genom integrierte Virus-DNA auf, teilen sich aber nicht. Sie bilden sich rasch nach der Infektion, reichern sich in bestimmten Körper­geweben wie dem Gastrointestinaltrakt an und haben eine extrem lange Halbwertszeit. Daneben scheinen andere langlebige infizierte Zellen wie naive T-Zellen, Astrozyten und Mikroglia eine Rolle zu spielen.

Dass es bei den beiden erwachsenen Patienten erst nach zwölf beziehungsweise 32 Wochen zu einem erneuten Anstieg der Viruslast kam, sei bemerkenswert. Üblicherweise ist das bereits eine bis vier Wochen nach Absetzen einer ART der Fall. Es zeige, so Lewin, dass man mithilfe einer ART die Anzahl der persistierenden, latent infizierten T-Zellen signifikant reduzieren könne. Das belege auch der Fall des Mississippi- Babys, bei dem das Virus sogar 27 Monate lang unter der Nachweisgrenze blieb.

 

Allerdings – und das ist die bittere Lektion – brauche es offenbar mehr als nur einen radikalen Rückgang latent infizierter Zellen, um einen Langzeit-Remission zu erreichen. Parallel dazu müsse das Immunsystem selbst in die Lage versetzt werden, die Infektion zu kon­trollieren. Denn die drei Fälle hätten gezeigt, dass es höchstwahrscheinlich nicht gelingen kann, das Virus komplett aus dem Körper zu eliminieren. Bei den beiden erwachsenen Patienten komme hinzu, dass sie neben der ART im Zuge ihrer HSCT sowohl immunmodulierende Medikamente erhielten als auch an einer Graft-versus-Host-Disease erkrankten. All dies habe vermutlich dazu beigetragen, dass die Zeit in Remission so ungewöhnlich lang ausfiel. Welcher Faktor dabei welche Rolle spielte, müsse nun weiter erforscht werden.

 

Als weiteres Problem benennt Lewin die derzeit verfügbaren Nachweismethoden, die offenbar nicht sensibel genug sind, um verbleibende Viren aufzuspüren. Eine Vorhersage, ob beziehungsweise wann die HI-Viren sich nach dem Ende einer ART wieder vermehren, ist damit nicht möglich. Dringend benötigt werde daher ein Biomarker, der diese analytische Lücke schließe. /

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