Pharmazeutische Zeitung Online
AMK
Ratiopharm

Aufbruch mit neuer Philosophie

24.07.2007
Datenschutz bei der PZ

Ratiopharm

Aufbruch mit neuer Philosophie

Von Hartmut Morck, Ulm

 

Vor zwei Jahren übernahm Dr. Philipp Daniel Merckle die Verantwortung des Ulmer Generikaherstellers Ratiopharm. Damals war das 125 Jahre alte Familienunternehmen in die Schlagzeilen geraten. Mit einer ethisch anspruchsvollen Firmenphilosophie schlug Merckle einen gänzlich neuen Kurs ein.

 

Der 40-jährige Dr. Philipp Daniel Merckle übernahm die Unternehmensleitung in einer Zeit, in der das Unternehmen durch familienfremde Manager mittels unsauberer Marketingmethoden in die Schlagzeilen geriet und Image verlor. Merckle hat mit einer neuen hochethischen Philosophie, die auf Verantwortung und Vertrauen setzt, das Unternehmen neu strukturiert. In einem Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung stellte er seine Unternehmensführung vor, analysierte die augenblickliche Gesundheitspolitik und die Chancen seiner Firma in der Zukunft.

 

Vertrauen und Verbindlichkeit

 

Bei der Umstrukturierung des Unternehmens geht es Dr. Philipp Daniel Merckle, der in der vierten Generation das Familienunternehmen führt und selbst Apotheker ist, darum, langfristige Beziehungen zu schaffen, die nicht auf Oberflächlichkeit aufbauen. Was er zusagt, möchte er auch einhalten. Nur so könnten vertrauensvolle Beziehungen aufgebaut und Nachhaltigkeit geschaffen werden. Er ist der Überzeugung, dass ein Familienunternehmen nur auf diese Weise am Markt bestehen kann.

 

Auf die Frage, warum bei der Neuorientierung die Werbung mit den Zwillingen, die bei Apothekern und auch bei den Verbrauchern hohe Sympathiewerte und einen Wiedererkennungseffekt für Ratiopharm hatten, aufgegeben wurden, antwortete Merckle mit dem Hinweis, dass nach seiner Ansicht mit den Zwillingen zwar Sympathie aber keine Inhalte transportiert werden konnten. Ihm sei gerade im Arzneimittelbereich wichtig, mit der Werbung zu zeigen, dass es um mehr als nur um Arzneimittel geht, sondern vor allem um die Verantwortung für Menschen.

 

Diese Philosophie spiegele sich auch in seiner Initiative »World in Balance« wider, der sich auch die Apotheker anschließen können. Das sind keine oberflächlichen Schlagworte sondern tiefere Themen, die gerade im Gesundheitsbereich angesprochen werden sollten, um etwas zu bewegen beziehungsweise zu verändern. Mit den acht Abenden auf der »Aufbruch-Tour Deutschland«habe er große Resonanz erzielt und deutlich machen können, dass er zu seiner Verantwortung stehe, in diesem Sinne handele und nicht nur darüber rede.

 

Merckle wehrt sich dagegen, mit World in Balance für seine Firma ein neues Image aufzubauen. Darauf ließe sich der neue Weg der Ratiopharm nicht reduzieren. Es sei etwas Grundsätzliches, das er damit ausdrücken wolle und das auch Basis für  seine Partner, also für die Apotheker, sein könne. Apotheker und auch Ärzte sollten wissen, für was sie stehen und welchem ethischen Anspruch sie ihr Handeln unterordnen. Die aktuelle Entwicklung im Apothekensektor, insbesondere das Bestreben Ketten in Deutschland zu etablieren, sieht Merckle kritisch. Die heutige Ausübung des Apothekerberufs enthält nach seiner Auffassung alle Möglichkeiten, ein gutes Arzneimittelsversorgungssystem abzubilden. Er könne nicht erkennen, welche Vorteile eine Liberalisierung des Systems für den Patienten bringen soll. Und das sei das Wesentliche. Sie bringe auch für die Hersteller keine Vorteile und schon gar nicht für die Apotheker. Es gebe im System so viele Ansätze, etwas zu verbessern, die genutzt werden sollten, auch durch die Apotheker selber.

 

Die mit Wirkung zum 1. April 2007 neu geschaffene Rechtslage, dass für verschreibungspflichtige Arzneimittel jegliche Rabatte auf den Herstellerabgabepreis auch im Verhältnis zwischen Hersteller und dem pharmazeutischen Großhandel untersagt sind, hat dazu geführt, dass die Zusammenarbeit zwischen Großhandel und Apotheken-Kooperationen nicht mehr wie bisher durchgeführt werden konnte. Aus diesem Grund hatte Ratiopharm die bisherige Form der Zusammenarbeit termingerecht beendet.

 

Angebot an alle Großhändler

 

Sein grundsätzliches Vorgehen hat Merckle für alle transparent gemacht, auch dem Gesundheitsministerium gegenüber. Hier kam allerdings wenig Resonanz, respektive der Wettbewerb nutzte Merckles faire Zurückhaltung aus. Deswegen hat Merckle sich nach eingehender Prüfung dazu entschlossen, nun die Zahlungsbedingungen zum Großhandel deutlich zu verbessern, um somit seine Handelspartner in die Lage zu versetzen, seinen Kunden, also den Apotheken, auch zukünftig ein Ratiopharm-Sortiment zu marktgängigen Konditionen anbieten zu können. Er betont, dass dieses Angebot allen Großhändlern gemacht wird. Phoenix, dem zum Merckle-Firmenverbund zählenden Großhandel, werde keine Sonderkondition geboten.

 

Sein Angebot sei auf Transparenz und Vertrauen bis hin zum Patienten aufgebaut, was im Gesundheitssystem häufig fehle. Merckle bedauert diese Tatsache, weil gerade das Gesundheitswesen dem Menschen am nächsten ist und vom Vertrauen getragen werden sollte. In der Arzneimitteltherapie könne Compliance nur erreicht werden, wenn der Patient dem Arzneimittel vertrauen kann, das der Arzt ihm verschrieben hat und der Apotheker ihm gibt. »Wenn dieses Vertrauen nicht gewährleistet ist, dann haben wir nicht nur ein Ausgabenproblem sondern auch ein gesundheitliches Problem.«

 

Merckle hat wenig Verständnis dafür, dass im Generikasektor um jeden Cent gefeilscht wird, was aufgrund des Preisniveaus in diesem Sektor nur untergeordnete Einsparungen bringen wird.  Die Kostensteigerungen ergeben sich durch den Bereich der patentgeschützten Arzneimittel, die sich in echte Innovationen und Me-too-Präparate aufteilen.

 

Zerstörte Balance

 

Die Generika hätten in der Vergangenheit für echten Wettbewerb gesorgt und haben damit erhebliche Einsparungen im Gesundheitswesen erst möglich gemacht. Der Wettbewerb habe aber auch zu einer Balance zwischen Generika und Erstanbieterprodukten geführt.

 

Merckle  habe der Politik deutlich gemacht, dass durch die Restriktionen im Generikamarkt diese Balance zerstört worden sei und die Frage gestellt werden müsse, wie es bei einem solchen Ungleichgewicht im deutschen Gesundheitswesen weitergehen soll. Sollte diese Politik weiter betrieben und das System von Kassenseite überstrapaziert werden, sehe er eine große Gefahr für den Standort Deutschland.

 

Während andere Generikafirmen aufgrund des Preisdrucks nicht mehr in Deutschland herstellen lassen, produziert Ratiopharm noch in Deutschland und ist auch in der Lage, aufgrund der Größe und des vorhandenen »Know-hows« noch günstig produzieren zu können, um konkurrenzfähig zu sein.

 

Trotzdem sollte die Politik bedenken, wie weit sie die Schraube noch anziehen kann. Sie sollte ihre Verantwortung für den Standort Deutschland ernst nehmen und nicht durch gesetzliche Restriktionen Arbeitsplätze in Deutschland aufs Spiel setzen. Für das Gesamtsystem werde sich das nicht rechnen.

 

Den Rabattverträgen steht Merckle skeptisch gegenüber. Durch den großen Freiraum bei der Gestaltung der Rabattverträge würde kaufmännische Vernunft ausgeschaltet. Die Konstellation mit Festbeträgen als Preisobergrenze, der Zuzahlungsbefreiung durch Senkung der Preise unter eine Preisgrenze, die mit dem Festbetrag nichts mehr zu tun habe, und den Rabattverträgen mache das System unübersichtlich und sei betriebswirtschaftlich keine gesunde Konstellation.

 

Merckle ist der Ansicht, dass nach  Lösungen gesucht werden  solle, die von allen Partnern akzeptiert werden und das System transparent werden lassen. Den Vorschlag des Deutschen Apothekerverbandes einer Zielpreisvereinbarung sieht er durchaus als eine prüfenswerte Idee an, solange dadurch echter Wettbewerb gefördert werden kann. Trotzdem habe man inzwischen mit einigen Krankenkassen auch Rabattverträge über das gesamte Sortiment abgeschlossen. Nach Merckles Meinung sollte die Politik zunächst sich selbst die Frage beantworten, wo man hinwolle. Das sei auch seine Philosophie, die er mit »World in Balance« verfolgen will.

 

Die Rabattverträge sind, so Merckle , nicht richtungsweisend. Sie führen nur dazu, dass in den Generikafirmen eine gewisse Zurückhaltung für neue Investitionen geübt werde. Gerade in der heutigen Zeit, wo Biosimilars, sprich Generika von Biologicals, vor der Tür stehen, sei es wichtig, die Generikafirmen zu motivieren, in entsprechende Anlagen zu investieren, um solche Produkte auf den Markt zu bringen. Jahrzehnte haben die Generika bewiesen, dass mit ihnen Einsparungen möglich seien. Jetzt stehe eine neue Generation von Produkten an, die das System extrem entlasten könnten.

 

Mit der jetzigen Politik könnte diese Chance vertan werden, weil die Firmen nicht wissen, ob sich das rechnen wird. Da diese Produkte eine lange Vorlaufzeit benötigen, in der viel Geld investiert werden muss, bräuchten die Generikahersteller Planungssicherheit über mehrere Jahre. Ratiopharm wird sich in diesem Markt der Biosimilars engagieren und hat auch eine eigene Produktionsstätte in Ulm aufgebaut.

 

Hohe Umsatzeinbußen

 

Die Zuzahlungsfreiheit von generischen Produkte, die aufgrund des Arzneimittelversorgungs-Wirtschaftlichkeitsgesetzes (AVWG) durch Preisenkung erreichbar ist, hält Merckle für das falsche Steuerungsmittel im Arzneimittelbereich. Ratiopharm habe sich schwer getan, diesem Diktat zu folgen, und hohe Umsatzeinbußen in Kauf nehmen müssen.

 

Mit den vorher verabschiedeten Gesetzen habe die Politik vernünftigerweise die Eigenverantwortung des Patienten gefördert, was aber mit dem AVWG und der Zuzahlungsbefreiung durch Preissenkung auf Kosten der Generikafirmen wieder zurückgefahren wurde.

World in Balance

World in Balance ist eine im Herbst 2006 von Dr. Philipp Daniel Merckle gegründete Stiftung, die den Gedanken des Gleichgewichts und integeren Aufbruchs in unserer Welt zum Inhalt hat. Im Laufe der Zeit werden unter Mitwirkung der Ärzte, Apotheker und der Bevölkerung verschiedene Projekte und Lösungsansätze für gesellschaftliche Probleme entwickelt.

 

Erster Partner von World in Balance ist Dr. Karlheinz Böhm, der mit insgesamt über fünf Millionen Euro unterstützt wird und damit den Menschen in den Projektregionen Asagirt und Boretscha in Äthiopien Hoffung auf ein neues, lebenswertes Leben geben kann.

 

Zweiter Partner ist der 16-jährige Pianist Mark Ehrenfried, der sich längst in die Herzen seines Publikums rund um die Welt gespielt hat. Mark Ehrenfried will mit Lessons und Lectures Jugendlichen Mut machen will, ihre eigenen beruflichen Wünsche und Träume zu realisieren.

Mehr von Avoxa